Über die Span­nung zwi­schen Lee­re und Ma­te­rie

Dass «negativ» etwas Positives bedeutet, daran haben wir uns inzwischen gewöhnt. Der Pavillon, den rotative studio aktuell auf den Platz vor das Theater Schiffbau in Zürich gestellt haben, bildet einen Negativraum ab: Er steht für eine Gletscherhöhle.

 

Publikationsdatum
07-03-2023

Anlass für die Konstruktion war eine carte blanche vom Jazzclub moods für den Komponisten Ramon Landolt. Seine über mehrere Jahre gesammelten Tonaufnahmen aus Gletscherhöhlen und Spalten, den Geräuschen, die das Verschwinden von Materie, das Entstehen von Raum begleiten, hat er bearbeitet und zu einem 24-stündigen Loop verbunden. Um eine akustische Umgebung dafür zu schaffen, hat rotative studio eigenhändig und in den Werkstätten des benachbarten Theaters einen kleinen Pavillon gebaut.

Denn bevor Kunstschaffende und ihr Publikum in eine echte Gletscherhöhle pilgern und damit einem fragwürdigen Tourismus Vorschub geben, kommt die Höhle, lieber zu ihnen. Mitten in der Stadt bietet er einen engen Raum, in dem diese Komposition zu hören ist, die mit dem Takt des urbanen Lebens und sogar mit dem Rhythmus des öffentlichen Verkehrs auf der Brücke verschmilzt.

Von aussen sind die drei Wände, die die Leerfläche umfassen, weiss gestrichen. Sie scheinen auf ihren halbrunden Unterkanten zu balancieren. Gebückt kann man unter den Verbindungsachsen hineinschlüpfen und findet sich dann in einer eisblauen, scharfkantigen Konstruktion wieder. Ein Holzgerüst, das nur mit Holzdübeln verbunden ist, gibt den Raster vor, in den die Lautsprecher integriert sind und der die Wandtafeln trägt. In Frostnächten reisst das Holz und bei Sonnenschein dehnt es sich wieder aus; die Bewegung im Material fügt der Komposition eine weitere akustische Ebene hinzu. Entlang der runden Kanten fällt das Tageslicht auf den Boden und bildet zu bestimmten Uhrzeiten kreisrunde Schatten ab. Das Spiel von An- und Abwesenheit, von Masse und Raum, setzt sich im verändernden Tageslicht fort.

Tagsüber benutzen die Kinder einer benachbarten Einrichtung das Versteck zum Spielen, abends kommen die Theaterbesuchenden heran und tauchen in den dreieckigen Innenraum ein. Erstaunlicherweise ist der jederzeit zugängliche Baukörper bis heute nicht von Vandalismus betroffen. Die Architektinnen hinter rotative studio bezeichnen den Bau als Versuchsobjekt. Die gesammelten Erfahrungen tragen zur Entwicklung weiterer demontabler Bauten bei, mit denen sie bestehende Stadträume neu justieren.  

Der Pavillon auf dem Schiffbauplatz in Zürich ist noch bis zum 13. März 2023 zu sehen.

 

Architektur
rotative studio, Rotterdam, Zürich

 

Musik
Ramon Landolt