Ein Hy­brid der er­sten Stun­de

Berrel Kräutler Architekten kombinieren beim Verwaltungs­bau des UVEK in Ittigen einen Betonkern um ein Atrium mit einem Ring aus flexiblen Einzel- und Multispace-Arbeitsplätzen in Holz-Beton-Hybridbauweise.

Data di pubblicazione
21-10-2021

In kaum fünf Minuten gelangt man zu Fuss vom Bahnhof Ittigen auf das Gelände der ehemaligen Gurit-Worbla-Fabrik an der Mühle- und Pulverstrasse. Ihre Bauten wurden zwischen 2002 und 2016 abgebrochen. Zwischen der Worble, einem Bach, der in die Aare führt, und einem Hügelzug, der sich etwa parallel zum Wasser aufspannt, liegt das Grundstück, lang und ein wenig schattig.

Der anstelle der Fabrik entstandene ­Verwaltungscampus mit drei mächtigen Gebäuden, die eine beachtliche physische Präsenz ausstrahlen, beherbergt seit 2006 die Ämter des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK). Die unterdessen 15 Jahre alten Bauten mit markanten, schön vergrauten Holzfassaden stammen von GWJ Architekten, Bern. Dazwischen öffnen sich immer wieder begrünte Plätze und die Sicht auf die leise rauschende Worble.

Ein Hochhaus, das keines ist

Holz spielt nun auch beim vierten und jüngsten Bau von Berrel Kräutler Architekten auf dem Campus eine besondere Rolle – nicht nur, weil er im Jahr 2013 einer der ersten war, bei denen das Material im Wettbewerb vorgegeben war, sondern auch, weil er sich harmonisch und doch eigenständig in seinem Charakter und vor allem mit ­derselben Präsenz zwischen die bestehenden Gebäude einfügt.

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2013 galt er mit seinen sieben Geschossen als Hochhaus und hätte eine Sprinkleranlage benötigt. Daher wäre Holz als ­Ausgangsmaterial zu dieser Zeit nicht unmöglich, aber eher problematisch gewesen. Durch die Brandschutzrevision zwei Jahre später fiel diese Auflage weg. Der Neubau mit 600 Arbeitsplätzen fügt sich nun situativ mit seiner feinen und rhythmisch gegliederten Holzfassade in das vorgefundene Bebauungsmuster des Campus ein.

Entstanden ist ein Hybridbau mit sieben Geschossen aus Beton und Holz und einem achten Technikgeschoss in Holzrahmenbauweise. Der Bau ist Minergie-konform und SNBS-Gold-zertifiziert. Die Abwärme aus einem nah gelegenen Rechenzentrum wird für die Beheizung eingesetzt, und Quellwasser sorgt für Kühlung. Eine ­thermische und eine PV-Anlage liefern den Grundbedarf an Energie, zertifizierter Strom aus Wasserkraft deckt den restlichen Betriebsstrom­bedarf. So nutzt der Bau zu 100 % erneuerbare Energien und verursacht keine CO2-Emissionen.

Zwei Ringe um einen Hof

Vor dem Haupteingang spannt sich ­zwischen Neubau und Hügel ein grosser Platz auf. Die Materialisierung im UVEK wurde so gewählt, wie sie den Funktionen am ehesten entspricht. Empfang, Restaurant, Büros, Lager, Archive, Technik und andere Funktionen sind kranzförmig um einen zentralen Hof aus rauem Sichtbeton angelegt. Darum herum umfasst ein erster, innerer Ring – je nach Etage – Nebenräume oder Erschliessung und führt beim Durchschreiten der Brandschutztüren in den zweiten Ring hinter der Fassade mit den Büros. Das Ambiente wechselt unerwartet, wird wärmer und lichter: Stützen und Wände sind aus weiss lasiertem Fichtenholz, ebenso die Träger an den Decken, die als Tragwerk von der verlorenen Schalung dahinter zeugen.

Die Fichtenfassade nimmt den für die Arbeitsplätze günstigen 1.30-m-Raster der Innenräume auf. Umlaufende Vordächer über jeder Etage strukturieren das Volumen und schützen das Äussere vor der ­Witterung. 2013 waren gleich viele Arbeits­plätze in ­Zellenbüros wie in offenen Arbeitszonen vorgesehen. Schliesslich setzte man mehr offene Plätze als Multispace um. So lässt sich das Bürokonzept bei ­Bedarf anpassen und bietet Handlungsspielraum, sollten sich Arbeitsweisen wie Homeoffice und mobiles Arbeiten vermehrt durchsetzen.

Im Erdgeschoss hätten Stützen und ­Träger aus Buchenbeständen der arma­suisse (Bundesamt für Rüstung) gefertigt werden sollen. Als sich jedoch herausstellte, dass die Holzqualität ungenügend war, ver­wendete man schichtverleimte Buche. Der Restaurantboden und die heruntergehängte Decke sind aus Eiche, die Konstruktion ­hinter der Decke ist aus Fichte. Insgesamt wirken die Räume, die den Hofbereich ­­ um­fliessen, grosszügig und offen, die ­Holz­arten fügen sich harmonisch neben­einander. Das für die Struktur nicht ­ein­gesetzte ­Buchenholz der armasuisse verkleidet nun als reliefartige Akustikdämmung das Auditorium.

Filigran und farbig

Im Restaurant kommt über die geschosshohen Fenster eine weitere tragende Qualität des Entwurfs zur Geltung: Das Bauvolumen lässt gegen die Worble einen Aussenraum mit auenartiger Vegetation offen, die in Zukunft noch einwachsen wird. Genauso wurde hangseitig der Grünraum in die Umgebungsgestaltung miteinbezogen, indem man einen Fussweg, der durch den Wald führt, erweiterte und mit Rastplätzen zur Erholung ergänzte.

Auf den Breitseiten des Hofs liegt je ein Fluchttreppenhaus, das jedoch viel skulpturaler wirkt, als es die Bezeichnung vermuten lässt: Die kunstvolle ­Bretterschalung zeichnet sich an der Betonuntersicht der Treppe wie die filigranen Querrillen auf dem Haus einer Weinbergschnecke ab. Auf jeder Etage ermöglicht ein geschosshohes Fenster den Blick auf den immer wieder anders gegliederten Hof und das Zwillingstreppenhaus. Je nach Etage gibt es hofüber­grei­fende Räume, die Querbezüge schaffen, wie der Konferenzsaal, der wie eine Brücke von einer Längsseite zur anderen führt. Die grüne und gelbe ­Möblierung des Aufenthaltsraums im Hof auf dem zweiten Stock verleiht dem Ort pointierte Frische. Daran vorbei gelangt über drei Oberlichter Tageslicht bis ins Eingangsgeschoss.

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft «Stadt aus Holz – Büros, Werkhöfe, Ateliers und andere Arbeitsorte». Weitere Artikel zum Thema Holz finden Sie in unserem digitalen Dossier.

Am Bau Beteiligte

 

Bauherrschaft: Bundesamt für Bauten und Logistik BBL, Bern

 

Architektur: Berrel Kräutler Architekten, Bern

 

Statikplanung: Dr. Schwartz Consulting, Zug

 

Landschaft: ORT für Landschaftsarchitektur, Zürich

 

Holzkonstruktion: Wenger Holzbau, Steffisburg

 

Herstellung Holzbauteile: Hüsser, Bremgarten und Fagus, Les Breuleux


 

Gebäude

 

Geschossfläche brutto (SIA 416): 20 000 m2 (1. Etappe)

 

Volumen (SIA 416): 75 000 m3 (1. Etappe)


 

Holz und Konstruktion

 

Tragwerk, total: 630 m3

 

Brettschichtholz Fichte (HSH): 559 m3

 

Buche Furnierschichtholz: 55.5 m3 (Unterzüge EG)

 

Buche Stabschichtholz: 15.5 m3 (Stützen EG)


 

Daten und Kosten

 

Wettbewerb: 2013

 

Bau: 2017–2020

 

Total (BKP 1-9): 81 Mio CHF

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