Faszination Bambus

Bauten des kolumbianischen Architekten Simón Vélez
Der kolumbianische Architekt Simón Vélez beschäftigt sich seit Jahren mit Bambus als Baustoff. Er konstruiert damit weltweit auch grosse Bauten. Vélez hielt Mitte Mai 2011 aufgrund einer Einladung durch den Lehrstuhl Landoldt im Rolex Learning Center der EPFL einen Vortrag zu seinem Werk.

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Bambus wächst weltweit in rund 1700 unterschiedlichen Arten und ist auch in Kolumbien reichlich vorhanden. Aber Bambus gilt dort als minderwertiges Material, als «armer» Baustoff für Provisorien oder Hilfsbauten. Simón Vélez sieht das anders. Er nutzt Bambus Guadua (Guadua angustifolia), der mit rund 12 cm Durchmesser und etwa 10 mm Wandstärke ausreichend stabil und damit ideal für Konstruktionen ist. Als Graspflanze wächst Bambus rasch (im Schnitt 10–40 cm pro Tag). Die Halme wachsen bis zu 15 m, und innert etwa dreier Jahre sind sie für Bauzwecke ausreichend verholzt und fest. Aus den Pflanzen werden 9 m lange Stücke gesägt und luftgetrocknet. Sie sind nach wenigen Wochen bereit, verbaut zu werden.

Hohe technische Leistung

Simón Vélez bezeichnet Bambus als Hightechmaterial aus der Natur. Er ist auf Zug und Druck belastbar, seine Biege- und Knickfestigkeit ist ebenfalls hoch. Bambus besitzt ein hohes Widerstandsmoment, als Hohlkörper jedoch auch ein geringes Eigengewicht. Er bleibt elastisch und weist von Natur aus eine dichte und glatte Oberfläche auf. Bambus ist zwar brenn-, aber schwer entflammbar, dies dank einer dichten Aussenzone (Oberfläche) und dem hohen Gehalt an Kieselsäure. Mit Bambus zu bauen bedingt ähnliche Konstruktionslösungen wie der Holzbau. Beide Konstruktionsweisen sind grundsätzlich stabförmig, und erst statisch wirksame Verbindungen ermöglichen weit gespannte Tragwerke oder komplexe Strukturen. Vélez hat dafür eine simple, aber wirksame Lösung gefunden: Die zu verbindenden Bambusstücke, die innen einen Hohlraum aufweisen, werden an den Knotenpunkten mit Beton ausgegossen. In diesem Betonkern eingelassen liegen Verstärkungen aus Stahl. Dieses einfach auszuführende Konstruktionsdetail lässt Vélez viel gestalterische Freiheit.

Trial and Error

Universitäre Forschungslaboratorien für Werkstoffe nach europäischem Muster kennt Kolumbien nicht. Vélez erprobt seine Konstruktions-weisen auf eigene Faust und nach der Methode, aus Irrtümern zu lernen. Er hat damit Erfolg, denn über 8 m auskragende Dachkonstruktionen oder 30  m weit gespannte Hallen sind mit den Bambuskonstruktionen problemlos möglich. Vélez hat Wohnhäuser, Sozialsiedlungen, Sportbauten, Brücken, Kirchen und Markthallen mit Bambus gebaut. Ihm genügen einfache Zeichnungen, welche die Konstruktion der Teile beschreiben. Mit zunehmendem Erfolg kommt aber auch er nicht darum herum, seiner Klientel computergenerierte Entwürfe zu präsentieren. Neuerdings hat er gut betuchte Kunden, die sich ausdrücklich ein Bambushaus wünschen: Es gilt als hip, in ökologisch vertretbaren Häusern zu wohnen. Mit Bambus hat das den Nebeneffekt, auch ökonomisch interessant zu sein – die rasche Trockenbauweise führt zu kurzen Bauzeiten, die innen sichtbar bleibende Konstruktion bildet gleichzeitig den Ausbau.

Mehr als Bambus

Simón Vélez bezeichnet sich ausdrücklich nicht als Bambusarchitekt. Er baut auch mit Holz oder mit Mischkonstruktionen aus Beton, Mauerwerk, Bambus und Holz. Aber er ist überzeugt, dass das im Bambus steckende Potenzial für Konstruktion und Architektur noch längst nicht ausgeschöpft ist. Und er freut sich, wenn andere Architekten mit ihm zusammenarbeiten, so wie etwa Shigeru Ban. Lange Zeit war Vélez in jeder Hinsicht ein Aussenseiter – die Normierungen und Baugesetze Kolumbiens sahen Bambuskonstruktionen nicht vor. Nachdem Vélez 2009 den niederländischen Prinz-Claus-Award erhalten hatte, der Personen auszeichnet, die sich um die zeitgenössische Kultur besonders verdient gemacht haben, hat sich für ihn einiges geändert. Er konnte die Behörden in Bogotá davon überzeugen, in den Bauvorschriften Bambuskonstruktionen ausdrücklich zu erwähnen: Bambus wurde hoffähig.

Forschung zu Bambus

in Deutschland Forscher der Technischen Universität Darmstadt entwickelten eine Bambuskonstruktion, die für Häuser und Gerüste gleichermassen geeignet ist und auf den Arbeiten von Simón Vélez aufbaut. In Zusammenarbeit mit Experten für Werkstofftechnologie wurde eine neue Technik entwickelt, um die Verbindung von Bambus und Beton zu verstärken, dies mit Polyurethanharz und einer spe­ziellen Betonrezeptur mit einem hohen Anteil an Flugasche (Simón Vélez verwendet bei seinen Bauten handelsüblichen Beton). Dieser HVFA-Beton gewährleistet trotz dem geringen Wasserbindemittelwert eine gute Verarbeitbarkeit. Zusammengefügt werden die Bambusrohre mit Stahlelementen. Als Vorteil dieser zerlegbaren Konstruktionsweise gilt auch deren Mobilität: Ein Bau lässt sich problemlos in seine Einzelteile zerlegen und anderswo wieder aufbauen. In grossem Stil getestet wurde die Konstruktionsweise erstmals beim Bau des deutsch-chinesischen Hauses an der Expo 2010 in Schanghai. Dafür wählten die Planenden ein Fachwerk aus Bambusrohren von bis zu 8 m Länge und 20 cm Durchmesser. Weitere Informationen: http://www.tu-darmstadt.de/

«Grow your own House»Die Arbeiten von Simón Vélez hat Alexander von Vegesack in einer Monografie zusammengestellt (Alexander von Vegesack: Grow your own House. Simón Vélez und die Bambusarchitektur. Vitra Design Museum, 2000. 29 x 24 cm, 262 S., ISBN 3-931936-25-2, Fr. 40.90) Netzwerk BambusIn Panama wurde im Juni 2011 das Zentralamerikanische Bambus-Netzwerk gegründet. Es will die Pflanze gegen das Abholzen der Wälder sowie zum Bau umweltfreundlicher und erdbebensicherer Häuser einsetzen. Die neue Vereinigung ist Teil des 1993 gegründeten internationalen Netzwerks für Bambus und Rattan, Inbar. Weitere Informationen: www.inbar.int

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