Ur­ba­ne Wäl­der in Leip­zig

Ökologische Stadterneuerung

Fehlt das Geld für teure Parkanlagen, bieten sich Aufforstungen als Alternative an. Diesen Weg beschreitet die deutsche Stadt Leipzig. Auf drei ehemaligen Brachflächen entwickeln sich urbane Wälder.

Publikationsdatum
31-03-2016
Revision
25-05-2016

Als alte Handelsstadt war Leipzig bis zum Ersten Weltkrieg eine der reichsten Städte Deutschlands. Um 1935 lebten hier 725 000 Menschen. Der Zweite Weltkrieg hinterliess seine Spuren, und anschliessend folgten vier Jahrzehnte DDR. Nach der Wende 1989 brach die marode Industrie zusammen; in der Folge siedelten viele Menschen in die westlichen Bundesländer über.

Mit 440 000 Einwohnern war Ende der 1990er-Jahre der Tiefststand erreicht. Die Schrumpfung hinterliess viele Brachflächen und leer stehende Wohnungen. Im Rahmen der Planungs- und Stadtumbaudiskussion wurde für schrumpfende Städte eine Metapher geprägt: die «perforierte» Stadt.

Nach der Jahrtausendwende entstand die Idee, auf Brachflächen, für die sich in absehbarer Zeit keine Nutzung abzeichnet, neuen Wald aufwachsen zu lassen und so den Waldanteil zu erhöhen. Der Vorschlag, urbane Wälder zu schaffen, stiess bei der für den Naturschutz auf Bundesebene zuständigen Stelle, dem Bundesamt für Naturschutz, auf offene Ohren. Im Rahmen eines sogenannten Erprobungs- und Entwicklungsvorhabens unterstützte es die Voruntersuchung (2007/08), das Hauptvorhaben (noch bis 2017) und die wissenschaftliche Begleitforschung (noch bis 2018). Ziel ist es, den Naturschutz im Rahmen einer ökologischen Stadterneuerung in die Stadtentwicklung zu integrieren.

Im Rahmen der Voruntersuchung ermittelte das Stadtplanungsamt Leipzig Umnutzungsflächen im Umfang von 43 km2 auf städtischem Gebiet (vgl. Plan). Von diesen wählte man zehn potenzielle Flächen für urbanen Wald aus, auf zweien davon wächst nun Wald, eine dritte Fläche wird demnächst aufgeforstet. 

Stadtgärtnerei-Holz

Die erste Fläche, die wir besuchen, befindet sich im Stadtviertel Anger-Crottendorf im Osten der Stadt. Auf dem Gelände war bis 2005 die Stadtgärtnerei untergebracht – deshalb der Name «Stadtgärtnerei-Holz». Dass hier einst Zier- und Gehölzpflanzen für Leipzig aufgezogen wurden, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich.

Erst beim genauen Hinschauen erkennt der Besucher Spuren der ehemaligen Nutzung. Nachdem die Stadt entschieden hatte, den Betrieb zu schliessen und die benötigten Pflanzen zuzukaufen, wollte sie das 3.8 Hekt­aren grosse Gelände verkaufen, was aber scheiterte. Wie viele andere Flächen in Leipzig lag das Grundstück deshalb erst einmal brach. 

«Die Stadt wusste nicht, was sie mit der Fläche machen sollte», sagt Andreas Schultz vom Stadtplanungsamt Leipzig. Deshalb habe man gemeinsam nach neuen Konzepten gesucht. Und so wächst auf dieser Modellfläche nun also der erste urbane Wald in Leipzig heran. Die Gewächshäuser riss man ab.

Der befestigte Hauptweg in der Längsachse ist beibehalten worden; er wird von 30 Edelkastanien gesäumt. Die Igelhüllen der essbaren Früchte sind am Boden noch zu sehen. Die 2010 aufgeforsteten Flächen beidseits des Wegs sind eingezäunt. Die Verantwortung für die Fläche sei Ende 2015 vom Stadtplanungsamt an den Stadtforst über­gegangen, sagt Schultz. Nun kümmern sich also die Förster um die aufwachsenden Bäume. 

Die Vielfalt der gepflanzten Bäume beeindruckt: Eichen, Linden, Kirschbäume, Mehlbeeren, Elsbeeren, Ebereschen (Vogelbeerbaum), Nussbäume und Wildobst. Bei den Sträuchern sind unter anderem Hasel, Weissdorn, Sal- und Purpurweide, Berberitze und Holunder vertreten. In Anlehnung an die alte Nutzung wurden die Flächen parzellenweise bepflanzt.

Die Bäumchen sind nach fünf Jahren ein bis zwei Meter hoch. Die von selbst aufgekommenen Birken sind mit bis zu fünf Metern am höchsten und bereichern mit ihren hellen Stämmen den jungen Wald optisch. Von den drei Hochsitzen aus lassen sich das Gelände und die aufgeforsteten Flächen überblicken. 

Eine Fahrradfahrerin passiert uns. «Die Be­nützung des Wegs als Alternative zur verkehrsreichen Strasse ist momentan die Hauptnutzung der Grün­fläche», sagt Dieter Rink vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Er begleitet das ­Projekt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Es sei spannend zu beobachten, wie die Menschen auf ­diese neue Grünfläche reagierten und wie sie diese nutzten, sagt er. 2010 führte Rink mit seinem Team eine breit angelegte Haushaltsbefragung zur Akzeptanz und zu den Erwartungen der Bevölkerung an urbane Wälder durch (vgl. Kasten am Ende des Artikels).

Im Rahmen ihrer am UFZ durchgeführten Masterarbeit befragte Susann Eube an zwei Tagen im Herbst 2014 insgesamt 43 Personen dazu, wie diese den urbanen Wald wahrnehmen, bewerten und nutzen. Drei Viertel der Befragten hatten schon von dem Projekt «Urbaner Wald» gehört.

Bei der Einordnung der Fläche besteht jedoch Unsicherheit; sie wird als etwas zwischen Park und Wald wahrgenommen. Am häufigsten wurde sie aber als «wilde Fläche» oder «Wildnis in Stadtnähe» bezeichnet. Auf die Frage, ob ihnen die Fläche gefalle, äusserte sich die Mehrheit zwar positiv, ein Drittel aber auch negativ. «Nicht gepflegt» war eine oft geäusserte Kritik. Und offenbar stört auch, dass die Flächen eingezäunt sind. Lediglich 9 % der Befragten halten sich länger als 15 Minuten auf der Fläche auf. In den nächsten Jahren erwartet Dieter Rink bei der Nutzung der Fläche durch die Bevölkerung kaum Änderungen.

Bis diese mehr nach Wald aussehe, brauche es einfach noch etwas Zeit. «Weil der Boden bereits im Besitz der Stadt war, liess sich das Projekt relativ schnell umsetzen», sagt Andreas Schultz. Von den Erfahrungen profitiere man nun bei den anderen Flächen, die aufgeforstet werden. 

Schönauer Holz

Die zweite Fläche, die wir besuchen, liegt im Stadtviertel Grünau im Westen der Stadt. Das Schönauer Holz befindet sich mitten in einem Wohnquartier bei der Neuen Leipziger Strasse. Der urbane Wald wächst dort, wo einst ein elfstöckiger Plattenbau stand – fünf anein­andergereihte Gebäudekomplexe mit einer Gesamt­länge von mehr als 300 m.

2007 riss man den auch als Eiger-Nordwand bekannten Bau mit staatlichen Geldern ab (Abb.). Die frei gewordene Fläche sei als Rasen minimal unterhalten worden, sagt Schultz. Die Be­völkerung habe die Fläche jedoch kaum genutzt. Die Stadt kaufte einen Teil der Flächen und entwickelte ein Konzept mit dem Ziel, die Aufenthaltsqualität zu verbessern. 

2013 ist gut die Hälfte der 5.5 Hekt­aren grossen Fläche aufgeforstet worden. Das Gestaltungskonzept stammt von der Landschaftsarchitektin Irene Burkhardt aus München, deren Büro auch schon für die Neugestaltung der ehemaligen Stadtgärtnerei verantwortlich zeichnete. Die Waldflächen sind von den Sorbus-Arten Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia), Elsbeere (Sorbus torminalis), Mehlbeere (Sorbus aria) und Speierling (Sorbus domestica) geprägt. «Bereits bestehende Baumgruppen haben wir integriert», sagt Schultz. Zudem galt es, die gut frequentierten und bereits bestehenden Wegverbindungen aufzuwerten. 

Vergleichbare Situationen gebe es auch in anderen deutschen Städten, sagt Dieter Rink. Etwa in Halle-Silberhöhe, Eisenhüttenstadt oder Weisswasser. Auch im Schönauer Holz führte Susann Eube Be­fragungen durch. Aufgrund der Lage mitten im Quartier wird die Fläche deutlich mehr genutzt als diejenige der ehemaligen Stadtgärtnerei.

80 % der Befragten ­durchqueren die Fläche täglich. Der Wissensstand ist hin­gegen gering: Mehr als die Hälfte hat noch nichts über urbane Wälder in Leipzig gehört. Bei der Frage, ob das Areal gefällt, waren zwei Drittel der Antworten positiv. Diejenigen, die die Fläche negativ ­bewerteten, gaben an, dass diese zu wenig gepflegt werde. Der herumliegende Müll und der Vandalismus seien Probleme. Kritisiert wird auch der Mangel an Spiel- und Sportmöglichkeiten. Als Belastung wird zudem eine Gruppe von Menschen empfunden, die sich regelmässig bei den Sitzgelegenheiten treffen und ­Alkohol konsumieren.

Positiv an dieser Fläche bewertet Dieter Rink, dass weitere Gestaltungselemente den urbanen Wald ergänzen. Eine Chance könnten auch die nahe gelegenen Schulen sein. So haben etwa Schülerinnen und Schüler 2013 an einer Pflanzaktion von Bäumen teilgenommen. Solche Aktivitäten können mithelfen, dass die Bewohner sich stärker mit der Grünfläche identifizieren. Im besten Fall entwickelt sie sich zu einem beliebten Treffpunkt für die Bewohner des Quartiers. 

Ehemaliger Güterbahnhof Plagwitz

Völlig anders gelagert ist das dritte Beispiel. Das Areal des ehemaligen Güterbahnhofs in Plagwitz umfasst rund 15 Hektaren. Die Deutsche Bahn hatte für die Anlage, einst eine der grössten in Deutschland, keine Ver­wendung mehr. Die Stadtbehörden vereinbarten mit der ehemaligen Eigentümerin, das Areal gemein­sam zu entwickeln.

Anschliessend kaufte die Stadt den grössten Teil des Grundstücks, an das rasch verschiedenste Ansprüche angemeldet wurden: Bürgergärten, Urban Gardening, Parkflächen, Spielplätze. Interessierte Kreise schlossen sich in der Initiative Bürgerbahnhof Plagwitz zusammen. Workshops und Bürgerbeteiligungen fanden statt, um die Ideen zu bündeln.

«Das Konzept sieht nun Nutzungen mit abgestufter Intensität vor», sagt Andreas Schultz. Im nördlichen Teil sind alte Bauten bereits für Wohnzwecke umgenutzt. Daran anschliessen werden sich Bürgergärten und andere Formen des Urban Gardening sowie Freizeitangebote.

Auf 1.5 ha entsteht sodann ein urbaner Wald mit Eichen. Am Rand werden Fruchtbäume angelegt, die von Quartierbewohnern gepflegt werden. Im südlichen Teil bleiben 4.3 ha hingegen sich selbst überlassen. Auf diesen sogenannten Sukzes­sionsflächen befinden sich viele für den Naturschutz wertvolle Standorte mit speziellen Arten, die beispielsweise auf sehr trockene Verhältnisse angewiesen sind. Auch auf dieser Fläche werden Gehölze aufwachsen, allerdings weniger geordnet als im urbanen Wald mit den gepflanzten Bäumchen. 

Neues Wachstum verändert Ausgangslage

Das Konzept der urbanen Wälder entstand in einer Zeit, da sich für zahlreiche Brachflächen keine neue Nutzung abzeichnete. Aufforstung wurde als eine kostengünstige Option gesehen, die Lücken der «perforierten» Stadt zu stopfen. Inzwischen hat der Wind in Leipzig gedreht. Seit einigen Jahren wächst die Stadt wieder stark. Damit steigen die Begehrlichkeiten für bisher nicht genutzte Flächen. Doch gerade bei der Nachverdichtung sind grüne Ausgleichsflächen als Gegenpol wichtig. Und das Thema bleibt aktuell, weil zahlreiche mittelgrosse Städte immer noch schrumpfen. 

«Wir waren vom Echo auf unsere Projekte in Leipzig überrascht», bilanziert Andreas Schultz. Urbane Wälder seien in Deutschland zum Thema geworden, und sie würden als eine Option gesehen, wenn es darum gehe, Grünräume mit bescheidenen Mitteln zu entwickeln. Wie sich nun zeigt, besteht der Knackpunkt jedoch darin, dass die Bevölkerung sich wünscht, dass diese Flächen mehr gepflegt und mit einer besseren Infrastruktur ausgestattet werden. Es ist wichtig, dass solche Vorhaben bei den Bewohnern keine unrealistischen Erwartungen wecken.

Ein weiterer Punkt betrifft die Förster, die diese Flächen zu betreuen haben. Bringen die neuen Wälder nur viel Ärger, sei es wegen Vandalismus oder übermässiger Vermüllung, wird die Bereitschaft der Förster sinken, die Bewirtschaftung dieser Wälder zu übernehmen. Entscheidend dürfte letztlich aber die Bevölkerung sein.

Nach den bisherigen Erfahrungen sieht es so aus, als würden die aufgeforsteten Wälder als neue Kategorie der städtischen Grünräume akzeptiert. «Wir haben aber erst wenig Erfahrung», sagt Dieter Rink. Es handle sich um ein Experiment. Um die Identifikation mit den urbanen Wäldern zu erhöhen, empfiehlt er, die ­Menschen möglichst stark einzubeziehen.


Erwartungen an die urbanen Wälder

Mit der Idee, städtische Brachflächen in Wald umzuwandeln, betrat man in Deutschland Neuland. Deshalb werden diese Projekte wissenschaftlich begleitet. Neben ökologischen Aspekten stellen sich auch Fragen zur Akzeptanz des urbanen Walds durch die Bevölkerung. Wie nimmt sie diesen wahr? Wie schätzt sie diesen im Vergleich zu Parkanlagen ein? Welche Nutzungsmöglichkeiten und -qualitäten wird der urbane Wald besitzen?

Einige Antworten dazu liefert eine Haushaltsbefragung, die 2010 von Mitarbeitern des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig durchgeführt wurde. Weil damals der erste urbane Wald gerade erst begründet wurde und sich viele Leute so einen Wald gar nicht recht vorstellen konnten, setzten die Wissenschaftler Fotos und Fotomontagen mit verschiedenen Waldformen und Wuchsstadien ein. So sollten die Präferenzen ermittelt werden.

Die Befragung erfolgte in vier Gebieten in der Nähe von möglichen neuen urbanen Wäldern. Die Fragebögen wurden persönlich an nach bestimmten Krite­rien ausgewählte Haushalte abgegeben und einige Tage später wieder eingesammelt.

Es zeigte sich, dass der urbane Wald eine Mittelstellung einnimmt: Ein städtischer Park wird besser bewertet, eine Brachfläche schlechter. Urbaner Wald wird aber eindeutig als adäquate Gestaltungsform für städtische Brachen bewertet und akzeptiert.

Er wird als Aufwertung des Stadtbilds wahrgenommen und als schützenswert eingestuft. Die Befragten wünschen sich allerdings eher einen parkähnlichen Wald, der auch gepflegt wird (Müllbeseitigung) und über eine minimale Ausstattung verfügt (Sitzgelegenheiten, Abfalleimer). Zudem ist die Bevölkerung bereit, sich in unterschiedlicher Form zu beteiligen.

Dies sollte stärker als bisher aufgegriffen werden. Bei der Kommunikation ist darauf zu achten, dass keine falschen Hoffnungen und Erwartungen geweckt werden, weil der Gestaltung dieser Flächen, so wie es angedacht ist, deutliche Grenzen gesetzt sind.

Weitere Informationen und Download des Forschungsberichts: www.ufz.de/index.php?de=40465

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