Re-Use auf dem Crap So­gn Gi­on

Publikationsdatum
03-11-2023

Projekte, die demontierten Rotorblättern zu einem zweiten Leben verhelfen, sind eine 2022 im irischen East Cork County errichtete Brücke, der 2017 erbaute Wikado Playground in Rotterdam oder die 2020 gebauten Velounterstände im dänischen Aalborg. Diese Re-Use-Projekte verwerten aber nur einen kleinen Teil der aussortierten Rotorblätter. Es braucht weitere Projekte wie beispielsweise der Crap Sogn Gion auf 2252 m ü. M. oberhalb von Flims-Laax-Falera. Die Berg­station soll trotz Erweiterung des Raumprogramms künftig 75 % weniger Energie verbrauchen und 75 % des Energiebedarfs selbst produzieren. Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, spielt die Wiederverwendung von Rotorblättern eine Rolle.

Die Station ist in den letzten Jahren zu einem ineffizienten, instand­set­zungsbedürftigen und ressourcenverschwendenden Konstrukt ver­wachsen. Sie ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch betrachtet mit einem Jah­res­­verbrauch von 150 000 l Heizöl und 400 000 kWh elektrischem Strom die grösste und ineffizienteste Verbraucherin im derzeitigen Gebäudebestand der Weissen Arena Gruppe. 6000 m³ frisches Trinkwasser werden pro Jahr auf den Crap Sogn Gion gepumpt, teils nur, um gleich wieder die Toiletten runter­ge­spült zu werden. Jährlich verlassen 640 t Abfall die Bergstation in Rich­-tung Kehrichtverbrennungsanlage. Trotz­dem wird kein Ersatzneubau geplant; AFF Architects und Schnetzer Puskas Ingenieure verfolgen bewusst das Konzept der Wiederverwendung.

Einerseits sollen bedeutende Schlüsselbauten erhalten bleiben. Der markante Rundbau war ein Vorreiter des Wiederverwendens zu seiner Zeit. Sein tragendes Stahlgerüst wurde nämlich kostengünstig aus den Überresten der Télécanapé-Anlage der Expo 64 in Lausanne erworben und auf dem Laaxer Hausberg wiederverwertet. Die kurze Montagezeit, das vergleichsweise geringe Gewicht und die Segmentlängen eigneten sich ideal für die anspruchsvollen logistischen Anforderungen und für das aufgrund des alpinen Wetters verkürzte Bauzeitfenster.

Andererseits wird der neue Mittelbau systemgetrennt erstellt und als Open-plan-Mehrzwecksaal konzipiert, um resilient auf die wechselnden Nutzungsbedürfnisse, Nutzergruppen und klimatischen Herausforderungen reagieren zu können. Eine Kassettendecke mit maximalem Stützabstand überspannt und schafft den offenen Grundriss. Sie lagert auf aussortierten Rotorblättern, die als Stützen funktionieren. Die Erweiterung versteht sich als temporäre Intervention, deren Komponenten im Fall einer künftigen Obsoleszenz weitgehend demontiert und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden können.

Die ausführliche Version dieses Artikelst ist erschienen in TEC21 36/2023 «Rotorblatt wird zum Bauteil».

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