Gu­te Ba­sis, trä­ge Um­set­zung

Bauen und Klimapolitik

Die Schweiz hat die Mittel, um ihre Klimaziele zu erreichen. Trotzdem wird sie sie deutlich verfehlen: Politische Stagnation und fehlender Mut bremsen den Wandel, gerade auch in der Baubranche. Immerhin gibt es Ansätze, um den CO2-Ausstoss zu senken – günstig, praxisnah, wirkungsvoll und skalierbar.

Publikationsdatum
13-01-2026
Isabel Borner
Redaktorin Umwelt/Energie und Architektur espazium magazin
Judit Solt
Fachjournalistin BR, Chefredaktorin espazium magazin

Netto-Null bis 2050: Diese Verpflichtung ist die Schweiz politisch eingegangen, international mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 und national mit der Klimastrategie des Bundesrats 2021. Wo wir hinkommen müssen, ist also klar; wie wenig Zeit wir dafür haben, ebenfalls. Weniger offensichtlich ist, wie wir zum Ziel gelangen können. Es gilt also, erfinderisch neue Wege zu suchen. Und weil dabei der Bausektor keinesfalls zurückbleiben darf, ist die Kreativität der Planerinnen und Planer gefragt.

Das Labyrinth auf unserem Cover soll nicht abschrecken. Es versinnbildlicht die heutige Situation der Planungsbranche mit all ihren Hürden und Hoffnungen: Im Zentrum steht das Ziel, das man je nach Ausgangspunkt über unterschiedliche Routen erreichen kann. Die Gänge sind eng und verschlungen, es gibt Umleitungen und Sackgassen, und die Wände erscheinen ebenso undurchdringlich wie die gesetzlichen Randbedingungen und ökonomischen Zwänge, die das Bauen regulieren. Trotzdem gibt es nicht nur einen, sondern immer gleich mehrere Wege zum Ziel. Wer beharrlich genug sucht, findet sie. 

Diese Suche kann nicht länger warten. Bei der Eindämmung der Klima- und Biodiversitätskrise ist die Schweiz spät dran. Berücksichtigt man die historischen Emissionen und die Wirtschaftskraft, ist das nationale CO₂-Budget im Hinblick auf das 1.5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens schon seit Jahren aufgebraucht. Eine Besserung ist nicht in Sicht, die nationale Klimapolitik stagniert. Es werden genau jene Massnahmen blockiert, die einen relevanten Fortschritt bringen könnten: Um die Energiewende bis 2050 zu schaffen, müssten jährlich etwa 30 000 fossile Heizungen ersetzt werden, aktuell liegt die Rate jedoch bei 12 500. Bei den erneuerbaren Energien steht die Schweiz wegen der Wasserkraft nicht schlecht da, aber beim Ausbau von Wind- und Solarkraft belegt sie im europäischen Vergleich Platz 22 von 28. Es mangelt an der Infrastruktur für die Elektrifizierung von Industrie, Wirtschaft und Mobilität, obwohl die technischen Lösungen vorhanden wären. 

Weitere Beiträge zum Thema Netto-Null finden Sie im gleichnamigen E-Dossier.

Auf dem Weg zu Netto-Null ist der Bausektor entscheidend: Er verursacht rund ein Drittel der inländischen CO₂-Emissionen, ca. 40 % des Endenergiebedarfs der Schweiz, über 80 % des gesamten Abfalls und hat einen Materialverbrauch von 60 bis 70 Mio. t pro Jahr. Nicht zuletzt ist die Sanierungsrate in der Schweiz zu tief: Sie liegt bei 1 % und müsste sich verdreifachen, um die Schweizer Klimaziele zu erreichen. 

In Bezug auf Standards, Labels und Forschung ist die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern jedoch gut aufgestellt. Der SIA treibt mit dem 2023 lancierten Aktionsplan «Klima, Energie und Ressourcen» verschiedene Massnahmen für klimaverträgliches Planen und Bauen voran. Dazu gehört auch, die seit 2025 gültige Norm SIA 390/1 in der Praxis zu verankern. Diese regelt eine vollständige Ökobilanzierung von Bauwerken, von der Erstellung über den Betrieb und die induzierte Mobilität bis hin zum Rückbau. Sie tut dies, indem sie klare Zielwerte für die Summe aller Treibhausgasemissionen festlegt – Massnahmen zu entwickeln, mit denen das Bauwerk diese Werte erreicht, liegt in der Kompetenz der Planerinnen und Planer. Insofern bietet auch der Klimapfad eine wandelbare Auswahl von möglichen Wegen zum zentralen Ziel.

«Netto-Null wird nicht durch technische Einzel­lösungen, sondern durch systemisches Neu­denken erreicht.»


Julia Hemmerling, Architektin und Mitinhaberin Atelier Ehrenklau Hemmerling, Zürich;  Projektsteuerung SIA-Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen


Weil die Rahmenbedingungen in der Schweiz somit nicht schlecht sind, die Umsetzung jedoch harzt, richten wir den Fokus dieses Hefts auf die Praxis. Wir zeigen mutige Ideen, gebaute Experimente, Leuchtturmprojekte und knallharte Berechnungen. Denn: Um die Klimaziele auch nur annähernd zu erreichen, müssen skalierbare Lösungen her, die sich schnell und flächendeckend in die tägliche Baupraxis übertragen lassen. Umweltgerechtes Bauen muss günstiger werden, und dazu braucht es Wissen, welche Massnahmen im Verhältnis zu den Kosten das grösste Potenzial haben, Emissionen zu reduzieren. Dabei kommt es auf Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger an, die sich trauen, loszugehen und ihre Gestaltungsmacht wahrzunehmen – ohne Ideologie, voller Kreativität, mit offenen Augen und gezücktem Taschenrechner.

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