«Der Ve­rein will sei­nen po­li­ti­schen Ein­fluss gel­tend ma­chen»

Schwimmt der SIA in turbulenten Gewässern? Nach der überraschenden Trennung von der operativen Geschäftsleitung nimmt Vereinspräsident Stefan Cadosch Stellung. Neben der Kadersuche beschäftigt sich der Vorstand auch mit der Digitalisierung und dem Vergabewesen.

Date de publication
21-02-2019
Revision
21-02-2019

TEC21: Herr Cadosch, der SIA-­Vorstand hat sich überraschend vom Geschäfts­führer und auch von dessen Stellvertreter getrennt. Was sind die Gründe?
Stefan Cadosch: Ich kann nur wiederholen, was wir bisher kommuniziert haben. Der Trennungsgrund sind unüberbrückbare Differenzen hinsichtlich der orga­nisatorischen Umstrukturierung des SIA. Weitergehende Informa­tionen fallen unter das gegenseitig vereinbarte Stillschweigen, das wir auch im Interesse der Betroffenen einhalten müssen. Mir ist wichtig zu betonen, dass sich der Vorstand diesen für Aussen­ste­hende vielleicht überraschenden Entscheid gut überlegt und einstimmig gefällt hat. Wir sind uns der damit einhergehenden Ver­antwortung bewusst und haben darum ebenso einstimmig entschieden, dass ich mich für die Übergangsphase operativ zur Verfügung stelle. Es ist aber klar: Die Interimslösung darf nicht zu lang dauern. Zudem wollen wir in der inhaltlichen Ausrichtung nach wie vor nach vorn schauen.

TEC21: Wie sieht der Fahrplan für die Neubesetzung der Vakanzen aus?
Stefan Cadosch: Der Vorstand hat sich für eine offene Ausschreibung entschieden. Damit sichern wir ein transparentes Verfahren und hoffen auf eine qualitativ hochstehende Auswahl an potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten. Dass das Auswahlprozedere etwas mehr Zeit als ein nicht offenes Verfahren in Anspruch nimmt, ist uns bewusst.

TEC21: Läuft die Suche nach einem neuen Kommunikationschef parallel dazu?
Stefan Cadosch: Für die Besetzung des neuen Kommunikationschefs gehen wir von einer internen Lösung aus.

TEC21: Ist das Jobprofil gleich wie letztes Jahr?
Stefan Cadosch: Eigentlich ja. Die Vorstellungen des Vorstands, was eine Geschäftsführerin oder ein Geschäftsführer leisten soll und kann, sind immer noch dieselben. Es handelt sich um eine für den SIA zentrale Position mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten. Es war nicht das Aufgabenprofil oder die inhaltliche Ausrichtung, was den Ausschlag zur Trennung gegeben hat.

TEC21: Werden Bewerbungen aus dem Kreis der SIA-Berufsgruppen bevorzugt, oder könnte der Geschäftsführer, die Geschäftsführerin auch einen branchenfremden Managementhintergrund haben?
Stefan Cadosch: Aus der SIA-Geschichte kennen wir beides. Die Branchenherkunft ist uns wichtig, aber kein zwingendes Auswahlkrite­rium. Entscheidender sind eine hohe Affinität zu den vielfältigen Berufsbildern, die der Verein vertritt, ein Herz, das für die Ingenieurbaukunst und die Architektur, ja überhaupt für eine hochwertige Baukultur schlägt, sowie das Erkennen und die adäquate Herangehensweise an die zentralen Herausforderungen für die Planungs- und Baubranche. Dazu zählen wir wie bisher vor allem die Digitalisierung und das Vergabewesen.

TEC21: Geht der SIA diese Heraus­forderung mit angemessenem Tempo an?
Stefan Cadosch: Ich bin der Überzeugung, dass wir entsprechend den hohen Anforderungen bei diesen Themen gut unterwegs sind. Aber weder können wir alles sofort bewältigen, noch wollen wir auf jeden Hype reagieren. Die Digitalisierung zum Beispiel ist ein Prozess, der schon seit Jahrzehnten läuft; neu ist, dass die Dynamik und vor allem die Möglichkeiten stark zugenommen haben. Wir möchten uns aber fundiert und nicht, wie leider vielerorts feststellbar, plakativ damit auseinandersetzen. Wir verstärken uns im Vorstand – sofern die Delegiertenversammlung dem im April zustimmt – mit einer kompetenten Persönlichkeit. Zu ihrer Unter­stützung ziehen wir im neuen Fachrat Digitalisierung weitere versierte Persönlichkeiten zusammen und intensivieren die enge Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Digital. Einige Projekte hat die Geschäftsstelle bereits er­arbeitet und weitere initiiert, zum Beispiel im Normenwesen.

TEC21: Welche Projekte meinen Sie konkret?
Stefan Cadosch: Für die Planungsprozesse möchten wir digitalisierbare Applikationen der Normen ent­wickeln, mit denen sich unter anderem automatische Normen­prüfungen durchführen lassen, zum Beispiel direkt im digitalen BIM-Modell. Im Zuge dessen haben wir zusätzlich darüber zu diskutieren, wie sich die traditionellen Schnittstellen und  Leistungserbringungen definieren bzw. was substituiert werden kann und wo neue intellektuelle Leistungen erforderlich sind.

TEC21: Inwiefern könnte sich die Rolle der Normen verändern?
Stefan Cadosch: Bisher hielten die Normen den Stand der Technik fest, die in der Praxis bewährten Regeln der Baukunst, und bildeten somit die junge Vergangenheit ab. An­gesichts der hohen Dynamik und Geschwindigkeit der Entwicklungen braucht es ergänzend auch eine neue Sichtweise, die zu definieren versucht, was in der Zukunft gültig sein muss.

TEC21: Die Digitalisierung stellt das bisherige Selbstverständnis der vielen im SIA vertretenen Berufsgruppen infrage. Ist das auch eine Herausforderung, der sich die leitenden Vereinsgremien anzunehmen haben?
Stefan Cadosch: Auf jeden Fall. Der SIA vertritt 18 Berufsbilder, und nicht alle sind der aktuellen Dynamik vergleichbar stark ausgesetzt. Wir müssen deshalb filtern, wo die grössten Veränderungen stattfinden werden, ohne Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen. Ich stelle unter anderem fest, dass die Gebäudetechnikingenieure von den Veränderungen bisher stärker gefordert wurden, mehr noch als Architekten oder Bauingenieure.

TEC21: Und wie will der SIA die Interessen der Mitglieder bei der Leistungshonorierung vertreten?
Stefan Cadosch: Es wird ja häufig darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung die traditionellen Planungs- und Bauphasen verändern und die Rollenprofile der beteiligten Fachleute durchschütteln wird. Davon gehen wir ebenfalls aus: Die Digitalisierung zeigt, wie eng die Phasen eines Planungs- und Bauprozesses miteinander verknüpft sind. Vertikale und horizontale Integration als unternehmerische Leistung ist bereits ein Thema, das aktuell aber nicht primär von den Planern gesteuert wird.
Doch es gibt auch beruhigende Nachrichten: Dis­kussionen über mögliche Veränderungen am Phasenmodell werden seit Jahrzehnten geführt. Trotzdem ist vieles erstaunlich konstant geblieben: Der Denk­prozess führt immer noch vom Groben zum Feinen, und die Fach­personen, die diesen Prozess initiieren, funktionieren weiterhin analog. Sicher sind die neuen methodischen Möglich­keiten im SIA-Leistungsmodell adäquat abzubilden und sollten sich letzt­lich in einer besseren Produktivität bei weiterhin hoher Qualität bei allen Beteiligten zeigen. Die Phasenaufwände werden sich ändern, ebenso die Honorierung – aber das Tempo, wie schnell auch ein Auftraggeber denken oder entscheiden kann, ist gegeben.

TEC21: Ein angemessenes Honorar für die Denkarbeit der Planerinnen und Planer gerät aber zunehmend unter Druck?
Stefan Cadosch: Leider ist das so. Darum will der Verein seinen politischen Einfluss vermehrt geltend machen. Bei den Vergabebedingungen streben wir einen deutlichen Kulturwandel an: Die Erstellungskosten eines Bauwerks sollen nicht ein absolutes Kriterium sein, sondern sind im Verhältnis zur Qualität zu beurteilen. Dazu ist Erfreuliches zu vermelden: In Gesprächen mit professionellen Bauherrschaften ist dieses An­liegen auf offene Ohren gestossen. Wir hoffen deshalb berechtigterweise, dass sich die Honorar­situation für unsere Mitglieder im Sinn der Wertschöpfung verbessern wird.

TEC21: In welchem Rahmen fanden diese Gespräche statt?
Stefan Cadosch: Im Rahmen der Revision über die Gesetzgebung für die öffentliche Beschaffung. Der SIA nahm daran teil, innerhalb einer konzertierten Aktion unter den Planungs- und Bauverbänden.1 Der Erfolg freut mich besonders; er bestätigt, dass der SIA politisch aktiv sein muss. Zwar hören das nicht alle gern. Aber unsere Expertise zu wichtigen Themen wie die Energiewende oder die Raumentwicklung war und ist in den politischen Diskussionen gefragt. Sie wird ernst genommen.

TEC21: Welchen Spielraum haben die Auftraggeber bei Ausschreibungen nach GATT/WTO überhaupt, nicht einfach das billigste Angebot auszuwählen?
Stefan Cadosch: Das offizielle Vergabe­prinzip lautet: Das «vorteilhafteste Angebot» ist zu berücksichtigen. «Wirtschaftlich günstig» wurde bisher oft mit «billig» gleich­gesetzt; das Kriterium beschränkte sich auf die Erstellungskosten, ohne die Qualität, die Nachhaltigkeit oder die Lebenszykluskosten zu berücksichtigen. «Vorteilhaft» dagegen fokussiert auf das Verhältnis von Preis und Leistung. Die Bedingung, vorteilhaft zu sein, können auch andere Offerten erfüllen als nur die preisgünstigste; daher erlaubt sie den geforderten Kulturwandel bei den Auftragsvergaben.
Auf internationaler Ebene sind wir mit dieser Forderung nicht allein. Die Berufskollegen in Deutschland oder Frankreich wehren sich ebenfalls gegen die unsägliche Preisdrückerei. Für die Branche im Inland heisst das nun aber, dass der Leistungs­beschrieb teilweise neu auszu­handeln ist. Jede Fachperson aus Architektur und Ingenieur­wesen, die ihre Arbeit ernst nimmt, hat mehr zu bieten als ein normatives Erfüllen der Baugesetze. Da­rum sind die Bedingungen in der Zusammenarbeit zwischen Immobilieninvestoren und Planern derart zu vereinbaren, dass weiterhin innovative Leistungen angeboten und nachgefragt werden können.

TEC21: Der SIA versteht sich als politische Kraft. Soll sich dieses Verständnis verstärken?
Stefan Cadosch: Dieses Commitment kann ich zusichern. Wir müssen die politische Arbeit weiter entwickeln. Es geht darum, die Kräfte und Ressourcen unter den Planerverbänden zu bündeln und situa­tive Allianzen zu bilden. Der SIA traut sich eine führende Rolle für diese Koordination zu, beispielsweise sind wir aktiv im Netzwerk Digital dabei.2 So kann die Planungs- und Bauszene mit einer Stimme gegenüber der Politik und der Verwaltung auftreten. Uns kommt dabei zugute, dass dem SIA eine hohe Glaubwürdigkeit zugestanden wird.

TEC21: Wäre es nicht effektiver, mehr SIA-Vertreter würden für ein politisches Amt kandidieren?
Stefan Cadosch: Unsere Berufsgruppen sind im Bundesparlament deutlich untervertreten, gemessen an der wirtschaftlichen Bedeutung der Branche. Darum entwickelt der SIA-Vorstand ein Konzept, wie wir politisch aktive Mitglieder besser unterstützen können. Die politische Arbeit ist für unsere Berufsgruppen eine ähnliche Heraus­forderung wie die Digitalisierung. Ein Leitthema dafür ist die Baukultur: Die SIA-Zentrale will hier den Sektionen helfen, die politische Grundlagenarbeit in den Kantonen zu verstärken.

TEC21: In der politischen Arbeit sind auch Meinungsverschiedenheiten auszuhalten. Wie schmerzhaft war die Erfahrung im Zusammenhang mit der Zersiedelungsinitiative? Der SIA hat sich dagegen ausgesprochen; zahlreiche prominente Architektinnen und Architekten haben sich aber dafür engagiert.
Stefan Cadosch: Dass ein Thema eine der­artige Mobilisierung in der Architekturszene auslöst, hat einen positiven Eindruck hinterlassen. Ich kann mich nicht erinnern, dass so etwas zuvor in unserer Branche gelungen ist. Die unterschiedlichen Meinungen treffen dabei nur auf die Umsetzung zu; bei den Zielsetzungen stehen sowohl der SIA als auch die Befürworter für eine Siedlungsentwicklung nach innen ein. Die Geschäftsstelle des SIA hätte allenfalls in ihrer Kommunikation diese differenzierte Haltung etwas deutlicher hervorheben können. Aber die Debatte vor der Abstimmung kann ich nur begrüssen. Zudem ist das Bewusstsein ausgebildet, dass 18 Berufsgattungen auch unterschiedlicher Meinung sein ­können.

Das Gespräch führten Paul Knüsel, stv. Chefredaktor TEC21, und Judit Solt, Chefredaktorin TEC21.

Anmerkungen der Redaktion
1 Der SIA, die usic und viele weitere Verbände haben die Allianz für ein fortschrittliches öffentliches Beschaffungswesen (AföB) gegründet, um politische Lobby­arbeit zu leisten (www.afoeb.ch). Sie postulieren unter anderem, dass standardisierte Leistungen aufgrund des Preises vergeben werden können, nicht standardisierte – wie intellektuelle Dienstleistungen und insbesondere Planerleistungen – dagegen nach der Qualität zu beurteilen sind. Vgl. «Günstig bedeutet nicht billig», Interview mit usic-Präsident Bernhard Berger.
2 Netzwerk Digital ist die führende Plattform für die digitale Trans­formation der schweizerischen Bau- und Immobilienwirtschaft und umfasst die massgebenden Institutionen, darunter auch den SIA (www.netzwerk-digital.ch).

 


Digitalisierung und LHO in TEC21

Die Digitalisierung der Planungs- und Baubranche ist in vollem Gang. Im Gegensatz zu früheren Entwicklungen – etwa im Bereich CAAD – geht es heute nicht mehr um einen oberflächlichen Wandel, bei dem ein Arbeitswerkzeug ein anderes ablöst, ohne die grundlegenden Ab- läufe zu tangieren. Vielmehr werden zurzeit etablierte Prozesse und Projektphasen infrage gestellt.

Was bedeutet das für Fachleute aus Architektur und Ingenieurwesen? Dieser Frage widmet TEC21 ab dem Frühling eine eigene Heftreihe. 2019 sind sieben Ausgaben mit folgenden Schwerpunkten geplant: «Neue Wertschöpfungsketten», «Betriebs- und Sicherheitsanlagen», «BIM – Reality Check», «Vorfabrikation im digitalen Zeit- alter», «Die Sicht der Auftraggeber», «Leistungsfähige LHO» sowie «Spitalbau mit BIM».

Weitere Beiträge zum Thema BIM im E-Dossier auf espazium.ch/bim

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