Glau­be ver­dich­tet

Projektwettbewerb Neubau Sennhauserweg, Zürich Hottingen

Kleine Aufgabe mit grossen Schwierigkeiten: Der Neubau eines Mehrfamilienhauses auf einer freien Parzelle am Zürichberg forderte den Planerteams einiges ab: ein schmales Hanggrundstück, der Bezug zum benachbarten Pfarrhaus, Aussichtsschutz. Atelier Scheidegger Keller gewann mit einem gegliederten Volumen mit ungewöhnlichen Grundrissen.

Publikationsdatum
20-09-2018
Revision
20-09-2018
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Freie Grundstücke in Zürich Hottingen sind rar. Dass die Parzelle am Sennhauser­weg noch unbebaut ist, liegt an der Eigen­tümerin und der unmittelbaren Nachbarschaft im Nordosten: Beide Areale gehören dem reformierten Stadtverband, auf jenem an der Carmenstrasse steht das ehemalige Pfarrhaus der gegenüberliegenden Kreuzkirche (vgl. Situation). Die 1908 durch den Architekten Karl Meybohm erstellte Villa steht im Inventar für schützens­werte Bauten und ist derzeit an eine Studierenden-WG vermietet.

Dass der Dornröschenschlaf für das Pfarrhaus und das freie Grundstück nun ein Ende hat, liegt, wie so oft, an einer Professionali­sierung und Zentralisierung von Strukturen. Im kommenden Jahr schlies­sen sich 32 reformierte Kirchgemeinden auf dem Gebiet der Stadt Zürich zu einer einzigen zusammen. Ihre Lie­gen­schaften werden künftig zentral nach marktwirtschaftlichen Kri­te­rien verwaltet. Eine Brache an bester Lage liegt da nicht mehr drin.

Für das Pfarrhaus ist eine sanfte Instandsetzung und der Umbau zum Einfamilienhaus vorgesehen. Thema des aktuellen Wett­bewerbs war aber die Bebauung der angrenzenden Parzelle am Sennhauserweg, für die ein Mehrfamilienhaus mit sechs bis sieben Wohnungen anvisiert wird. Mehr ist an dieser Stelle nicht möglich, ein eingetragener Aussichtsschutz lässt lediglich drei Vollgeschosse ohne Attika zu.

Die engen Vorgaben wirkten aber offenbar inspirierend. Die eingereichten Entwürfe der neun Planer­teams zeigen eine Fülle an variantenreichen Lösungen, weit entfernt von der üblichen, auf Effizienz getrimmten «Swiss Box». Kernthema war neben der Nutzungsdichte der wechselseitige Bezug von Innen- und Aussenraum.

Ein Schmetterling am Zürichberg

Am überzeugendsten fand die Jury den Vorschlag «Papillon» von Atelier Scheidegger Keller. Die Planer präsentieren ein stark gegliedertes, dreistöckiges Volumen, das entlang der Grenzabstände mäandriert und teilweise tief in den Grünraum auskragt. Die Erschliessung ist mittig und quer zum Hang angeordnet, und teilt damit den Grundriss in zwei Zonen: die zur Aussicht auf den Zürichsee angeordneten Gross­wohnungen mit 4 ½ Zimmern im Südwesten und die bergseitigen 2 ½-Zimmer-Wohnungen im Nord­osten. Die polygonale Grundfläche erlaubt jedoch auch bei Letzteren eine dreiseitige Ausrichtung. Gewöhnungsbedürftig ist die grüne Metallfassade. In dieser Farbigkeit erinnert sie vor allem auf der Westseite – dort, wo es keine Balkone gibt – eher an einen Verwaltungs­-bau aus den 1970er-Jahren.

Villa, neu interpretiert

Im Vergleich zum verspielten Schmetterling kommt der drittplatzierte Entwurf «Charles» der Arbeits­gemeinschaft Nele Dechmann und Johann Reble schnörkellos direkt daher – aber nicht ohne Raffinesse: Der rechteckige Bau variiert bei den 4 ½-Zimmer-Wohnungen das klas­sische Hallenthema der Villa als zweigeschossigen Aussenraum. Durch die vertikale Verschränkung der grossen Duplexwohnungen mit den 2 ½-Zimmer-Wohnungen gelingt es, sieben Einheiten unterzubringen, drei Gross- und vier Kleinwonungen. Die Grundrisse sind logisch, aber nicht banal, die innere Wegführung ist gelungen. Ein Kritikpunkt war der Bezug zum Aussenraum, der über Balkone und Sichtachsen zwar stattfindet, den die Jury aber zu wenig differenziert fand.

Wiedersehen erwünscht

Ein Wettbewerb für ein kleines Mehrfamilienhaus ist eher ungewöhnlich. Die Rahmenbedin­gungen waren spezifisch, viele Lösungen aber bemerkenswert. Es ist zu hoffen, dass sie in zukünfti­gen Projekten ein Comeback feiern dürfen.

Weitere Pläne und Bilder finden Sie in der Rubrik Wettbewerbe.

Auszeichnungen
 

1. Rang, 1. Preis: «Papillon»
Atelier Scheidegger Keller, Zürich; Ganz Landschaftsarchitekten, Zürich; Monotti Ingenieri Consulenti, Locarno; Raumanzug, Zürich

2. Rang, 2. Preis: «Pierre»
Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten, Zürich; Blau und Gelb Landschaftsarchitekten, Rapperswil

3. Rang, 3. Preis: «Charles»
ARGE Nele Dechmann und Johann Reble, Zürich; BNP Landschaftsarchitekten, Zürich; WaltGalmarini, Zürich; B + S, Zürich
 

Weitere Teilnehmer
 

«Gemma»
Schneider Türtscher Architekten, Zürich; Sabine Kaufmann Landschaftsarchitektin, Zürich

«Barbabo»
Edelmann Krell Architekten, Zürich; AKLA Landschaftsarchitektur, Gossau; Gruner Berchtold Eicher, Zug

«Ausblick»
Romero Schaefle Partner Architekten, Zürich; Kienastland, Rümlang; BBB, Küsnacht; BS2, Schlieren

«Girasol»
ARGE Müller Sigrist Architekten und Leimgruber Architekten, Zürich; Westpol Landschaftsarchitektur, Basel


«Haus & Garten»
PARK Architekten, Zürich; antón & ghiggi landschaft architektur, Zürich; Dr. Neven Kostic, Zürich; Gretener Bauplanung, Zürich

«Schönhier»
Pascal Flammer, Zürich; S2L Landschaftsarchitekten, Zürich
 

FachJury
 

Jakob Steib, Architekt, Zürich (Vorsitz)


Katja Albiez, Landschaftsarchitektin, Zürich


Daniel Abraha, Architekt, Zürich


Matthias Hubacher, Architekt, Zürich
 

Wettbewerbsbegleitung
 

Planzeit, Zürich

 

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