Ein Pro­to­typ mit Zu­kunft

Sanierung Flamatt 1, Wünnewil-Flamatt

Das Reihenhaus Flamatt 1 von Atelier 5 entstand 1958 als Prototyp für die spätere Halen-Siedlung. Das Bauwerk zitiert Le Corbusiers «Fünf Punkte zu einer neuen Architektur» und provozierte die Lokalbevölkerung mit «béton brut». Nun haben Rolf Mühlethaler Architekten den denkmalgeschützten Bau sorgfältig saniert.

Date de publication
19-05-2026

Der Weg zur Siedlung führt durch eine widersprüchliche Landschaft: Vom Bahnhof Flamatt den Hang hinab, unter dem 700 m langen Autobahnviadukt der A12 hindurch, gelangt man über einen grossen Parkplatz bis zur Hauptstrasse. Daran entlang reihen sich Logistikbauten und funktionale Zeugnisse verschiedener Epochen, bis die raue Umgebung mit zahlreichen gesichtslosen Neubauten nach dem Kreisel in eine Idylle übergeht: Alte, hochgewachsene Bäume rahmen das Grundstück der Flamatt-Siedlung, während der Bach Taverna ruhig vor sich hin plätschert. 

Doch was heute unter den Architektinnen und Architekten als «Ikone der Moderne» gilt, empfand die lokale Bevölkerung der 1950er-Jahre als Provokation: Der «Bunker», wie Flamatt 1 abschätzig genannt wurde, hatte mit dem damaligen Wohnideal wenig gemeinsam – brach Atelier 5 doch bewusst mit allen Konventionen des Nachkriegswohnens. Die Sanierung durch Rolf Mühlethaler Architekten bewahrt diesen radikalen Ansatz und setzte das missverstandene Meisterwerk feinfühlig instand.

Ein Labor für Halen

Atelier 5 entwickelte Flamatt 1 als Prototyp für die spätere Siedlung Halen. Die jungen Autodidakten waren begeisterte Anhänger Le Corbusiers: Sie verstanden dessen Formensprache als Methode und nutzten das Vokabular zur eigenständigen Weiterentwicklung. Für das Reihenhaus Flamatt 1 zitierten die Architekten das Fünf-Punkte-Programm des Meisters: Pilotis befreien das Erdgeschoss und erheben die Wohnräume – die damit gleichzeitig vor dem Hochwasser der Taverna geschützt sind – in die Obergeschosse. Ein Dachgarten auf einem Flachdach, eine freie Grundrissgestaltung, Langfenster und eine freie Fassadengestaltung komplettieren das Werk. 

Anhand des Testprojekts erprobte Atelier 5 eine ressourcenschonende Bauweise: Vorgefertigte Betonelemente bilden die Tragstruktur, deren Primärachsen die Last tragen. Die vorfabrizierten, nicht tragenden Zwischenwände sind dagegen lediglich vier Zentimeter stark. Das nicht unterkellerte Erdgeschoss mit Abstellräumen und Haustechnik fungiert als Sockel.

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Die Wohnungen sind als Reihenhäuser organisiert. Als einzige Ausnahme belegt die Wohnung Nr. 5 zwei Raster und verfügt über einen doppelgeschossigen Wohnraum. Das Galeriegeschoss wurde später zu einem Zimmer umfunktioniert. Skulpturale Treppen verbinden die äussersten Wohnungen mit dem Dachgarten, der teilweise von einer Betonpergola überdacht ist. Eine neue Wendeltreppe in Wohnung Nr. 1 ermöglicht den ganzjährigen Zugang zum Dachatelier über eine innere Erschliessung. In Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege erhielten Rolf Mühle­thaler Architekten vorhandene Qualitäten und passten Elemente, wie etwa die Absturzsicherung, den heutigen Normen an. Für die notwendigen Adaptionen griffen sie die industrielle Sprache von Atelier 5 auf, um mit dem Bestand zu harmonieren.

Betonkosmetik und Farbrestaurierung 

Die Fassade aus «béton brut», der Atelier 5 durch die windmühlen­artig versetzte Brettstruktur einen charakteristischen Ausdruck verlieh, litt unter Karbonatisierung, Abplatzungen und freiliegenden Bewehrungseisen. Eine zwischenzeitliche Übermalung in Grau verfälschte das Erscheinungsbild und wurde im Zuge der Sanierung abgelaugt. Dafür wurde die Fassade sanft abgewaschen und nach Hohlstellen abgeklopft, die Eisen entrostet, zur Haftbrücke besandet und neu vermörtelt. Auch die Brettstruktur samt Stössen und Überzahnungen stellte man wieder her.

Die doppelgeschossigen Loggien zierte der Berner Künstler Rolf Iseli bauzeitig mit farbigen Flächen wie Kobaltblau und Neapelgelb aus reinen Pigmenten. Um den Charakter zu erhalten, wandte die Restauratorin Dominique Stocker die gleiche Technik wie Iseli an und stellte die Originaltöne für die Loggien sowie die exponierte Dachterrasse wieder her.

Die ursprüngliche Einfachverglasung von 1958 wurde bereits nach dem ersten Winter aufgedoppelt und erhielt eine zusätzliche Profilierung, die zusammen mit den Farbflächen an eine Komposition von Mondrian erinnert. 1968 ersetzte man einige Fenster durch silbrige Schiebefenster, die den Ausdruck verflachten. Rolf Mühlethaler Architekten entschieden sich dafür, dies rückgängig zu machen, und liessen eine zeitgemässe Dreifachverglasung mit Profilierung fertigen. Ein horizontaler Lüftungsschlitz mit Insektengitter ergänzt die Fassade.

Wohnqualität und Denkmalpflege 

Als Denkmal der Schutzkategorie 1 bewahrt die Siedlung die Wohnung Nr. 4, die unter Erhalt des Originalcharakters saniert wurde. Die fünf Wohnungen befanden sich bei Sanierungsstart in unterschiedlichen, teilweise desolaten Zuständen. Wegen einer Hausabsenkung durch die über ihre Ufer tretende Taverna zersprangen die originalen Keramikplatten in den Wohngeschossen. An ihrer Stelle wurde ein fugenloser Bodenbelag im gleichen Terracotta-Farbton verlegt. Unversehrte Platten fanden im Entrée Wiederverwendung – farbliche Unterschiede zeugen von der Geschichte des Hauses. Für die Wohnung Nr. 4 liessen Rolf Mühlethaler Architekten neue Tonplatten herstellen, um durch den Fugenanteil das einstige Raumgefühl zu erzeugen.

Die Sanierung der Flamatt 1 zeichnet sich durch viele kleine Eingriffe aus: So liessen die Architekten durchgerostete Leitungen ersetzen, verlegten den Boiler von der Küche in den Keller im Erdgeschoss, um mehr Platz in den kompakten L-förmigen Küchen zu schaffen. Die originalen Betonregale mit Schiebeschränken ergänzten sie mit neuen Einbauten. In den Badezimmern ersetzen bodenebene Duschen die alten Wannen. Das Flachdach erhielt eine neue Abdichtung und Dämmung, während zwei Aussenduschen und mehr Pflanztröge den Mehrwert des Dachgartens erhöhen, der zwischen den hohen Bäumen mit Blick auf das Silo der Mühle Rytz und das hochaufragende Autobahnviadukt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt.

Ermöglicht hat die sensible Sanierung einerseits die freundschaftliche sowie familiäre Verbindung zwischen Ursula Hesterberg, der Eigentümerin und Tochter eines Gründungspartners von Atelier 5, dem Künstler Rolf Iseli sowie dem Architekten Rolf Mühlethaler. Anderseits auch die enge Zusammenarbeit mit dem Amt für Kulturgüter (KGA) des Kantons Freiburg, das seinerseits den Erhalt grauer Energie gegenüber einer starren Rekonstruktion priorisierte und damit die Grundlage schuf, den Bau für die Zukunft fit zu machen. Clevere Details von Atelier 5 wie auch von Rolf Mühlethaler Architekten zeugen von durchdachter Funktionalität.

Dank dieser Symbiose steht der Bau heute wieder in ursprünglicher Kraft da. Über die Jahre hat sich die Siedlung Flamatt 1 vom «Affront» zum Kulturgut gemausert, das einem Herrenhaus ebenbürtig ist und zeigt, dass sich die rohe Architektur liebgewinnen lässt. Das Bauwerk gibt Antworten auf die Frage, wie wir mit der jüngeren Vergangenheit umgehen sollen, denn mit den zahlreichen Bauten aus den 1970er-Jahren warten die nächsten Herausforderungen bereits.

Sanierung Flamatt 1, Wünnewil-Flamatt


Vergabeform
Direktauftrag


Architektur Originalbau (1958)
Atelier 5, Bern


Architektur Sanierung und Baumanagement
Rolf Mühlethaler Architekten AG, Bern


HLKS-Planung
Ramseyer und Dilger AG, Bern


Elektroplanung
Neumar Elektro AG, Zäziwil BE


Bauphysik
InfraBlow.Siegrist GmbH
 

Wandmalereien Loggien und Dachgarten
Rolf Iseli


Restaurierungen Wandmalereien und Sichtbeton
Dominique Stocker; Jürg Feusi
 

Denkmalschutz Flamatt 1 und 2
Kulturgüterverzeichnis Wert A. Höchste Schutzkategorie 1, innen und aussen. (Amt für Kulturgüter Kanton Freiburg)


Geschossfläche GF (SIA 416)
690 m2
 

Gebäudekosten BKP 2
1.6 Mio. Fr.

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