Für ei­ne Wert­schät­zung des Be­stands

Ein Buch des ETH Wohnforum liefert Argumente gegen den Erneuerungswahn. Als Beispiel dienen vier Zürcher Siedlungen.

Publikationsdatum
23-04-2014
Revision
18-10-2015

Im Grunde genommen ist der von Marie Antoinette Glaser und dem ETH Wohnforum – ETH CASE (Centre for Research on Architecture, Society & the Built Environment) herausgegebene Band ein Plädoyer für eine Wertschätzung des Dauerhaften. Und dieses Dauerhafte ist nicht nur die materielle Bausubstanz, sondern ebenso das soziokulturelle Umfeld, das darin entsteht und sich immer wieder ­verändert.

Der einleitende Text hält fest, dass der Ressourcen- und Landverbrauch der Bauindustrie Probleme produziert, die «durch eine Politik des Ersatzes durch Neubau nicht zu lösen» ist. Im Gespräch mit Patrick Gmür, Direktor des Amts für Städtebau Zürich, werden die Rahmenbedingungen des Siedlungsbestands und seiner Erneuerung anschaulich dargelegt. Dann werden ausführlich an vier Stadtzürcher Wohnsiedlungen das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure, das Veränderungspotenzial der Strukturen und die Wahrnehmungen aus der Innen- und Aussensicht untersucht. Die vier Beispiele wurden wegen ihrer auf Dauerhaftigkeit angelegten ­Konzeption und der erhaltenen Zeitdokumenten wie auch wegen der Zugänglichkeit der Bewohner und Verwalter für die notwendigen Befragungen ausgewählt. 

Aufbauend auf dem SNF-Forschungsprojekt «Zur Karriere des Dauerhaften» erläutert der Band mit präzisen und erzählerischen ­Beobachtungen, historischen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen und ökonomischen Dar­stellungen einiges, was an den gut bekannten vier Beispielsiedlungen noch nie so genau untersucht wurde. Genossenschaftlicher, kommunaler und privater Wohnungsbau aus ­verschiedenen Epochen sind ver­treten: Die unauffällige Kolonie ­Industrie I der BEP an der Röntgen­strasse von 1915 verdankt, wie die Autorin Anna Joss darlegt, ihre ­Dauerhaftigkeit dem anhaltenden Pioniergeist. Über die kommunale Wohnsiedlung Zurlinden an der Fritschiwiese von 1919 – die erste durch Wettbewerb entstandene städtische Wohnsiedlung in Zürich – lernen wir in einem Essay von Marie Glaser, dass ihr Vorbildcharakter ­ihrer Schlichtheit und Sorgfalt geschuldet ist. 

Die 1952 von privater Bauherrschaft fertiggestellten Hochhäuser Heiligfeld dagegen zehren bis heute vom Prestige ihrer Gestaltung und Entstehungsgeschichte und verdanken ihre Dauerhaftigkeit mitunter dem vor Ort ­lebenden, engagierten Hauswart, wie Eveline Althaus schreibt. Für die Grosssiedlung Grünau von 1976 lässt die Herausgeberin die abschliessende Bewertung ausstehen und verweist auf die wechselhaften Wertschätzungen der Grossstruktur, deren Bewohner allerdings ausgesprochen sesshaft sind und der ­Grünau aus soziolo­gischer Sicht auf jeden Fall eine ­Dauerhaftigkeit bescheinigen.

Die aufmerksamen und geduldigen Betrachtungen lenken den Blick weit über Grundrisstypologien und Belegungsmuster weiter zu den vielen Faktoren, denen Wohnqualität zugrunde liegt. Mit Metaphern wie «Biografien» und «Kar­rieren» werden die Siedlungen geradezu lebendig gemacht. Diese Metaphern sind Methode und These zugleich: Dies einerseits mit dem Gewinn, Veränderung anschaulich als Teil des Dauerhaften zu erklären. Andererseits wird die Architektur so mit anthropomorphen Bildern aufgeladen, denen sie nicht immer standhält. Haben Häuser wirklich Augen und Gesichter? Dass die Bewohner im Text zentrale Akteure sind, in den Bildern aber meist im Hintergrund auftreten, trägt bei zur Irritation, inwieweit den Häusern ein Eigenleben zugeschrieben werden soll. 

Entgegen der kursierenden Hochkonjunktur knapp kalkulierter Lebenszyklen der Bausubstanz stellt das hier vorgelegte Buch dar, wie die Bewohner und ihre sozialen Strukturen dem Gebauten erfahrene und gelebte Räume überlagern. Über die solide Materie hinaus beschreiben die Fallbeispiele der vier Siedlungen vielschichtige Qualitäten, die mit Ersatzneubauten kaum zu kompensieren sind.