CO2-Ziel­wer­te: «Re-Use ist das Quänt­chen, das am Schluss noch ge­fehlt hat»

Klara Jörg und This Alder arbeiten beim Baubüro in situ. Mit dem Projekt «Werkhof 29» haben sie ein Gewerbegebäude um eineinhalb Geschosse in Holz-Stroh-Lehm-Bauweise erweitert. Im Gespräch erzählen sie, wie Bestandeserhalt und Re-Use helfen, die CO2-Zielwerte zu erreichen.

Publikationsdatum
13-09-2026

Können Sie das Projekt kurz beschreiben?

Klara Jörg: Das Projekt ist ein weiteres Puz­zlestück im Areal des ehemaligen Industrie­quartiers Binz, wo wir bereits 2016 den Werkhof Binz planen durften. Am Anfang stand eine Machbarkeitsstudie: Ersatzneubau, Bestandeserhalt oder Aufstockung – das war zunächst offen. Wir hatten verschiedene Varianten durchgerechnet, Kosten und Emissionskennzahlen einander gegenübergestellt. Am Ende entstand eine eineinhalbgeschossige Aufstockung in Holz-Stroh-Elementbauweise mit grossem Re-Use-Anteil.

Wie wirkt sich das Weiterbauen im Bestand konkret auf die CO2-Bilanz aus?

Jörg: Die abschliessend geprüften Zahlen für dieses Gebäude liegen uns noch nicht vor, die CO2-Bilanzierung ist im Prozess. Aber schon während des Entwurfs war klar, wo die grössten Hebel liegen: beim Bestandeserhalt an sich und dem Umsatteln auf erneuerbare Energien beim Heizen, in unserem Fall Erdsonden. Die Re-Use-Elemente haben zahlenmässig einen kleinen Einfluss auf die CO2-Bilanz – aber sie sind am Ende das, was hilft, den Zielwert tatsächlich zu erreichen. Der Zielwert ist ambitioniert, und Re-Use ist das Quäntchen, das am Schluss noch gefehlt hat.

Artikel zum Projekt «Werkhof29» auf espazium

Heisst das, jede einzelne Massnahme zählt, um die Zielwerte zu erreichen?

Jörg: Ja, umso mehr, weil der Zielwert Netto-Null 2040 jedes Jahr strenger wird. Was wir heute nicht einsparen, wird morgen noch schwerer zu erreichen sein.

This Alder: Bestandeserhalt heisst eigentlich nichts anderes, als das grösste Re-Use-Bauteil zu erhalten. Wir haben auch innerhalb des Hauses sehr viele Bauteile wiederverwendet. 

Jörg: Da braucht es auch ein gewisses Umdenken. Bei einem anderen Projekt gehen wir zum Beispiel so weit, dass wir sogar den Teppichboden erhalten wollen. Die erste Reaktion ist oft: Weg damit. Aber 6000 Quadratmeter Teppich sind viel Abfall mit hohen Emissionswerten. Bestandeserhalt heisst eben, alles, was schon da ist, als Ressource zu verstehen.
Re-Use bedeutet für die Bauherrschaft auch, eine gewisse Unsicherheit auszuhalten. Wie war das in diesem Projekt?

Jörg: Gerade bei gestalterischen Fragen klärt sich oft erst spät, wie etwas am Ende aussieht. Ein Beispiel: Wir haben lange kein passendes Blech für die Fassade gefunden, und am Ende war es ein knalligeres Blau, als wir aufgrund der Visualisierung erwartet haben.

Alder: Da gab es dann auch die Diskussion: Wäre es schlimm, ein neues Blech zu verwenden, wenn wir kein passendes Re-Use-Blech finden? Geht es darum, Emissionen einzusparen, oder um das Statement?

Re-Use bedeutet auch Mehraufwand in der Planung. Wer trägt diese Kosten?

Alder: Aktuell trägt die eigentlich niemand richtig. Wir haben einen Mehraufwand, um Re-Use-Bauteile zu prüfen, einzuplanen, zu besprechen und dann teilweise doch wieder zurück auf Feld eins zu gehen. Diese Stunden lassen sich nicht wie gewöhnliche Planungsstunden abrechnen.

Der SIA-Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen definiert Rethink, Refuse, Reduce, Re-Use, Repair, Recycle als eines von acht Handlungsfeldern: Im Hoch- und Tiefbau sind Materialien und Bauteile zu wählen, welche eine möglichst geringe Gesamtumweltbelastung auf Bauwerksebene ermöglichen und die Kreislauffähigkeit miteinbeziehen. Mehr zum Aktionsplan. 

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