Die Ambivalenz der Menschlichkeit

Hello, Robot! Ausstellung im Vitra Design Museum

Design bildet die Brücke zwischen Gesellschaft und Produkt. Mit der gegenwärtigen Öffnung des Designbegriffs geht die Forderung nach einer soziologischen Verantwortung der Designer einher. So ist die Ausstellung im Vitra Design Museum vor allem als eine Aufforderung zu verstehen, auf die Gestalter hinter den gezeigten Objekten zu blicken, um unsere Haltung ihnen gegenüber zu überprüfen. Denn nicht die Gegenstände sind es, die uns Angst oder Freude bereiten, sondern diejenigen, die sie erfinden und steuern.

Hella Schindel Architektur, Redaktorin TEC21

Die Vorstellung von Robotern ist ambivalent. Da gibt es zuerst das Bild einer Figur, die aus Schrauben und Blechen zusammengesetzt wurde und den Menschen zu Hilfe kommt. Gerät dieser künstliche Mensch ausser Kontrolle, wird er zur Bedrohung. Das Äussere eines Roboters, das bis heute meistens humanoid, also dem Menschen nachempfunden ist, wird nach und nach abstrakter. Das Menschenartige der Roboter verlagert sich auf den Ausdruck von Gefühlsregungen und Reaktionen. Die Interaktion ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Betrachtungen.

Durch immer raffiniertere Steuerungsmöglichkeiten erweitern und vertiefen sich die Einsatzgebiete der Robotik permanent.Ohne sich dessen bewusst zu sein, kommt der Mensch fortlaufend näher mit dem Roboter in Berührung, bis zur geistigen oder körperlichen Verschmelzung. Währenddessen bleibt die gegensätzliche Wahrnehmung zwischen Begeisterung und Endzeitstimmung bestehen. Im Ausstellungsparcours wird diese Entwicklung abgebildet.

Faszination des Künstlichen

Eine Science-Fiction-Landschaft aus Roboterfiguren, Filmausschnitten und Comics führt im ersten Raum in die Faszination für den künstlichen Menschen und seine Spiegelung in der Populärkultur ein. Anschliessend werden Objekte der Industrie und Arbeitswelt gezeigt; hier verändert sich bereits die spielerische Umgebung in Richtung nutzungsorientierter Einsatzbereiche: mit der Übernahme bestimmter Tätigkeiten durch Roboter wird der einzelne Arbeiter existentiell bedroht. Gleichzeitig ist es faszinierend, einen Roboter bei der Arbeit zu beobachten.

Der Gedanke, alle Arbeit den Maschinen zu überlassen hat sich insbesondere in der Filmwelt niedergeschlagen und wunderbare Szenarien generiert, die immer auch als Warnung aufzufassen sind. So zu sehen «Mon Oncle» von Jacques Tati, 1958, der mit feinem Humor ein ironisches Bild von unserem Alltag zeichnet, sollten wir uns ganz und gar der Automatisierung hingeben.

Philosophierende Roboter

In einem weiteren Kapitel kommen Künstler zu Wort, die sich mit der Übernahme von vermeintlich explizit menschlichen Fähigkeiten wie dem Philosophieren oder Malen durch Roboter beschäftigen: ein menschengrosser Roboterarm stellt Manifeste aus Satzfetzen unserer grossen Philosophen zusammen, schreibt sie korrekt auf und überlässt die Blätter anschliessend den Besuchern – mal ist der Inhalt verständlich, mal weniger. Es stellt sich die Frage nach Sinn und Sinnlichkeit. Es entsteht eine Art Kommunikation, etwa, wenn eine Maschine den Besuchern den Kopf krault oder mit Zittern reagiert, wenn sie angeschrieen wird.

Mit jedem weiteren Raum verringert sich die Distanz zwischen Roboter und Mensch, bis hin zu Gegenständen wie Prothesen oder Kleidungsstücken, die körperlich mit dem Menschen verbunden sind, um ihn zu komplettieren oder sogar zu optimieren. Eine Art Schwamm, der auf der Haut getragen wird, setzt Datenströme von Gefahrenquellen wie einer Naturkatastrophe oder einer Börsennachricht so um, dass sie Schauder auslösen, die den Signalen unserer körpereigenen Warnsysteme ähneln.

Eine bunte Kugel mit Gesicht unterstützt autistisch veranlagte Kinder dabei, sich der Umwelt mitzuteilen. Das interaktive Verhalten der Kugel als Reaktion auf Stimmen und Bewegungen ist in Grenzen berechenbar und daher vertrauensbildend für die Spielgefährten. So bewegen sich die meisten der hier gezeigten Gegenstände zwischen Kunst und Forschung, je nachdem, mit welchen Daten sie gefüttert und mit welchem Ziel sie geschaffen wurden. Intelligente Steuerungssysteme entwickeln sich aufgrund der Daten, die die Nutzer liefern, ständig weiter. So trägt die Gesellschaft – zumeist wenig reflektiert –  zu ihrer schleichenden Übernahme durch künstliche Intelligenzen bei.

Die Macht der Entwickler

Ob die Roboter eine unterstützende oder bedrohliche Wirkung auf die Menschheit ausbilden, liegt in der Macht der Entwickler. Es ist eine abenteuerlich schöne Vorstellung, dass der Roboter uns die Möglichkeit gibt, als Individuum und als Kollektiv besser zu sein,  als wir selbst sind.

Die einzelnen Leitmotive der Ausstellung werden von Fragen begleitet, die wir uns im Zusammenhang mit dem bewussten und unbewussten Umgang mit künstlicher Intelligenz  stellen. Durch die Bedeutung der Robotik in Wissenschaft und Forschung, und durch die gleichzeitige Faszination in Fragen der Ethik und der Körperlichkeit, wie sie bei künstlerischen Betrachtungen im Mittelpunkt steht, ist die Spanne der Ausstellungsobjekte immens. 

Was in den Räumen des Museums zunächst wie ein Sammelsurium wirkt, wird dann zu einem Ganzen, wenn man sich auf die Bedeutung der Objekte fokussiert. So ist die Ausstellung neben den vielen spielerischen und künstlerischen Beiträgen vor allem eine intellektuelle Herausforderung. Zuallererst ist diese kluge und anregende Ausstellung aber eine Abbildung der dringenden Frage nach der Ideologie unserer Gesellschaften.

Die Ausstellung wird von zahlreichen Veranstaltungen begleitet. Im Anschluss ist sie in den koproduzierenden Häusern  MAK (Wien) und Design Museum (Gent), sowie in Winterthur zu sehen. Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter Katalog erschienen.

 

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