«Keine Ein­zel­per­son deckt alle Dis­zi­pli­nen ab»

Interview

Die kenova-Energiezentrale ist seit Sommer 2026 in Betrieb – ein kolossaler Generationenbau mit ikonischer Erscheinung und hoch komplexem Innenleben. Wie lässt sich ein solches Projekt planen? Die Verantwortlichen berichten über die wichtigsten Lehren des letzten Jahrzehnts.

Date de publication
24-06-2026
Judit Solt
Fachjournalistin BR, Chefredaktorin espazium magazin

Der Neubau wurde 2025 fertiggestellt und nahm im Sommer 2026 nach einem halben Jahr Probebetrieb den regulären Betrieb auf. Er ist auf eine Lebensdauer von rund 50 Jahren ausgelegt; der Lebenszyklus der Prozesstechnik im Inneren dagegen ist teilweise deutlich kürzer. Wie gelang es, diese unterschiedlichen Zeithorizonte in Einklang zu bringen?

Markus Juchli: Die Generationsfähigkeit und die Erneuerungszyklen der Anlage beschäftigen uns als Betreiber stark. Das beginnt beim Areal: In der Schweiz sind die Landressourcen knapp, wir müssen haushälterisch mit dem Boden umgehen. Künftige Transformationen müssen innerhalb des gegebenen Perimeters stattfinden können. Die Vorgängergeneration hatte die alte Anlage darauf ausgelegt, eine Erweiterung durch eine zusätzliche Ofenlinie zu ermöglichen. Für diese Option hatte man Vorinvestitionen im Bereich des Abfall­bunkers getätigt, doch sie wurde nie genutzt. Die Prämissen haben sich geändert.

Joachim Rutz: Ein Weiterentwickeln der alten Anlage hätte einerseits die Chance verbaut, einen höheren Wirkungsgrad zu erzielen. Andererseits wäre das Gelände nicht optimal genutzt worden. Deshalb kamen wir nach einer intensiven, gemeinsamen Auseinandersetzung im technischen Vorprojekt zur Einsicht, dass ein Neubau mehr Sinn machen würde. Wir lösten uns von der ursprünglichen Erweiterungsidee und begannen, das Projekt neu zu denken. Zunächst im grossen Massstab im Rahmen einer Masterplanung für das ganze Areal am Emmenspitz: Wie lassen sich alle Nutzungen effizient auf dem Grundstück anordnen, sodass die nächsten Generationen möglichst viel Handlungsfreiheit haben? Wo muss der Neubau stehen, damit man – falls man auch ihn einmal ersetzen statt weiterbauen wollte – auf dem Grundstück eine zweite Anlage errichten kann, ohne den Betrieb zu unterbrechen? Die Erfahrung mit dem Altbau hat uns gelehrt, dass es nicht reicht, das Gebäude selbst flexibel zu gestalten: Die Flexibilität muss das ganze Areal umfassen.

In einem nächsten Schritt brauchte es auch bzgl. des Neubauprojekts noch eine zündende Idee, wie die Anlage zwischen Emme und Bahnanschluss unter Ausnutzung der maximal möglichen Länge kompakt angeordnet werden konnte: Die Idee der Drehung des Müllbunkers um 90° war diesbezüglich der entscheidende Durchbruch, weil damit der Platz für die Anlieferung «gespart» werden konnte.

«Zwischen Aare, Emme, Bahnlinie, Kanton­sstrasse und Abwasserreinigungsanlage ist jeder Quadratmeter wertvoll und wird meist schon mehrfach genutzt.»

Christian Penzel: Es brauchte einen Masterplan, wie im Städtebau, um die zur Verfügung stehende Fläche unter den gegebenen Prämissen geometrisch zu organisieren. Im Zentrum standen vor allem technische Fragen wie Stoff- und Energiekreisläufe, Erschliessung, Logistik und sukzessive Bauab­folgen unter Betrieb. Der Entscheid, das Grundstück möglichst freizuspielen, führte dazu, dass der Neubau näher als ursprünglich geplant an die Kantonsstrasse rückte, was wiederum Folgen für den architekto­nischen Ausdruck hatte. Bei alldem ging es auch um die Zukunftsfähigkeit der be­nachbarten Nutzungen, ihre Erschliessung und ihre künftigen Entwicklungsmöglichkeiten. Die kenova ist auf allen Seiten eng gefasst: Zwischen Aare, Emme, Bahnlinie, Kanton­sstrasse und Abwasserreinigungsanlage ist jeder Quadratmeter wertvoll und wird meist schon mehrfach genutzt.

Joachim Rutz: Das gilt auch für den Untergrund: Im Lauf der Zeit wurden praktisch überall Werkleitungen gelegt, nach Bedarf, ohne Gesamtkonzept. Diese verworrene Situation war ein weiteres Argument für den Neuanfang; auch im Hinblick auf die Erschliessung und Versorgung brauchte es eine übergeordnete, zukunftsfähige Logik. Neu verlaufen die Hauptversorgungsleitungen entlang der Zufahrtstrasse, die als Lebensader für das ganze Gebiet dient. Beim Rückbau der alten Anlage wird auch der Untergrund freigeräumt, sodass die nächste Generation frei über den Standort verfügen kann.

Johannes Süssbier: Der Neubau selbst ist so konzipiert, dass die Prozesstechnik für spätere Wartungs- oder Erneuerungsarbeiten zugänglich bleibt. Die grosse Prozesshalle mit den Verbrennungslinien zum Beispiel ist im Grunde eine simple, von den Anlagen in ihrem Inneren losgelöste Stahlkonstruktion. So wurde sie auch gebaut: Zuerst wurde der massive Sockel mit den Treppentürmen in Beton erstellt, anschliessend kamen die grossen Verbrennungsöfen und Behälter, dann wurde die Hülle drumherum errichtet. Eine Besonderheit der Halle ist, dass ihr Dach sich wie die Motorhaube eines Autos öffnen lässt, damit grosse technische Einrichtungen mit einem Kran herausgehoben und ausgetauscht werden können. Der Sockelbau aus Beton, auf dem die Halle steht, hat dafür seitliche Zugänge.

«Entscheidend sind Prozesse mit vielen Iterationsschleifen – und eine sehr gute Teamarbeit mit offenen Gesprächen, gegenseitiger Wertschätzung, Kompromissbereitschaft und dem Willen, gemeinsam nach der besten Lösung zu suchen.»

Wegen der Grösse des Neubaus und der Komplexität der technischen Abläufe zog sich das Projekt über zehn Jahre hin – vom technischen Vorprojekt 2015, das den Raumbedarf festlegte, bis zur Fertigstellung und zum Probebetrieb 2026. Der Rückbau der alten Anlage und die Aussenraumgestaltung dauern bis 2028. Wie bei längeren Planungs- und Bauprozessen nicht unüblich, haben sich in der Zwischenzeit einige Randbedingungen geändert. Wie gingen Sie damit um?

Joachim Rutz: Obwohl der Betreiber viel Erfahrung und eine Vision für die Zukunft eingebracht hat, musste man mit Unschärfen umgehen können. Massgebliche Gesetze wurden revidiert, dann kamen die Lockdowns und die forcierte Digitalisierung der Covid-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Unterbrechung von Lieferketten, die Unsicherheit auf den Weltmeeren … Um all das aufzufangen, brauchte es ein resilientes System. Entscheidend sind Prozesse mit vielen Iterationsschleifen – und eine sehr gute Teamarbeit mit offenen Gesprächen, gegenseitiger Wertschätzung, Kompromissbereitschaft und dem Willen, gemeinsam nach der besten Lösung zu suchen.

Markus Juchli: Die kenova ist Teil eines Netzwerks von Infrastrukturen und Industrien. Diese haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt und werden sich weiter wandeln. Manche Betriebe gibt es nicht mehr. Ein Beispiel: Früher belieferten wir die benachbarte Industrie – etwa die Papierfabrik Biberist – direkt mit Dampf, heute steht die Fernwärmeversorgung der Region im Fokus, die weiter ausgebaut wird. Für eine optimale Energienutzung wurde eine grosse Dampfturbine installiert. Diese benötigt ein Kühlsystem. Die Aare dafür zu nutzen, wäre naheliegend gewesen; nicht zufällig steht unsere Energiezentrale, wie viele andere Kraftwerke auch, an einem Fluss. Doch heute – in der Klimakrise, mit heissen Sommern, steigenden Wassertemperaturen und dem dadurch verursachten Fischsterben – darf man die Gewässer nicht noch zusätzlich aufwärmen. Deshalb haben wir entschieden, von der Wasser- auf die Luftkühlung umzustellen. 

Christian Penzel: Die neue Dampfturbine und die Luftkühlung, die nach dem Architekturwettbewerb als zusätzliche technische Elemente hinzukamen, erforderten die Integration eines neuen Gebäudeteils. Luftkondensatoren benötigen viel bauliches Volumen. Nun kondensieren acht Ventilatoren mit einem Durchmesser von je 10 m den Dampf aus der Turbine. Diese sind in einer hohen raumhaltigen Auskragung zusammengefasst, die sich aus dem seitlichen Gebäudeflügel entwickelt, der Verwaltung und Flugaschewäsche beherbergt. Auch die PV-Anlage an den Fassaden der Prozesshalle, aktuell eine der grössten PV-Fassadenanlagen der Welt, fehlte im Wettbewerbsprojekt noch: Zu aufwändig, befand man zu Projektbeginn. Heute ist die Nutzung der Fassaden für die Solarstromproduktion für Energiezentralen selbstverständlich. Ein solches Bauvorhaben wird iterativ entwickelt. Das gilt auch für den architektonischen Entwurf: Er musste robust genug sein, um trotz Änderungen seine wesentlichen Stärken beizubehalten.

«Der Auftraggeber lebt die Kultur vor, die alle Beteiligten dann mitleben können.»

Der iterative Entwicklungsprozess erforderte eine intensive Zusammenarbeit von Bauherrschaft und Planungsteam. Wie war die interdisziplinäre Koop­eration organisiert? Wie kam es, dass der Austausch zwischen den Fachleuten tatsächlich funktionierte?

Joachim Rutz: Planung und Bau einer solchen Anlage erfordern einen jahrelangen Verhandlungsprozess. Den kann nur die Bauherrschaft leiten. Ihre Rolle ist zentral, nicht nur gegenüber dem Planungsteam; sie muss auch innerhalb der Stakeholder-Gemeinschaft vermitteln, verschiedene Ansprüche der eigenen Organisation berücksichtigen, divergierende Interessen zusammenführen. Sie muss Projektziele definieren, Themen weiterentwickeln, auf geänderte Prämissen reagieren, das Planungsteam orchestrieren. Nur dann, wenn die Bauherrschaft alles zusammenhält, Entscheide fällt und diese verständlich vermittelt, funktioniert das Planungsteam zielführend.

Markus Juchli: Speziell war sicher, dass wir als KMU ein Projekt dieser Grösse abwickeln mussten. Unser Team bestand aus gerade einmal drei bis vier Person­en, die alle Disziplinen abdecken mussten. Das ging nur, indem wir uns Unterstützung holten. Insbesondere TBF + Partner hat uns sehr viel abgenommen. 

Joachim Rutz: An Markus Juchli hing enorm viel. Er war kenova-Direktor, Gesamtprojektleiter und Geschäftsführer des Zweckverbands der Abwasserregion Solothurn-Emme (ZASE) in Personalunion. Diese Kombination warf Fragen auf, die Belastung ist bei einem solchen Projekt enorm. Wir haben gemeinsam überlegt, auf einer sehr vertrauensvollen Basis, wie die Bauherrschaft trotz schlanker Organisation für Entlastung und Stabilität sorgen kann. Die kenova gründete einen Bauausschuss mit drei Verwaltungsratsmit­gliedern und der Geschäftsleitung, was sich als wichtiger Erfolgsfaktor erwiesen hat. 

Markus Juchli: Niemand kann als Einzelperson alle Disziplinen abdecken. Bei einem Projekt dieser Grösse erzeugt das eine gewisse Unschärfe, wer für welchen Part zuständig ist: Nur schon auf Planerseite waren Hunderte von Personen beschäftigt. Trotzdem muss alles zusammenfinden und sich zu einem Ganzen zusammenfügen.

Joachim Rutz: Der Schlüssel liegt in Vertrauen, gegenseitiger Unterstützung und einer offenen Fehlerkultur. Es braucht Toleranz und Resilienz, auf Bauherrenseite und im Planerteam. Wir fragten uns immer: Was läuft gut? Wie können wir aushelfen? Als zum Beispiel mittendrin der GU für die saure Flugaschewäsche und Abwasserreinigung ausfiel, haben wir dessen Aufgaben übernommen und die Ausführungsplanung sowie die Beschaffung der einzelnen Komponenten, die Montageleitung und die Inbetriebsetzung übernommen. Der Auftraggeber lebt die Kultur vor, die alle Beteiligten dann mitleben können.

«Die ungewohnte Perspektive half zuweilen, eine neue und bessere Lösung zu entwickeln.»

Christian Penzel: Für uns Architekten war die Planung einer Energiezentrale damals Neuland. Die anderen Beteiligten haben ihr Wissen mit uns geteilt, wir haben sehr viel von ihnen gelernt. Das hat die architektonische Konzeption weitergebracht. Auf der anderen Seite durften wir – ohne prozesstechnischen Hintergrund, aber mit räumlich geschultem Blick – Ideen für die Anordnung von technischen Einrichtungen einbringen. Das konnte nicht immer funktionieren, aber die ungewohnte Perspektive half zuweilen, eine neue und bessere Lösung zu entwickeln. Von wem oder aus welcher Disziplin eine Idee kam, war irrelevant, Hauptsache, sie brachte das Projekt weiter. Diese offene und konstruktive Gesprächskultur innerhalb des Projektteams prägte die ganze Zusammenarbeit. Sie fokussierte auf Lösungsfindung statt auf Fehler, auf gegenseitiges Vertrauen statt auf gegenseitige Überwachung.

Johannes Süssbier: Es gab noch zwei weitere Erfolgsfaktoren: die im Vergleich zu anderen Bauprojekten in dieser Dimension sehr kurzen Entscheidungswege und, man glaubt es kaum, die Covid-Pandemie. Ohne Lockdowns hätten wir nicht so schnell Remote-Sitzungen eingeführt und hätten mehr Zeit für die Fahrten verloren.

Markus Juchli: Im März 2020 wurde der Lockdown verhängt, im Mai 2020 war der Spatenstich. Wir mussten im Team abwägen, ob eine Baustelleneröffnung unter diesen Bedingungen möglich ist.  Wir haben uns für den Baustart entschieden, was sich im Nachhinein als richtiger Entscheid erwies.

«Meines Wissens ist der kenova-Neubau das erste Projekt dieser Grössenordnung in der Schweiz, das konsequent mit BIM geplant und realisiert wurde.»

Das Projekt wurde mit der BIM-Methode geplant und umgesetzt. Planungs- und Bauprozesse waren nicht zwei voneinander klar abgegrenzte Phasen, sondern ineinander integriert. Wie gelang es, das Ineinandergreifen aller «Zahnräder» sicherzustellen? 

Markus Juchli: Für uns als Auftraggeber ging es nicht um 3D-Modelle an sich, sondern um eine Methode, die Entscheidungen erleichtert. Der Mehrwert aus unserer Sicht war, dass die Modelle, die in den Sitzungen immer präsent waren, die Transparenz erhöht und die Kommunikation vereinfacht haben. Ohne diese Methode wäre das Projekt nicht so effizient abgelaufen. 

Joachim Rutz: Als wir zu Beginn der Planung vorschlugen, die BIM-Methode im Projekt zur Anwendung zu bringen, galt es zuerst, die Bauherrschaft vom Nutzen zu überzeugen. Am Ende brauchte es viel Vertrauen, dass diese neue Methode unter dem Strich einen Mehrwert generiert. Hierbei half uns unsere Erfahrung im internationalen Anlagenbau, wo die BIM-Methode bereits 2015 vergleichsweise weit entwickelt war. Gleichzeitig war uns klar: Entweder wir setzen im ganzen Projekt konsequent auf die BIM-Methode oder gar nicht. Entsprechend haben wir auch im Architekturwettbewerb die BIM-Planung als zwingende Voraussetzung eingefordert. Für die Baubranche war sie noch neu, und einige Planungsbüros bekundeten Mühe damit. Sehr gut funktioniert hat BIM to Field. Wir waren einigermassen erstaunt, dass viele Gewerke von Anfang an konsequent mit Tablets statt Plänen auf der Baustelle gearbeitet haben. Meines Wissens ist der kenova-Neubau das erste Projekt dieser Grössenordnung in der Schweiz, das konsequent mit BIM geplant und realisiert wurde. Trotz technischer Kinderkrankheiten war es eine Erfolgsgeschichte.

Johannes Süssbier: Das kann ich bestätigen. Für uns war es das erste grosse BIM-Projekt, es hat sich gelohnt, uns die neue Methode anzueignen. Aus unserer Sicht einzigartig war, dass alle Planungsbüros während fast sieben Jahren einen wöchentlichen Modell-Upload vorgenommen haben. Man stelle sich vor: Wir entwickelten das Projekt in wöchentlichen Iterationsschritten, ohne Unter­brechungen, ohne Wartezeiten! Ohne BIM wäre es unmöglich gewesen, alle Änderungen umzusetzen und die Termine trotz aller Krisen einzuhalten.

Christian Penzel: Was das Ineinandergreifen der Projektphasen mit BIM betrifft: Es stimmt schon, wir bauen heute anders als vor zwei Jahrzehnten. Trotzdem gibt es aus meiner Sicht eine klare Grundstruktur: zuerst die Vorprojektphase mit den konzeptuellen Überlegungen, dann das Bauprojekt und als dritter Schwerpunkt das Bewilligungs­verfahren.

Joachim Rutz: Das klassische Phasenmodell ist eine gute Richtschnur, von der man im Detail auch einmal abweichen kann. Das zu steuern ist Teil unseres spezifischen Know-hows als Planende. Auch in diesem Projekt lief vieles gleichzeitig, sonst hätte alles länger gedauert. 

«Unser Ziel war eine Architektur, die sich aus der technischen Anlage entwickelt, ohne formalen Selbstzweck. Jedes Element hat eine Auf­gabe. Wir wollten nur bauen, was ohnehin gebaut werden muss. Das Gebäude sollte die Anlage umhüllen, wie die Karosserie ein Auto umhüllt.»

Die kenova ist ein Infrastruktur- und Industriebau. Das Volumen prägt die Aare-Landschaft am Jurasüdfuss. Das architektonische Konzept sah deshalb von Anfang an eine skulpturale Grossform mit hohem Identifi­kationswert vor, die einen Bezug zum Ort und zum menschlichen Massstab herstellt. Der Neubau ist nicht nur funktional, er gibt der Prozesstechnik und dem Produktionsablauf auch einen repräsentativen Ausdruck. Ist es im öffentlichen Interesse, dem Thema der nachhaltigen Verwertung von Abfällen eine solche Präsenz zu verleihen? 

Christian Penzel: Aus architektonischer Sicht gab es für uns drei wichtige Aspekte. Erstens hat sich mit der De-Industrialisierung der letzten Jahr­zehnte der Blick auf solche Anlagen geändert. Heute sind sie etwas Ungewohntes, Besonderes. Der kenova-Neu­bau ist zudem ein Gemeinschaftswerk einer grossen Zahl von Gemeinden, ein wichtiges öffentliches Bauwerk mit einer hohen Legitimation und Anspruch auf einen angemessenen Ausdruck. Zweitens ist wichtig, dass der Bau aufgrund seiner Grösse eine Landmarke bildet: Er ist von weither sichtbar, sein Massstab macht ihn eher zu einem Teil der Landschaft als des bebauten Gebiets. 

Aus der Nähe ist er unübersehbar präsent, er steht direkt an der Kantonsstrasse, der Zug fährt daran vorbei. Und drittens handelt es sich um einen Industriebau, der naturgemäss von einem starken Funktionsbezug geprägt ist. Unser Ziel war eine Architektur, die sich aus der technischen Anlage entwickelt, ohne formalen Selbstzweck. Jedes Element hat eine Auf­gabe, auch das Bellevue, der begehbare Turm dieser Industrieanlage, der das Kamin auf die nötige Höhe führt. Wir wollten nur bauen, was ohnehin gebaut werden muss. Das Gebäude sollte die Anlage umhüllen, wie die Karosserie ein Auto umhüllt.

Johannes Süssbier: Die Figur soll die industriellen Abläufe transportieren, die darin stattfinden. Das einfache Grundkonzept hat sich als robust erwiesen, es konnte verschiedene Projektanpassungen auffangen und vertrug zum Teil massive Änderungen wie das Hinzufügen der Kondensa­toren der Luftkühlung. Auch die allgemeine Anmutung ist eine andere geworden. Das Wett­bewerbsprojekt sah für den Sockelbau beispiels­weise einen rauen Beton vor, der die leichte Blechfassade der Prozesshalle kontrastiert hätte. Später fiel der Entscheid für einen feinen, glatten Sichtbeton, der die Sauberkeit der Anlage zum Ausdruck bringen soll. Die eingelassenen Bänder aus lokalem Jurakalk sind elegant, doch sie dienen nicht nur als Verbindung zu den Felswänden des Juras im landschaftlichen Hintergrund, sondern bilden auch die innere Geschossigkeit ab und verdecken die Arbeitsfugen des Betoniervorgangs.

Markus Juchli: Zu unserem Auftrag gehört es, die Notwendigkeit einer Kehrichtverwertungsanlage, die zugleich Energiezentrale ist, der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Dass das Gebäude schön ist, hilft natürlich. Rund 1000 Personen besichtigten die alte Anlage jährlich, bei der neuen erwarten wir ein Vielfaches davon. Das Bellevue als begehbarer Kamin ist in der Schweiz einzigartig. Es war mir ein besonderes Anliegen, dass man da oben stehen und schnuppern kann – und feststellt: Da kommt tatsächlich saubere Luft raus!

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