«Das Pro­gramm Leis­tungs- und Ho­no­rar­kul­tur ver­folgt ei­nen Kul­tur­wan­del»

Ein koordiniertes Gesamtprojekt – das ist das Programm Leistungs- und Honorarkultur. Es zeigt, wie Planungsleistungen für alle Beteiligte nachvollziehbar berechnet werden können. Dabei spielen die LHO, die SIA-Benchmarking-Plattform und die Value app eine tragende Rolle.

Publikationsdatum
31-07-2026

Die Veranstaltungsreihe Rundum—SIA war im Februar und März Gast in verschiedenen Schweizer Städten, um den Dialog zur Zukunft der Honorierung zu führen. An den Veranstaltungen fiel auch der Begriff Leistungs- und Honorarkultur. Marco Waldhauser, SIA-Vizepräsident, Clemens Blum, Präsident der Zentralkommission für Ordnungen (ZO) im SIA, und Laurindo Lietha, Programmleiter, ordnen ein. 

Was versteht der SIA unter dem Programm Leistungs- und Honorarkultur?

Marco Waldhauser: Mit dem Programm Leistungs- und Honorarkultur setzt sich der SIA für einen nachhaltigen Kulturwandel in der Planungs- und Beauftragungspraxis ein. Im Zentrum stehen transparente Leistungen, faire Honorare und ein gemeinsames Verständnis von Qualität und Wertschöpfung. Das Programm macht sichtbar, wie Planungsleistungen nachvollziehbar, wertorientiert sowie zukunftsfähig definiert und vergütet werden können und wie die Massnahmen zusammenspielen.

Können Sie die Wechselwirkung zwischen diesen Instrumenten erläutern?

Laurindo Lietha: Die drei Säulen – die Leistungs- und Honorarordnungen (LHO), Benchmarking und Aufwandermittlung mittels der Value app – bilden die Basis zur Beauftragung. Dabei stellen die LHO die Grundlage dar für qualitativ gute Planungsprozesse und eine faire Zusammenarbeit aller am Bauen beteiligten Akteure.

Die Benchmarking-Plattform unterstützt die wirtschaftliche Standortbestimmung von Planungsbüros durch den Vergleich mit den betrieblichen Kennzahlen anderer Büros. Damit erhalten sie eine Grundlage für die Betriebsoptimierung. So lassen sich unter anderem Selbstkosten festlegen; zudem bietet die Plattform Unterstützung bei der Kalkulation von Stundensätzen

Die Value app quantifiziert die Planungsleistung als Stundenaufwand und greift auf die etablierten Organisationsformen, Funktionen und die Leistungsbeschriebe der LHO zurück. Damit schafft sie eine objektive Verhandlungsgrundlage für Auftragnehmer und Auftraggeber. 

Es ist denkbar, dass es zu einem späteren Zeitpunkt noch andere Aufwandermittlungsmodelle geben wird, die sich für Aufgaben eignen, bei welchen sich die Fläche als determinierende Grösse weniger eignet. 

Wo sehen Sie die Chancen dieses Programms?

Waldhauser: Bauliche Qualität kann nur dann aufrechterhalten werden, wenn Leistung und Honorar in einem angemessenen Verhältnis stehen. Das Dreigespann LHO, SIA-Benchmarking-Plattform und die Aufwandermittlung, beispielsweise mit der Value app, bildet dazu die Grundlage. 

Bei der Value app stehen nicht wie früher die Baukosten im Vordergrund. Der Planungsaufwand wird anhand konkreter, projektspezifischer Kenngrössen ermittelt. Dazu gehören etwa die Bau- und Nutzungsart, die Grösse oder auch die Komplexität der Aufgabe. Das bietet die Chance, künftig die heutigen Herausforderungen offener und breiter anzugehen – so das zirkuläre Bauen, Lowtech-Ansätze oder auch die Netto-Null- und Energieziele.

Die Vernehmlassung im Rahmen der Revision der LHO SIA 102, SIA 103, SIA 105 und SIA 108 hat eine hohe Beteiligung ausgelöst. Wie haben die Kommissionen darauf reagiert?

Clemens Blum: Wir haben die Reaktionen aus der Vernehmlassung sehr ernst genommen– uns erreichten circa 3'800 Stellungnahmen und einige Briefe.

Nach einer ersten Analyse wurden die Hauptkritiker und -kritikerinnen zu einem Runden Tisch eingeladen, damit die Kommissionen ihre Einwände noch besser nachvollziehen konnten. Zudem folgen mehrere Gespräche in kleineren Runden. Da viele Reaktionen aus dem Bereich der Architektinnen und Architekten kamen, suchte insbesondere die Kommission 102 das direkte Gespräch mit ihnen.

Parallel dazu wurden alle Stellungnahmen in drei themenspezifischen Arbeitsgruppen akribisch durchgearbeitet. Die Kommissionen leisteten eine enorme Arbeit, um die fundamentalen Kritiken umzusetzen und damit die LHO zu verbessern. Auch wenn wir zunächst mit dem Ausmass der Reaktionen und der damit einhergehenden Arbeit wenig glücklich waren, so sind wir doch dankbar dafür, wie die LHO sich dadurch noch einmal weiterentwickeln konnten.

Als nächstes stehen das Einspracheverfahren und danach die Freigabe zur Publikation durch die Delegierten an. Warum hat das so lange gedauert? 

Blum: Der ganze Prozess hat viel mehr Zeit als geplant in Anspruch genommen. Aber es hat sich gelohnt. Die Revision ist in vielen Punkten deutlich klarer geworden. 

Da die Kommissionen nun schon seit über fünf Jahren arbeiten, gab es letzten Herbst den Wunsch, die Publikationsfreigabe durch die Delegierten zügig voranzutreiben. Das hätte aber ein Einspracheverfahren über den Sommer und eine ausserordentliche Delegiertenversammlung am Jahresende bedeutet. Letztendlich waren wir froh, dass sich Delegierten an der diesjährigen Versammlung in deutlicher Mehrheit dafür ausgesprochen haben, dem Prozess mehr Zeit zu gönnen.

In diesen Tagen geht nun die neue Version zur Verabschiedung in die Kommissionen. Danach folgen die Französisch- und Italienisch-Übersetzungen. Das Einspracheverfahren wird nach den Sommerferien gestartet. Nach der grossen Überarbeitung hoffen wir sehr, dass sich die Einsprachen in Grenzen halten und dass wir den Delegierten Ende April 2027 die revidierten LHO zur Verabschiedung vorlegen können.

Die Value app für Architekturleistungen ist aktuell in einer Pionierphase. Was unternimmt der SIA, damit die Transformation in ein aussagekräftiges Instrument gelingt?

Waldhauser: Der Aufruf zur Dateneingabe war erfolgreich. Ende April konnten die Berechnungsmodelle für die Architekturleistungen präzisiert werden. Die aktuellen Feedbacks zu den errechneten Aufwänden stimmen uns sehr zuversichtlich. 

Auch nach Abschluss der Pionierphase werden künftig die Modelle in regelmässigen Abständen anhand gesammelter Daten justiert. Die Erhebung dieser Daten wird über ein Treuhandbüro erfolgen und den Toolentwicklern anonymisiert zu Verfügung gestellt. Darüber hinaus wird die Value app für Architekturleistungen voraussichtlich im kommenden Jahr von der Delegiertenversammlung in Kraft gesetzt. Erst dann ist es ein Instrument, das der SIA empfiehlt

Wann ist mit den Versionen für die Disziplinen Ingenieurbau, Landschafsarchitektur und Gebäudetechnik zu rechnen? Und wird es zuerst auch eine Betaversion und dann eine Pionierphase geben? 

Lietha: Bis Ende Juli wird die Closed Alpha Phase abgeschlossen sein. Diese Phase ist einem begrenzten Nutzerkreis vorenthalten und dient der Verifizierung der disziplinspezifischen Methodik und der Datenaggregation. Nach Einarbeitung sämtlicher Erkenntnisse werden die Betaversionen voraussichtlich ab diesem September zu Verfügung stehen.

Die LHO bilden die Grundlagen für die Leistungsbeschriebe in der Value app. Wie stellt der SIA sicher, dass die revidierten LHO nach der Publikation in die Value app einfliessen?

Blum: Die LHO sind unabhängig von einem bestimmten Tool formuliert. Da die Grundleistungen gleichgeblieben sind, auch wenn sie nun deutlich detaillierter beschrieben werden, sollte das insgesamt problemlos erfolgen. Nach dem derzeitigen Zeitplan werden die Kommissionen den Revisionsentwurf des Einspracheverfahrens den Entwicklern zur Verfügung stellen, damit die Anpassung parallel beginnen kann. 

Lietha: Eine der Aufgaben der Programmsteuerung Leistungs- und Honorarkultur ist die Koordination der Schnittstellen aller Instrumente. Damit stellt sie über die SIA-Geschäftsstelle den Austausch mit den Entwicklern und weiteren Stakeholdern sicher.

Was muss generell passieren, dass das Programm Leistungs- und Honorarkultur nicht nur ein Buzzword bleibt, sondern in die Praxis umgesetzt werden kann? 

Waldhauser: Einerseits müssen wir als Gesellschaft lernen den Wert von Planungsleistung anzuerkennen – damit einher geht auch eine angemessene Honorierung. Andererseits müssen Planende offen sein für neue Wege der Honorarermittlung, auch wenn die Prozesse bis dorthin nicht immer einfach sind. Und wir als Branche sind gefordert vermeintlich Bewährtes zu hinterfragen, alte Zöpfe abzuschneiden und einen Mehrwert für alle zu schaffen im Sinne eines zukunftsfähigen und nachhaltig gestalteten Lebensraums von hoher Qualität.

Rundum-SIA geht im September ein zweites Mal auf Tour wiederum mit dem Schwerpunktthema Leistungs- und Honorarkultur. Weitere Informationen zu den Veranstaltungsorten und -daten: RUNDUM-SIA

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