Gebäudezertifizierung und Recycling

Nachhaltiger Büroneubau

Das Einrichtungshaus IKEA hat im Februar 2018 in Spreitenbach das New Service Office (NSO) bezogen. Im Juni 2017 erhielt das neue Bürogebäude das BREEAM-Interim-Zertifikat «Design Stage» auf dem Niveau «Very Good». Das Thema Recycling spielte dabei eine besondere Rolle.

 

Regina Hardziewski Senior-­Projektleiterin Consulting, Immo­bilien- und Facility-Management bei Amstein + Walthert

Im New Service Office (NSO), dem neuen IKEA-Bürogebäude in Spreitenbach, wurden verschiedene Abteilungen des Unternehmens zusammengelegt. Mit einer Geschossfläche von 4000 m2 bietet der zweigeschossige Bau Platz für 220 Mitarbeitende. Ziel war es, ein nachhaltiges Gebäude zu erstellen, das sowohl den internationalen als auch den schweizerischen Anforderungen an die Nachhaltigkeit entspricht.

Das IKEA-Management hat die Nachhaltigkeitszertifizierung BREEAM1 ab Januar 2016 als Vorgabe für alle Neubauten bestimmt. Auch das NSO wird nach diesem aus Grossbritannien stammenden Bewertungssystem für ökologische, ökonomische und soziokulturelle Nachhaltigkeitsaspekte von Gebäuden bewertet. Nach Aussage von Lorenz Isler, dem Nachhaltigkeitsverantwortlichen bei IKEA Schweiz, ist für IKEA ein internationales Bewertungssystem wichtig, um die Vergleichbarkeit der Objekte in den verschiedenen Ländern zu gewährleisten.

Seit der Lancierung von BREEAM Anfang der 1990er-Jahre wurden weltweit über 500 000 Gebäude zertifiziert und über zwei ­Mil­lionen zur Zertifizierung registriert. BREEAM ist eines der wenigen ­internationalen Systeme, die sich bei der Bewertung auf nationale Normen des jeweiligen Lands stützt und nicht auf die Normen des ­Herkunftslands.

Neben BREEAM wird das New Service Office auch mit den beiden nationalen Systemen Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) und Minergie zertifiziert. Gemäss Lorenz Isler erfolgt die zusätzliche Zertifizierung mit den schweizerischen Standards, um auch lokal Akzeptanz und Anerkennung zu erhalten. Der im Juni 2014 lancierte SNBS hat zum Ziel, die drei Dimensionen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt gleichberechtigt in Planung, Bau und Betrieb einzubeziehen und damit den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie zu berücksichtigen.

Recycling im Kontext der Gebäudezertifizierungen

Bei der Bewertung der Gebäudenachhaltigkeit spielt auch das Thema Recycling eine Rolle. Sowohl der nationale SNBS als auch das internationale System BREEAM bewertet Recycling in der Ausführungsphase und im Betrieb. Im Sinn der Ressourcenschonung fordert der SNBS, dass der Volumenanteil an Bauteilen, für die Recyclingbeton (RC-Beton) angewendet werden kann, mindestens 50 % beträgt. Ebenso wie der SNBS belohnt auch BREEAM den Einsatz rezyklierter und sekundärer Zuschlagstoffe mit Punkten bei der Nachhaltigkeitszertifizierung.

Die Menge an rezyklierten Zuschlagstoffen muss dabei mehr als 25 % der gesamten bei dem Gebäude verwendeten Zuschlagstoffe betragen. Beim NSO wurden alle Decken und Wände sowie die ge­samte Fundation zu 100 % aus Beton mit recycelten Zuschlagstoffen erstellt. Das Volumen an recycelten Zuschlagstoffen beträgt beim NSO ­insgesamt 30 %. Bei BREEAM wird ausserdem die Trennung des Bauabfalls auf der Baustelle in einzelne Fraktionen bewertet. Ziel ist die Erhöhung der Ressourceneffi­zienz durch die Aufbereitung und Wiederverwertung des Bauabfalls. BREEAM fordert die Trennung, ­Wiederverwendung und Recycling des anfallenden Bauabfalls in mindestens fünf Abfallgruppen.

Aus Alt wird Neu

Beim NSO wird zur Abfalltrennung das Mehrmuldenkonzept angewendet, d. h., es wurden auf der Baustelle Einstoffmulden (Holz, Metall etc.), Mulden für Mischabbruch (mine­ralisch), Mulden für brennbares Material und Mulden für Sperrgut aufgestellt. Betonabbruch kann somit durch Aufbereitung wieder der Herstellung von RC-Beton zugeführt werden. Alle brennbaren Ma­te­ri­alien werden im Kehrichtheizkraftwerk in Dietikon ­thermisch wiederverwertet (mit Energierückgewinnung). Der Stahlschrott wird im Stahlwerk Gerlafingen durch Einschmelzen zu neuen Stahlerzeugnissen geformt. Und der Holzabfall wird durch Altholzre­cycling als ­Basismaterial für die Spanplatten­industrie wiedereingesetzt. Bei der Abfallentsorgung im Betrieb vergibt der SNBS Punkte für «Abfalltrennsysteme» sowie «Angebote zur Wiederverwertung und Ent­sorgung». Der SNBS fordert, dass Entsorgungsmöglichkeiten für die Ressourcen Karton, PET, Verpackungsmaterial, Glas, Papier, Restmüll und Grünabfall vorhanden sind.

Im Hinblick auf den späteren Betrieb bewertet BREEAM die Bereitstellung von Lagerflächen für die betriebsbedingten recyclingfähigen Abfallmengen eines Gebäudes. Das NSO bietet in den Büro­bereichen Recyclingräume mit Boxen, die zur Trennung von Karton, Papier, Plastik, Metall, Batterien und Druckerpatronen dienen. In der Teeküche und den Kaffeestationen  sind Behälter zur Abfallsortierung von Misch- bzw. Bioabfall, PET, ­Aluminium und Glas aufgestellt.

Die Wertstoffe aus den verschiedenen Recyclingstationen des NSO werden im Abfallraum im UG zwischengelagert und durch den Entsorger abgeholt. Altpapier und Karton werden in der Papierfabrik Perlen aufbereitet und in der Papier- und Karton­industrie wiederverwertet. Aus der Verbrennung des gemischten Abfalls im Kehrichtheizkraftwerk Dietikon wird Energie zurückgewonnen, und aus dem Bioabfall entsteht in Bio­gasanlagen Biogas.

Abfälle zu Wertstoffen

Recycling in der Bauausführung durch den Einsatz von RC-Beton, die Trennung und Wiederverwertung von Bauabfall bzw. Abfall  im Gebäudebetrieb trägt durch ­Ressourcenschutz und Einsparung von CO2-Emissionen zu einem nach­haltigen Gebäude bei. Der positive Einfluss von Recycling auf die ­Nachhaltigkeit wird bei der Zertifizierung mit Punkten aus­gezeichnet.

Durch das weltweite Be­völke­rungs- und Wirtschaftswachstum verstärkt sich der Druck auf die natürlichen Ressourcen. In Zukunft wird die rohstofforientierte Kreislaufwirtschaft an Bedeutung gewinnen. Abfälle werden dabei zu Wertstoffen, und Recycling wird zum Schlüssel einer nachhaltigen Rohstoffgewinnung. Gemäss dem Rat für nachhaltige Entwicklung gilt die Circular Economy als Wirtschaftsmodell der Zukunft, da sie die eingesetzten Rohstoffe länger und häufiger nutzt, als dies heute der Fall ist.

Anmerkung
1 Building Research Establishment Environmental Assessment Methodology (www.breeam.com)

Am Bau Beteiligte

Bauherrschaft
IKEA Spreitenbach

Architektur
meierpartner architekten, Wetzikon

Projektmanagement
S+B Baumanagement, Winterthur

Gebäudetechnikplanung/HLKS/SP/GA
Amstein + Walthert, Zürich

Fassadenplanung
Rytz, Zunzgen

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