Swiss­bau 2020: Wie wei­ter beim The­ma CO2-Emis­sio­nen?

Das Thema Nachhaltigkeit in der Baubranche war, ganz dem Zeitgeist ­entsprechend, an der Messe omnipräsent und wurde intensiv diskutiert. Doch wie steht es um Lösungen für die Reduktion von CO2-Emissionen? Hat die Swissbau hier für Heureka-Momente gesorgt?

Publikationsdatum
05-02-2020
Ivo Vasella
dipl. Arch. ETH/SIA, Co-Leiter Kommunikation, Mediensprecher

Die Swissbau 2020 startete mit einer fulminanten Show. Eine Handvoll Akrobatinnen zeigte auf dem Messeplatz an der Fassade des fünfgeschossigen «Tour d’Horizon» waghalsige Kunststücke. Der 14 Meter hohe Turm aus Stahl und Beton regte mit seiner Ausstellung im Innern zur Reflexion über das eigene Verhalten bezüglich Leben, Wohnen, Arbeiten sowie Reisen im Jetzt und in der Zukunft an. Besuchende mussten sich allerdings für die Turmerkundigung mit ihrem Smartphone registrieren, gut Treppen steigen können und wind- und wetterfest gekleidet sein. Daneben stand ein fast gleich hoher Gerüstturm, gehüllt in ein schwarzes Netz und mit dem Charme der Rückseite einer Festivalbühne. Sein Zweck: die Erfüllung feuerpolizeilicher Vorschriften. Prominent inmitten des Messeplatzes schien er zu sagen: «Das kommt heraus, wenn man beim Bauen die Planenden nicht miteinbezieht.»

Unterschiedliche Ansätze

Wenige Meter neben den ungleichen Zwillingstürmen stand die elegante kleine «Woodpassage». Ganz ohne Betonsockel, Smartphone und Feuerpolizei verkündete sie ausschliesslich eine Botschaft: In diesen verbauten 13 Kubikmetern Holz sind 13 Tonnen CO2 gebunden – und diese Menge Holz wächst in Europas Wäldern in einer halben Sekunde nach.

Die Diskrepanz, wie mit dem Thema CO2-Emissionen umgegangen wird, zeigte sich an der Messe vielerorts. Während sich die einen Aussteller offensichtlich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzten, versuchten andere, angetan mit einem «CO2-Mäntelchen» sensibilisierte Besucher nicht völlig vor den Kopf zu stossen. Dritte, so schien es wenigstens, haben sich gar nicht auf ein Umdenken eingestellt. Vielleicht aus der opportunistischen Haltung heraus, dass die Welt für einen selbst schon noch reichen werde, oder geleitet von dem Gedanken, der «CO2-Hype» flaue sicher wieder ab.

Im «iRoom» ist die Zukunft bereits Gegenwart

Im Innovation Lab herrschte ein anderer Geist. Unternehmen präsentierten hier ihre neuesten Inno­vationen, auch solche, die sie in Kollaboration mit anderen Firmen im Vorfeld der Messe entwickelt hatten. Die kühnen Visionen gingen teilweise so weit, dass die Besucherinnen und Besucher des interaktiven Erlebnisraums, des sogenannten «iRoom», ab und zu ein beklemmendes Gefühl beschlich. Denn im «iRoom» wurden Projekte vorgestellt, bei denen die Kontrolle und Überwachung durch die digitalen Helfer bereits beängstigend weit ausgereift ist. Und wer kann garantieren, dass die dadurch generierten Daten nur in einem redlichen Sinn verwendet werden?

Ein klimagerechtes Leben ist schon heute möglich

Der SIA präsentierte sich wiederum in seiner Lounge im Swissbau Focus, der Veranstaltungs- und Netzwerkplattform. Er war Partner bei 17 Veranstaltungen, die alle durchwegs hohe Besucherzahlen verzeichneten.

Wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit zusammengehen, wurde im Swissbau Focus kontrovers diskutiert. So forderte ein Redner die Rückkehr von der «Glasarchitektur» zu «massiven Gebäuden mit grosser Speichermasse und kleinen Öffnungen». Ein anderer wurde nicht müde zu betonen, wie wichtig Materialrecycling und -reduktion seien. Wahrscheinlich gilt auch hier wie so oft: Verschiedene Wege führen ans Ziel. Einig waren sich die Referierenden darin, dass das Wissen und die Technik für ein klimagerechteres Leben schon lang vorhanden sind. Auch wenn der Suffizienzgedanke – also die Selbstbegrenzung und Entschleunigung sowie das richtige Mass an Konsum, Konsumverzicht und Entkommerzialisierung – für einige eine wichtige Voraussetzung ist, gab es auch Stimmen, die meinten, man müsse nicht auf Komfort verzichten – sofern man es richtig angehe. Was allen klar sein dürfte: Das Problem kann nicht von den Planenden allein gelöst werden, auch wenn der Bausektor weltweit für ein Drittel der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist.

Die Suffizienz stolz leben

In einer der zahlreichen Podiumsdiskussionen brachte es SIA-Präsident Stefan Cadosch auf den Punkt: Solange die Grösse der eigenen Wohnung oder des eigenen Autos ein in der Gesellschaft anerkanntes, positiv konnotiertes Sta­tussymbol sei, strebten die Menschen weiter nach dem immer Grösseren. Das beweist die Erkenntnis, dass heute fast jede CO2-Ein­sparung durch Mehrkonsum wieder zunichte gemacht wird. Erst wenn die Menschen stolz die Suffizienz leben, wird es möglich, ernsthaft CO2 einzusparen. Und hier sind dann wieder die Planenden am Zug: Kleinere Wohnungen mit optimierten Grundrissen, neue Wohn-, ­Arbeits- und Lebensmodelle wie beispielsweise Mehrfachnutzungen auf gleichen Flächen werden gefragt sein. Heute sieht man solche Planungsmodelle und Lebensstile ­leider noch viel zu selten.

Die aktuelle Nullzinspolitik erweist dabei der Gesellschaft einen Bärendienst. Investoren bauen, um ihr Geld anzulegen, oft qualitativ minderwertige Objekte, häufig am falschen Ort und ohne umfassende Bedarfsanalyse. Zugleich verunmöglichen kontinuierlich steigende Wohn- und Immobilienpreise oft den gewünschten Wohnungswechsel. Nach zahlreichen anregenden ­Focus-Veranstaltungen bleibt eine frustrierende Erkenntnis: Die Probleme sind erkannt, die Lösungen wären da und umsetzbar, aber der Wille, sich aus der eigenen – vermeintlichen! – Komfortzone zu bewegen, ist leider noch zu wenig verbreitet.

Verwandte Beiträge