Auf den Putz ge­hau­en

Zum gebauten Bestand gehören auch historische Verputze. Wie vielfältig die Oberflächentechnik ist, zeigt das Kompendium «Historische Putztechniken» von Oskar Emmenegger. Der 85-jährige Restaurator teilt darin seinen Erfahrungsschatz und erläutert Techniken anschaulich anhand zahlreicher Beispiele.

Publikationsdatum
31-05-2018
Revision
31-05-2018
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Es muss kein Denkmal, Kloster oder Schloss sein: Historische Kalkputze finden sich mehrheitlich an profanen Bauten unserer Dörfer und Städte. Sie sind oftmals jahrhundertealt und kön­nen, werden sie nicht beschädigt oder unsachgemäss behandelt, die Lebensdauer so mancher zeitgenössischer Oberflächenbehandlungen um ein Vielfaches übertreffen. ­Dennoch nimmt das Wissen um die entsprechenden Putztechniken zusehends ab. Hausbesitzern, Handwerkern und Architekten fehlt oftmals die Erfahrung, historische Putze und ihren Aufbau zu erkennen und sie fachgerecht zu sanieren.

Ihrer dadurch bedingten leider rasch voranschreitenden Zerstörung möchte der Restaurator Oskar Emmenegger durch sein nun veröffentlichtes Lebenswerk Einhalt gebieten. Seit mehr als fünfzig Jahren untersucht er Mauerreste und Putze – seien sie aus vorchristlicher Zeit in den Gebieten der heutigen Türkei oder Ägyptens oder in den bebauten Regionen Norditaliens oder Graubündens. Akribisch hat er seine Erkenntnisse dokumentiert und für diese Publikation systematisch aufgearbeitet.

Die anschaulichen Beschreibungen des Autors, die gut verständlich und an Beispielen nachvoll­ziehbar sind, werden ergänzt um aus­­führliche fotografische Dokumentationen der beschriebenen Putzaufbauten. So wird der Band zu einem wertvollen Arbeitsmittel. Diese Beschreibungen bilden den Hauptteil des Buchs und nehmen das zweite und dritte Kapitel ein. Zunächst arbeitet Oskar Emmen­egger darin die verschiedenen Baumaterialien und den Aufbau von Mauern – als Träger von Putz- und Bildoberflächen – auf. Steinmauern als Voll- oder Schalwerk, Lehm- oder Ziegelwände, Fachwerke und Fa­schinen sind nicht nur regional und zeitlich bedingt bevorzugte Er­­stell­techniken, sie bestimmen das Erscheinungsbild eines Gebäudes.

Putz diente nicht nur zum Schutz vor der Witterung, sondern vielmehr als gestaltendes Material für die jeweilige Fassade, beispielsweise als Mörtelquader, die mittels Nagelbrett, Ruten- und Besenbund strukturiert wurden. Diese Techniken finden sich an vielen Bauten, die etwa die Ortsbilder von Poschiavo GR, Leuk VS oder Bischofszell TG prägen. Aufmodellierte Rahmen dagegen gestalten typische Bündner Häuser. Zu den verwendeten Techniken hat Emmenegger ein einzigartiges Kompendium geschaffen.

Von Pietra rasa über Sgraffito bis Stucco lucido

Diesen widmet sich das dritte Kapitel der Publikation. Darin beschreibt der Autor 15 von ihm identifizierte und charakterisierte historische Putztechniken anhand von 120 Objekten, die er während seiner Berufslaufbahn analysiert und restauriert hat: Sie reichen von Putzen als Vorbereitungsschichten für eine weitere Verarbeitung im Mehrschichtputz bis zu den Pietra-rasa-Techniken, bei denen Teile des Mauerwerks sichtbar bleiben, aber der Putz mittels Kellenstrich auch ornamental gestaltet werden kann. Deutlich wird das verloren gegangene Wissen um die Techniken an ihrer Benennung: Viele von ihnen hat Emmen­egger so betitelt, wie sie sich in der Ausführung darstellen, so «Mit der Kelle angeworfen und belassen» oder «Teils mit der Kelle angeworfen und abgezogen, abgekellt und geglättet» – die Fachbegriffe für Ausführung und Werkzeuge sind zum Teil nicht mehr bekannt.

Dieses Beschreiben anhand von Zusammensetzung und Auftrags­art – kombiniert mit dem detaillierten Bildmaterial – macht die jeweiligen Techniken nachvollziehbar. Jedem porträtierten Gebäude stellt Emmenegger eine kurze historische Einführung zur Seite und beschreibt Art und Zusammensetzung des Mörtels wie bei der Restaurierung vorgefunden. Unter den 120 Baudenkmälern befinden sich sowohl Sakral- als auch Profanbauten. Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Emmen­egger etwa am Kloster Müstair, das in seiner jahrhundertelangen Baugeschichte viele Mauer- und Putztechniken versammelt.

Ergänzend dazu ist Kapitel vier als «Atlas gehäufter Vorkommen historischer Putze» zu lesen, der einen guten Überblick über das ge­baute Kulturerbe in der Schweiz und Norditalien bietet. Eine Herzens­angelegenheit ist dem Autor die besondere Technik des Stucco lucido, dem er das fünfte Kapitel widmet.

Illustre Gäste

Den Auftakt zur Publikation bilden einführende Beiträge von Albert Knoepfli und Georg Mörsch, wie Emmenegger Experten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege, die die Bedeutung und Erhaltung der historischen Putze aus der Praxis der Denkmalpflege schildern. Der gut verständliche Aufsatz von Christine Bläuer, die zeigt, wie Mineral- und Gesteins­proben analysiert werden können, und ein Essay von Albert Jornet zu historischen Mörteln stimmen auf die gehaltvollen folgenden Kapitel ein.

Angaben zur Publikation
 

Oskar Emmenegger: Historische Putztechniken. Von der Architektur- zur Oberflächengestaltung. Triest Verlag, Zürich 2016. 532 S., ca. 900 Abbildungen, 22 × 30 cm, Leinenband mit goldenem Kopfschnitt, ISBN 978-3-03863-010-4, Fr. 98.–
 

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