Ein Trag­werk wirbt für sich

Ein Tragwerk sondergleichen hat das Manoir Hauteroche in Le Pont am Lac de Joux. Seit hundert Jahren steht das bis anhin privat genutzte Herrenhaus mit seiner bizarren Architektur am bewaldeten Nordhang leicht abgesetzt vom Dorf. Sein Tragwerk, das das Erscheinungsbild des Hauses prägt, ist im Originalzustand erhalten und von hohem ästhetischem und kulturellem Wert. Ebenso wertvoll sind die bautechnischen Aspekte: Die Tragkonstruktion aus Eisenbeton stammt von François Hennebique und ist eine regelrechte Innovation ihrer Zeit.

Publikationsdatum
20-11-2013
Revision
30-10-2015
Eugen Brühwiler
Lehrstuhl für Erhaltung, Konstruktion und Sicherheit von Bauwerken, ETH Lausanne (EPFL)

Das Manoir Hauteroche liegt am Fuss des Mont Vaulion über dem Dorf Le Pont im Vallée de Joux des waadtländischen Juras. Diese Lage bietet eine einmalige Aussicht auf den Lac de Joux. Maurice Buneau-Varilla (1856–1944), ein reicher Zeitungsverleger aus Paris, war Bauherr und Bewohner dieses Herrenhauses mit dem Namen einer französischen Gemeinde im Burgund. Hier verbrachte er seine Wochenenden und Ferien und empfing weit weg von Paris wichtige Persönlichkeiten der französischen Politik und Wirtschaft. Das Haus ist seit vielen Jahren unbewohnt, und sein Eigentümer möchte es verkaufen. Es bleibt zu wünschen, dass die neue Besitzerschaft ihm mit einer erneuten Nutzung, die die Qualitäten und Werte dieses einmaligen Eisenbetonbaus respektvoll integriert, wieder Leben einhaucht.

Tragwerk und Entwurf von François Hennebique

Das Herrenhaus wurde im Jahre 1913 vom französischen Ingenieur François Hennebique (1842–1921) in Eisenbeton gebaut. Hennebique gilt als wichtigster Entwickler und Baumeister der damals neuen Eisenbetonbauweise im französischsprachigen Raum Europas. Er entwarf und bemass das Haus und liess dabei seiner Fantasie und Kreativität freien Lauf. Er wollte vor allem eins: das Tragwerk von aussen offensichtlich zeigen.

Hennebique hat nur wenige Bauwerke, die nach seinem System gebaut wurden, selbst entworfen. Eines war die Villa in Bourg-la-Reine südlich von Paris – sein wohl bekanntestes Werk. Um die konstruktiven und formalen Möglichkeiten des Eisenbetons zu demonstrieren, hatte er es 1903 in einem neuen, expressiven Stil gestaltet. Das Manoir Hauteroche, das erstaunlicherweise in der Literatur kaum erwähnt wird, ist von der Architektur dieser Villa beeinflusst.

Monolithische Konstruktion aus Eisenbeton

Beim Tragwerk des Manoir Hauteroche handelt es sich um ein räumliches Rahmensystem, das vom damaligen Eisenbau inspiriert gewesen sein könnte. Die Fassadengestaltung mit den weit ausladenden Balkonen verleiht dem Haus eine expressive und lebendige Formensprache. Das Bauwerk ist einzigartig, ein Unikat, das wie eine Plastik in der sanft hügeligen Landschaft des Vallée de Joux wirkt. 

Das Tragwerk basiert auf den Grundideen des Hennebique’schen Systems. Es besteht aus Plattendecken auf vier Niveaus, die sich auf den Süd- und Ostseiten zu weit auskragenden Balkonen verlängern. Die Decken haben eine Stärke von 10cm; feine, 10cm dünne Unterzüge verstärken sie. Diese Sekundärträger enthalten einzelne, präzis bemessene Bewehrungsstäbe. Die gerippte Platte trägt hauptsächlich entlang der Achse des Unterzugs und ist an ihren Enden in Primärträger, Stützen oder der Aussenwand aus Eisenbeton eingespannt. (Zur Berücksichtigung dieser Einspannung hat Hennebique das maximale Feldmoment nach der Formel M = q · l2/10 ermittelt.) Im Gebäudeinnern sind die primären Tragbalken auf Pfosten abgestützt. Dieses System ermöglicht auch grosse Räume. So weist der grosse Salon stützenfreie Abmessungen von 10×12m auf. 

Im Salon und im Speisesaal des Hochparterres sind die Primär- und Sekundärträger gut sichtbar und tragen zum architektonischen Charakter dieser beiden Repräsentationssäle bei. Im ersten und zweiten Geschoss sind die Pfosten in die Trennwände integriert. Pfosten und Trennwände sind über die Stockwerke unterschiedlich angeordnet, was auf eine gewisse Anpassbarkeit des Tragwerks hinsichtlich der Raumaufteilung hindeutet. Hennebique scheint gerade deshalb nicht gewollt zu haben, dass das Tragwerk auch das Innere der Stockwerke charakterisiert.

Die Balkonplatten werden von entsprechend dem Kraftverlauf gevouteten Konsolen getragen, die in den als Doppelstützen ausgebildeten Wandelementen eingespannt sind. Diese durchbrochenen Wandelemente von 1m Stärke stellen ein originelles Bauteil dar, das die Architektur des Bauwerks sowohl innen als auch aussen stark beeinflusst – innen verwandelt sich dieser Raum in Nischen oder Schränke, aussen funktioniert er als Windfang oder Unterstand. Ausserdem kragt das Tragwerk in den Obergeschossen und im Dach aus, was eine weitere Eigenheit dieses Eisenbetonbaus darstellt. Gerade diese Auskragung zeigt zusammen mit den nicht übereinander stehenden Pfosten die Flexibilität und die Möglichkeiten des neuen Konstruktionsmaterials. Die Eisenbetonkonstruktion ist Ausdruck eines äusserst kreativen und freien Gestaltungsprozesses.

Ein Bijou und eine bautechnische Pionierleistung zugleich

Das Manoir Hauteroche ist Ausdruck der Persönlichkeit von Hennebique und seiner Hingabe als Ingenieur und Unternehmer für die Entwicklung und Anwendung des Eisenbetons, der ab den 1950er-Jahren zum wichtigsten Baustoff werden sollte. Charakter und Ausdruck des Bauwerks mit den weit ausladenden Balkonen waren damals neu und nur dank der Eisenbetonbauweise möglich. Dieses einzigartige Objekt feinster Ingenieurbaukunst ist eine Demonstration der technischen Möglichkeiten und der Effizienz des Materials – beides wurde bis aufs Äusserste ausgenutzt.

Tragsicher wie eh und je

Die Zustandsaufnahmen und zerstörungsfreie Untersuchungen bescheinigen dem noch originalen Eisenbetonbau einen befriedigenden bis guten Zustand, obwohl während der 100-jährigen Existenz nie Unterhaltsarbeiten ausgeführt wurden. Einzig die dem Wetter besonders exponierten Kanten der Balkone zeigen Schäden infolge Bewehrungskorrosion. Diese Schäden können jedoch ohne grossen Aufwand behoben werden.

Der Beton weist eine Druckfestigkeit von mehr als 35N/mm2 auf, und es gibt keine Anzeichen einer Überbeanspruchung des Tragwerks. Aufgrund einer überschlägigen Ermittlung von aktualisierten Auswirkungen und Tragwiderständen gemäss den heute gültigen Normen konnte eine genügende Tragsicherheit des Tragwerks mit Erfüllungsgraden von 1.30 bis 1.40 nachgewiesen werden. 

Dieses bisher wenig bekannte und veröffentlichte Bauwerk kann also weiterhin nach seinem ursprünglichen Zweck genutzt werden. Es ist im Inventar der Schweizer Kulturgüter von nationaler Bedeutung. Hoffentlich wird es auch als Objekt von internationaler Bedeutung für die Betonbauweise erhalten bleiben und so einige innovative Elemente der späteren Stahlbetonbauweise bewahren, die auch den heutigen Stahlbetonbau weiterhin prägen. Schliesslich kann die schlanke Hennebique’sche Bauweise hier als Inspirationsquelle für wiederum neue Materialien wie beispielsweise die ultrahochfesten Faserbetone dienen – im Hinblick auf neuartige, ressourcenschonende und dauerhafte filigrane Tragwerke.

Anmerkungen

  1. C. Raffaele, «Le Manoir de Hauteroche au Pont», in: matières, 5 (2002), S. 110–114.
  2. G. Delhumeau, J. Gubler, R. Legault, C. Simonnet, Le béton en représentation – la mémoire photographique de l’entreprise Hennebique 1890–1930, Institut Français d’Architecture, Editions Hazan, Paris 1993.
  3. G. Delhumeau, L’invention du béton armé – Hennebique 1890–1914, Institut français d’architecture, Norma Editions, Paris, 1999.
  4. W. Ritter, «Die Bauweise Hennebique», Schweizerische Bauzeitung, 33/34 (1899), S. 41–43. Nr. 5–7.
  5. A. Hellebois, Theoretical and experimental studies on early reinforced concrete structures. Contribution to the analysis of the bearing capacity of the Hennebique system, Doctoral Thesis, Ecole polytechnique de Bruxelles, Belgien, 2013.
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