Schutz und Rettung des Theaters Winterthur
Das denkmalgeschützte Theater Winterthur wurde im September nach einer umfassenden Sanierung wiedereröffnet. Im Sinne des Baudenkmals haben EMI Architekt*innen aus Zürich es zwar technisch auf den neuesten Stand gebracht, aber gestalterisch den originalgetreuen Zustand bewahrt.
Eine nahezu geschlossene Bleihülle umspannt die blaue Stahlfachwerkkonstruktion und bildet die markante, abgetreppte und abgekantete Gebäudeform des Theaters Winterthur. Es wirkt wie eine riesige Skulptur, die an Science-Fiction-Filme aus den 1970er-Jahren erinnert. Unerwartet steht hier im historischen Stadtzentrum von Winterthur einer der wichtigsten Schweizer Vertreter der High-Tech-Architektur – einer internationalen Architekturströmung. Wie schon bei dem bekanntesten Gebäude dieser Epoche, dem Centre Pompidou in Paris, ist die expressive Ausstellung der Tragstruktur und der technischen Installationen durch starke Farben ein charakteristisches Gestaltungsmittel.
Wertvolles Denkmal
Seit 2016 ist das Theater Winterthur denkmalgeschützt. Die Schutzbegründung würdigt neben der architektonischen auch die kulturgeschichtliche Bedeutung des Gebäudes, das «noch heute viel zum Zürcher Kulturleben bei[trägt]».1 Dennoch erwog die Stadt Winterthur 2014 aufgrund der veranschlagten Sanierungskosten von ca. Fr. 30 Mio., das städtische Theater – seit 2012 im Inventar schützenswerter Bauten – abzureissen und stattdessen ein privat finanziertes Kongresszentrum mit Hotel zu bauen. Durch den öffentlichen Druck, den vor allem der Theaterverein durch eine Unterschriftenaktion auslöste, liess die Stadt diese Idee im Jahr 2016 aber wieder fallen und entschied, das gut funktionierende Theater zu sanieren.
➔ Am 13. November 2025 findet im Anschluss an die öffentliche Führung durch die Ausstellung «For What It’s Worth» die Podiumsdiskussion «Theater – Bauen oder Bewahren» im ZAZ Bellerive statt.
Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.
Foyerlandschaft für die Öffentlichkeit
Im Jahr 2019 folgte das Planerwahlverfahren, das EMI Architekt*innen für sich entschieden. Ihre Aufgabe war eine umfassende Sanierung des Gebäudes, das vom Zürcher Architekten Frank Krayenbühl gebaut und im Jahr 1979 eingeweiht wurde. Als schweizweit grösstes Gastspielhaus konzipiert und noch heute genutzt, gastieren hier unter anderen das Wiener Burgtheater und das Hamburger Thalia Theater. Das Raumprogramm ist weniger komplex als bei einem Repertoiretheater wie zum Beispiel dem Pfauen in Zürich und kommt ohne Proberäume oder Werkstätten für Kostüme, Masken und Bühnendekoration aus.
Neben der Bühne gibt es lediglich einen kleinen Trakt mit Garderoben, Büroflächen und zuoberst eine Werkstatt für Reparaturarbeiten. Dafür befindet sich zwischen dem Zuschauersaal mit etwa 800 Plätzen und dem Stadtraum eine grosse Foyerlandschaft, bestehend aus Haupt- und Nebenfoyer, verbunden durch eine breite Treppenanlage. Daran anschliessend liegt das Restaurant. Eine eingeschossige Fensterfront öffnet die Innenräume zum angrenzenden Stadtpark.
Qualitäten erkennen und bewahren
Mit dem Motto «Anwälte des Baudenkmals» überzeugten EMI Architekt*innen das Vergabegremium. Gemäss dieser Prämisse bestand die Herausforderung darin, den Bestand richtig zu lesen, um bei der Sanierung darauf Rücksicht zu nehmen und Zerstörtes wiederherzustellen. Die Leistung der Planenden ist also anders als bei einem Neu- oder Umbau kaum sichtbar. So gelang es dem Planungsteam, ein Brandschutzkonzept auszuarbeiten, das ermöglichte, die offene Foyerlandschaft ohne zusätzliche Abschottungen beizubehalten. Denn die Brandschutzvorschriften sind heute im Vergleich zur Bauzeit deutlich strenger.
Wichtig war dafür die Reduktion der Brandlasten. Darum befindet sich unter anderem die Garderobe nun hinter jederzeit schliessbaren Brandschutztüren. Auch die imposanten blauen Stahlfachwerkträger durften so originalgetreu ohne zusätzliche Brandschutzverkleidungen belassen werden. Den hindernisfreien Zugang zu den öffentlichen Bereichen realisierten EMI durch die Erweiterung der Liftanlage. Während der obere Zugang zum Parkett schon seit jeher ebenerdig über das Foyer erreichbar war, sind nun auch Restaurant, Nebenfoyer, Garderoben und Toiletten unterer Parkettzugang und Balkon hindernisfrei zugängig.
Die Kunst der kleinen Eingriffe
Zwei Änderungen fallen aber doch ins Auge. Zum einen die wiederhergestellte, dem Original nachempfundene Decke des Restaurants, die durch verschiedene Umbauten und überstrichene Originalfarben nicht mehr erkennbar war. Die extravagante, abgekantete Metallverkleidung – ein formaler Verwandter der bleiernen Aussenhaut – ist gespickt mit hunderten von Glühlampen. Sie verleihen dem Raum eine warme, festliche Atmosphäre und heben ihn von den restlichen Räumen mit technischer, roher Werkstattästhetik ab.
Der andere Eingriff betrifft den Kassenbereich, den EMI in der Architektursprache Krayenbühls zu einem besucherfreundlichen Raum umgestalteten, der aussieht, als sei er schon immer dort gewesen. Zahlreiche noch kleinere Massnahmen wie Lüftungsauslässe, Lautsprecher, Beleuchtung und ertüchtigte Brandschutztüren für die Garderoben integrierten sie sensibel in den Habitus des Theaters Winterthur, ohne sichtbar Neues hinzuzufügen.
Mit der «Erhaltung der bauzeitlichen Substanz des Theaters mitsamt seinen bauzeitlich erhaltenen Ausstattungselementen und Oberflächen»2 erreichen sie das Schutzziel und eine konsequente Wertschätzung des Gebäudes sowie seiner geschichtlichen Bedeutung.
Anmerkungen
1 Inventar Bestand Winterthur, Band 4, S. 170.
2 ebd.
Sanierung Theater Winterthur
Bauherrschaft
Stadt Winterthur, Winterthur
Architektur
EMI Architekt*innen, Zürich
Gesamtkosten BKP 1–9
Fr. 36.5 Mio.
Gesamtleitung und Baumanagement
HSSP, Zürich
Tragkonstruktion
Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure, Zürich
HLSK-Planung
Gruenberg + Partner Planer und Ingenieure, Zürich
Elektroplanung
R + B Engineering, Zürich
Bauphysik
Amstein + Walthert, Zürich
Audio- und Videotechnik
Tingo, Muri
Bühnentechnik
H.-J. Huber, Planungsbüro für Theater- und Lichttechnik, Horgen
Restaurator
ArGe Beat Waldispühl, Gertrud Fehringer, Heinz Schwarz
Fertigstellung
2025