Das Werk Rudolf Steiners

Die Ausstellung «Rudolf Steiner – die Alchemie des Alltags» im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (D) fokussiert auf Kunst, Möbeldesign und das architektonische Werk des Begründers der Anthroposophie. Sie zeigt, wie das Wirken und Arbeiten Rudolf Steiners, beeinflusst von der Jugendstilbewegung und der aufkommenden Moderne, bis heute nicht nur in organischen Gestaltungen spürbar ist.

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Rudolf Steiner, am 27. Februar 1861 im heute kroatischen Örtchen Kraljevec als Eisenbahnersohn geboren, studierte an der Technischen Hochschule Wien dank einem Stipendium acht Semester lang Mathematik, Chemie und Physik sowie Mineralogie, Zoologie, Botanik, Biologie, Geologie und Mechanik; gleichzeitig besuchte er Vorlesungen in Literatur und Geschichte. Ab 1882 war er Herausgeber von Johann Wolfgang von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, 1891 promovierte er an der Universität Rostock (D). Am 30. März 1925 starb Rudolf Steiner im ­Alter von 64 Jahren im solothurnischen Dornach. Rudolf Steiner lebte im Rhythmus der aufkommenden Moderne: Als Universalintellektueller hielt er im Laufe seines Lebens rund 5000 Vorträge, ein Beleg für seine Rastlosigkeit sind auch seine unzähligen Publikationen.

Werk im Kontext

Das Wirken Steiners vor diesem Hintergrund vollumfänglich darzustellen, ist ein unmögliches Unterfangen. Die Ausstellung in Weil am Rhein, die vom Vitra Museum in Kooperation mit dem Kunstmuseum Wolfsburg konzipiert wurde, fokussiert daher auf den sichtbaren Teil – bildende Kunst, Architektur und Möbelentwürfe. Sie bildet damit eine umfassende Retrospektive von Steiners Werk ausserhalb des anthroposophischen Kontextes. Die Vielfalt der Exponate ist imposant: 45 Möbel, 46 Modelle, 18 Skulpturen und über 100 Originalzeichnungen und Pläne sind zu sehen. Objekte aus der anthroposophischen Bewegung stehen solchen der Moderne gegenüber, die auch mit kristallinen und geschwungenen Formen aufwarten. Hinzu kommen Dutzende Dokumente, wie Plakate und Briefe von Franz Kafka, Piet Mondrian und Else Lasker-Schüler an Rudolf Steiner. Arbeiten von Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Erich Mendelsohn, Bruno Taut und Frank Lloyd Wright zeugen von einer intensiven Wechselwirkung zwischen Steiners Werk und dem seiner Zeitgenossen. Die Ausstellung stellt zudem Verbindungen zu heutigen Gestaltern wie Olafur Eliasson, Konstantin Grcic oder Ronan und Erwan Bouroullec her.

Sensible Antennen

Anlässlich der Ausstellungseröffnung äusserte sich der Philosoph Peter Sloterdijk zu Rudolf Steiner. Er sehe Steiner als eine Art «Antennenmensch», als aufmerksame Persönlichkeit, die alles in sich aufnahm, was um sie herum geschah. Steiner sei «kein Guru, sondern ein ganz normales Genie», meinte Sloterdijk pointiert, und in Hinblick auf Steiners missionarische Vortragstätigkeit nach 1900 bezeichnete er ihn als «grössten mündlichen Philosophen des 20. Jahrhunderts». Mit seinen dabei entstandenen Wandtafelskizzen habe Steiner «schlicht die PowerPoint-Präsentation mit Kreide erfunden».

Architektonischer Solitär

In Weil am Rhein ist auch Steiners architektonisches Hauptwerk – das in Beton gegossene Goetheanum (1924–1928) – zu sehen. Noch nie zuvor wurde Beton in derartigem Massstab skulptural eingesetzt: 110 000 m3 umbauter Raum, in bis dato unbekannter formaler Geste geformt (vgl. TEC21, 44/2004). Sein Vorgängerbau an gleicher Stelle, 1914 aus Holz konstruiert und mit 65 000 m3 auch nicht klein, brannte – vermutlich durch Brandstiftung – in der Neujahrsnacht 1922/23 ab. Am neu erbauten Goetheanum schieden sich die Geister. Sahen die einen darin Anregungen zu Neuem, so äusserte die Sek­tion Solothurn des SIA in der Schweizerischen Bauzeitung vom 14. Februar 1925 Besorgnis über «Denk-Unschärfen, schlimmer noch (...) Denk-Unsauberkeiten». «Bodenständig wird der Bau allerdings nie erscheinen und erst die Zukunft wird lehren, ob man sich mit diesen Bauformen abfinden kann.» Mit dem Goetheanum erreichte Steiners Gestaltungswillen in einer skulptural wirkenden Architektur, die – anders als beim dem Jugendstil verpflichteten ersten Holzbau – heute noch als eigenständiges Werk besteht, einen Höhepunkt. Rudolf Steiner polarisierte zeitlebens, umso mehr lohnt sich ein Besuch der Ausstellung. Sie fasziniert durch die Fülle der Exponate, bietet Einblick in die Gestaltungen Steiners sowie jene seines damaligen Umfelds und schlägt den Bogen bis in unsere Zeit. Zudem dokumentiert die Schau auch, dass Steiners Wirken längst in unserer Gesellschaft angekommen ist. Dies zeigt sich nicht nur in einem geschärften Bewusstsein für Umweltfragen, sondern auch in einem wachsenden Angebot von Erzeugnissen aus biologisch produzierenden und verarbeitenden Betrieben.

Ausstellung und Katalog
Die Ausstellung ist bis zum 1. Mai 2012 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein zu sehen, begleitet von einem umfangreichen Programm. Informationen: www.design-museum.de Der Katalog zur Ausstellung umfasst 336 Seiten mit Essays, einem Katalogteil und einer bebilderten Biografie. Er ist im Verlag des Vitra Design Museums erschienen und kostet Fr. 109.–.

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