«Architektur ist nur gut, solange sie sinnvoll angeeignet werden kann»
Architektur und Psychologie sind eng miteinander verbunden. Im Interview erklärt Martina Guhl, Studiengangleiterin des CAS Immobilien- und Wirtschaftspsychologie, die Bedeutung von Psychologie in der Architektur, und weshalb sie von Anfang an in den Planungs- und Bauprozess mit einbezogen werden sollte.
Was hat Architektur mit Psychologie zu tun?
Raumerfahrung ist die Grundstruktur unserer Erfahrungswelt. Noch bevor sich die Disziplin «Psychologie» universitär formierte, begann man bereits im 18. Jahrhundert Bauen und Architektur als Empfindungskunst zu verstehen. Räume sind ein Gegenüber, mit denen der Mensch in Beziehung tritt und von denen er auf mehreren Ebenen gleichzeitig beeinflusst wird: emotional, kognitiv, sensorisch und körperlich.
Wie beeinflussen Räume unser Wohlbefinden, unsere Stimmung und unser Verhalten?
Umgebungsvariablen wie Licht, Proportionen, Raumhöhe und -Anordnung wirken auf unser Nervensystem und beeinflussen die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin in unserem Körper. Dopamin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der als Belohnungssystem fungiert: Räume können uns also motivieren, glücklich machen und zur Kreativität anregen. Ebenso kann ein schlecht gestalteter Raum Müdigkeit, Reizüberflutung oder Unsicherheit und Stress auslösen – oft, ohne dass wir dies bewusst wahrnehmen. Diese architekturpsychologischen Zusammenhänge werden in wissenschaftlichen Studien untersucht und sollten in die Entwurfs - und Planungspraxis einfliessen.
Woran erkennt man, dass ein Raum psychologisch funktioniert und wo ist das besonders relevant?
Räume, die psychologisch funktionieren, erzeugen positive Stimulierungen unseres Gehirns und bieten vielfältigen Handlungsspielraum an. Sie nähren uns emotional und sensorisch so vielfältig und abwechslungsreich wie gesunde ausgewogene Ernährung. Darüber hinaus bieten sie den Nutzenden sinnvolle Aneignungsformen und Wahlmöglichkeiten für ihre Handlungen. So finden wir beispielsweise offene Bürolandschaften, die gestalterisch zwar ansprechend und offen wirken, jedoch psychologisch nicht günstig sind: monotone Umgebungen ohne Orientierungspunkte, zu hohe Lärmbelastung, visuell starke Reize und fehlende Abschirmungs- und Rückzugsmöglichkeiten. Ebenso häufig treffen wir anregungsarme und wenig einladende Aussenräume von Wohnumwelten an, deren Aneignungsarmut sowohl Erlebnisvielfalt als auch soziale Interaktionen verhindern. Wenn die Passung von Mensch und Raum nicht gegeben ist, muss der Mensch ständig nachjustieren, was unseren Organismus belastet.
Ein psychologisch positiver Raum fühlt sich jedoch intuitiv angenehm an. Menschen finden sich leicht zurecht, können sich konzentrieren oder entspannen und nutzen den Raum wie vorgesehen. Besonders relevant ist das in all jenen Räumen, in denen Menschen viel Zeit verbringen oder sich in belastenden Situationen befinden. Gerade im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich besteht noch grosses Potenzial, Erkenntnisse der Umweltpsychologie konsequenter in Planung und Gestaltung zu integrieren. Ebenso stellen hybride Arbeitsplätze und digitale Lernumgebungen neue Anforderungen an die räumliche Gestaltung.
Welche räumlichen Merkmale können Stress bewirken?
Stress entsteht durch Überreizung oder auch Unterstimulierung: Aktuell sind das beispielsweise überhitzte Büros oder Schulzimmer. Entscheidend ist das Zusammenspiel der Umgebungsfaktoren in ihrem Anregungsgehalt und der emotionalen Bewertung. Faktoren wie schlechtes Klima, mangelndes Tageslicht, Überfüllung, abweisende Haptik oder verbaute Grundrisse können Unbehagen und Stress auslösen. Entscheidend ist oft nicht ein einzelnes Element, sondern das Zusammenspiel aller Variablen.
Soll psychologisches Wissen also von Beginn weg in der Planung berücksichtigt werden?
Ja, so würde Planen und Bauen konsequenter menschenzentriert erfolgen. Entscheidungen würden sich stärker an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer orientieren und nicht ausschliesslich an Kosten, Technik oder Flächeneffizienz. Langfristig könnten Gebäude entstehen, die gesünder, produktiver und nachhaltiger genutzt und Fehlplanungen und Kosten reduziert werden. Architektur würde damit noch stärker als Beitrag zur Lebensqualität und Mentalen Gesundheit der Menschen und der Gesellschaft verstanden werden.
Gibt es einfache Prinzipien oder «Faustregeln», die sich in jedem Projekt anwenden lassen?
Architektur ist nur gut, solange sie sinnvoll angeeignet werden kann. Die Faustregel entspricht der Formel, die bereits der Städtebauer Jan Gehl deutlich machte: Erst das «Leben verstehen», daraus die «Räume entwickeln» und schliesslich «Gebäude bauen».
Ein psychologisch unterlegter Entwurfsprozess entwickelt Räume aus der menschlichen Wahrnehmung. Viele Massnahmen verursachen keine hohen Mehrkosten, sondern hängen vor allem von sinnvollen Planungsprozessen und -entscheidungen ab.
Wie kann der Bau- und Planungsprozess optimiert werden?
Der Bauprozess ist ein eigentlicher Problemlösungsprozess: Dabei ist es primär wichtiger das Problem zu kennen als die Lösung auszuarbeiten. Das bedingt, ein Projekt von Anfang an gut aufzugleisen, Nutzende und ihre Bedürfnisse frühzeitig einzubinden und das Management der unterschiedlichsten Stakeholder nachhaltig zu organisieren.
Der integrative Ansatz im Bau- und Planungsprozess erfordert professionelles Argumentarium, organisationspsychologisches Wissen, wirkungsvolle Kommunikation sowie ein geschicktes und umsichtiges Verhandlungsvermögen mit möglichst allen Stakeholdern.
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Der neue CAS (Certificate of Advanced Studies) Immobilien- und Wirtschaftspsychologie am IAP (ZHAW Institut für Angewandte Psychologie) vermittelt das komplexe Wissen der Wirkzusammenhänge von Raum und Mensch, sowie der aktuellen Erkenntnisse aus der evidenzbasierten Designforschung. Die Weiterbildung befasst sich mit psychologischen Anforderungen in Raumtypologien des Wohnens, des Arbeitens, des Lernens und Lehrens, des Konsums als auch der Gesundheitsbauten. Dabei werden unter anderem auch die Fokusthemen Farbe und Licht, vertieft.
Der CAS Immobilien- und Wirtschaftspsychologie eignet sich für Fachpersonen aus Architektur, Innenarchitektur und Planung, sodass sie wirkungsvoll psychologisches Wissen in ihren Entwurfsprozessen und Argumentationen anwenden können: Sei es in der Vorbereitung eines Wettbewerbs, bei der strategischen Leitung eines Projekts oder beim Umsetzen eines Auftrags mit vielen verschiedenen Anspruchsgruppen. Diese für SIA-Mitglieder wichtigen Handlungskompetenzen werden in der Weiterbildung reflektiert und transferiert.
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