Ma­cht ei­ne Saf­fa heu­te noch Sinn?

Salongespräch im Domus-Haus Basel über die Berufstätigkeit der Frau – damals und heute

«Wie liesse sich die Vision einer ‹Schweizer Ausstellung für Frauenarbeit› – kurz Saffa – heute umsetzen? Und braucht es in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch eine Ausstellung dazu?», fragte 1988 die langjährige Direktorin des Basler Architekturmuseums Ulrike Jehle-Schulte Strathaus die Architektinnen Inès Lamunière, Flora Ruchat-Roncati und Beate Schnitter. Sie kuratierten 1989 für das Museum die Ausstellung «SAFFA 1928, 1958 ... und heute?». Rund dreissig Jahre später diskutierten erneut drei Architektinnen aus drei Generationen und drei Schweizer Sprachregionen die gleichen Fragen am gleichen Ort.

Data di pubblicazione
04-06-2018
Revision
06-06-2018

Das ehemalige Architekturmuseum und historische Domus-Haus – heutiger Hauptsitz des BSA – diente als Rahmen des Mitte Mai stattfindenden Salongesprächs No. 10, das der Verein créatrice.ch anlässlich des sechzigjährigen Jubiläums der Saffa organisierte. Diesmal vertrat die Welschweizerin Inès Lamunière die älteste Generation, gefolgt von der Zentralpräsidentin des BSA Ludovica Molo aus dem Tessin und der Deutschschweizer Architektin Corinna Menn als Jüngste in der Runde. Ulrike Jehle-Schulte Strathaus und ihre ehemalige Mitarbeiterin, Kunsthistorikerin Dorothee Huber, vervollständigten das Podium.

Inès Lamunière schwärmt vom kollektiven Arbeitsprozess zur damaligen Ausstellung. Mit ihren erfahrenen Kolleginnen verband sie nicht nur beruflich, sondern aufgrund der angelsächsischen Herkunft oder Erziehung auch kulturelle Gemeinsamkeiten. Ruchat-Roncati war als erste Gastdozentin an der Architekturabteilung der ETH in dieser Runde emanzipiertes Vorbild. Dorothee Huber sah in der vielfältigen, teilweise provokativen Ausstellung eine Pionierleistung mit ästhetischen, szenischen, teilweise surrealen Elementen im Stil von Meret Oppenheim. Ulrike Jehle-Schulte Strathaus, die sich zur Generation der 1968er zählt, war überrascht, wie selbstverständlich die Frage nach der Rolle der Frau konzeptionell verstanden wurde. Der Fokus lag auf dem «Was sind wir?», weniger auf «Was wollen wir erreichen?».

Ludovica Molo resümiert, dass Frauen mehr über ihre Lebensabschnitte definiert werden als Männer. Im Studium sind noch alle gleich; sobald die Mutterschaft ein Thema wird, kommen Erwartungen aus der Gesellschaft, der Familie und auch an sich selbst. Selbst Grossmütter werden vermehrt auf den Nachwuchs angesprochen. Arbeit und Leben, Kreativität und Privatsphäre stehen oft nicht im Gleichgewicht, verunmöglichen es gar, sich um seine Mitmenschen – eben Kinder oder Eltern – zu sorgen. Das liege sicher auch an den fehlenden oder den sich verweigernden Vorbildern, aber auch daran, dass die Schweiz – wie schon beim Wahlrecht – in der Entwicklung immer noch etwas hinterherhinkt. Molo bemängelt den auffallend geringen Frauenanteil im BSA von rund 13% im Jahr 2016. Deshalb ruft sie auf zu mehr Kooperation der Frauen untereinander auf, die sich auch politisch durchsetzen sollten.

Corinna Menn schliesst sich der Meinung an, dass Frauen und insbesondere Architektinnen mehr Energie für politische Aktivität aufbringen sollten. Obwohl sie in ihrer Generation mehr Gleichheit im Arbeitsalltag erlebt und sich als Frau im Architekturumfeld akzeptiert fühlt, spürt auch sie ein Ungleichgewicht in den Gremien, Kongressen usw. Sie stellt sich die persönliche Frage: Was könnte mein Beitrag sein, dies zu ändern?

Im Einstiegsreferat erläuterte gta-Dozentin Katja Frey die Bewegründe für die in Bern unter der Leitung der Chefarchitektin Lux Guyer stattfindende erste Saffa. Ausserfamiliäre Arbeit und damit finanzielle Mitbestimmung und gesellschaftliche Anerkennung waren 1928 in der Schweiz noch die Ausnahme. Die zweite Saffa von 1958 stand im Spannungsfeld der ersten Abstimmung zur Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts von 1959 und dem provokativen Buch von Iris von Roten Frauen im Laufgitter (1958).

Überraschenderweise war es S AM-Direktor und Mitorganisator der Veranstaltung Andreas Ruby, der den Podiumsteilnehmerinnen am Ende der Diskussion die Frage stellte, ob das Museum und die Ausstellung denn heute noch der geeignete Ort für die Manifestation von Frauenthemen seien. Im Verweis auf die Ideale der Moderne, die sich von den Museumwänden befreien wollte, stellte er die Notwendigkeit zur Wiederholung der Saffa-Ausstellung infrage.

Im Jubiläumsjahr der Saffa bietet das umfangreiche Programm sowohl den historischen Rückblick wie auch eine Gegenwartsdiagnose. Sinnvoll wäre die Verlinkung, das Netzwerken, Schaffen von Plattformen für berufstätige Frauen – und besonders für berufstätige Mütter –, um Wege aufzuzeigen, wie der Spagat zwsichen Beruf und Familie gelöst werden kann. Da es sich um eine gesellschaftliche Frage handelt, stehen sich die private und die politische Ebene diametral gegenüber. Der überfüllte Raum des BSA-Büros im historischen Domus-Haus zeigte das grosse Interesse an der Diskussion um die Frage auf, wie sich die Situation der Architektinnen und allgemein der Frauen in der Gesellschaft noch verbessern kann.

Moderiert hat den Anlass Sabine von Fischer, unter Koproduktion mit dem SNF-Projekt Flora Ruchat-Roncati, Netzwerk frau+sia Basel, S AM und dem BSA als Gastgeber. Die nächste Créatrices-Veranstaltung ist die Tagung «60 Jahre SAFFA 1958 – Frauen bewegen und gestalten» am 27. Juni im Museum für Gestaltung in Zürich, begleitet von der Ausstellung «SAFFA 1958 – die Landi der Frauen».

Articoli correlati