Tha­l­as­san­té: Ha­fen und Werk­zeug­kas­ten für al­le

«Le Parcabloc de Thalassanté» liegt im 16. Arrondissement in L’Estaque, nördlich des Stadtzentrums von Marseille. Die Siedlung des Vereins Thalassanté besteht aus Containern am Meer. Erstaunlich: Der Pachtvertrag zwischen dem Verein und der «Grand Port Maritime de Marseille» ist beidseitig binnen drei Monaten kündbar – und das seit 20 Jahren. 

Publikationsdatum
18-02-2020

Alle 20 Minuten tuckert das Shuttleboot vom Vieux Port los. Nach dem MuCem biegt es rechts ab und fährt der Küste entlang, die Wohnblocks der Quartiers Nord auf dem ganzen Weg bis nach L’Estaque in distanzierter Sichtweite. 20 Minuten später ist man am Hafen der Aussengemeinde der Stadt, und von da aus sind es ein paar Schritte bis Thalassanté.

Die Containersiedlung liegt im Cargo-Bereich des Hafens, gegenüber einer kleinen Verladestation für Schiffe. Auf dem 700 m2 grossen Grundstück befinden sich 28 zwischen 20 und 40 Fuss (ca. 6 und 12 m) lange, nach Bedarf frei verschiebbare Schiffscontainer. Viele Leute gehen im Areal ein und aus – manche sind Besucher, andere arbeiten an ihren Projekten oder helfen beim Unterhalt, oder es handelt sich um einen verirrten Spaziergänger, der an der Bar einen Kaffee trinkt. Manchmal finden hier auch Workshops oder Konzerte statt, kostenlos oder gegen Bezahlung, alles Verhandlungssache.

Der Coolnessfaktor des Orts und die tolle Lage ziehen auch grosse Firmen an – zum Beispiel BMW. Sie halten hier Workshops und Retraiten für ihre Mitarbeiter ab. Der Abend wird adäquat bezahlt, was Einkommen generiert, das in kostenlose Ateliernachmittage für Kinder fliesst oder dem einen Angestellen zukommt, der sich um den Unterhalt kümmert. Wegen des Netzwerks verlegen Kulturschaffende ihre Büros hierher – und vielleicht auch wegen des fantastischen Arbeitswegs vom Vieux Port aus: Das Schiff erspart Stunden im Stau. Die Leute erhalten einen Service, bei Bedarf ein Sonnenbad und spannende Kontakte, ihnen und allen anderen stehen Infrastruktur und Netzwerk zur Verfügung. Die Rollen der Mitglieder, Zuschauer, Zaungäste, Angestellten und Partner ändern sich laufend und passen sich einander an, wie in einem grossen Ökosystem mit verschiedenen Organismen. 

Der kurzfristig kündbare Pachtvertrag zwischen dem Verein und der «Grand Port Maritime de Marseille» besteht seit 20 Jahren. Wie geht man mit so einer Situation um? Man lernt anders zu denken und einer anderen Gesetzmässigkeit zu folgen wie «da draussen», sagt Jonathan Cacchia, Architekt und seit über vier Jahren Präsident von Thalassanté. Entscheidungen sind ein organischer Gemeinschaftsprozess: Vieles wird ad hoc gelöst oder einfach von jemandem in Angriff genommen. Wenn das auf Widerstand bei der Gemeinschaft stösst, diskutiert man, ändert es oder baut es zurück. Alles ist seit 20 Jahren temporär und im Fluss. Bauliche Eingriffe wurden von den Nutzern und Nutzerinnen ausgeführt, und die Re-use-Materialien stammen fast immer aus der Hafenumgebung.

Thalassanté ist ein Werkzeugkasten, in dem sich jeder bedienen kann. Tools sind die maritime Kultur, Arbeit, Freizeit, Bildung, Transport, Gesundheit und Natur. Der Ort ist auch ein Inkubator für Kompetenzen – Architekten, Lehrerinnen, Flüchtlinge, Musikerinnen, Arbeitslose, Köche realisieren hier ihre Projekte, geben ihr Wissen weiter oder tun eine Weile nichts. Dazwischen bedient man sich an der selbst betriebenen Bar, wo man bezahlt, was man kann, oder setzt sich in die kleine Bibliothek. Jonathan Cacchia erzählt, hin und wieder kämen auch Angestellte der Stadt Marseille vorbei und fragten misstrauisch, was in dem Compound eigentlich gemacht werde. Dann lädt man sie ein, sich alles anzusehen. «Aber von dem regelmässig gemachten Vorschlag, Kultursubventionen zu beantragen, haben wir in den letzten Jahren noch nie Gebrauch gemacht.» Der Verein finanziert sich prinzipiell selbst.

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