Perspektiven für die Agglomeration?

Buchrezension

Welches Verdichtungspotenzial in den Typologien von Lowrise-Siedlungen steckt, fand bislang zu wenig Beachtung. In der Reihe zahlreicher Publikationen zur Dichte schliesst das Buch «verDICHTen» eine Lücke und liefert wertvolle Anregungen für die Siedlungsentwicklung nach innen.

Susanne Frank Architektur, Redaktorin TEC21

Es muss nicht immer die ganz hohe Dichte sein. Viel zu wenig wurde bislang darüber diskutiert, welches Potenzial zur Verdichtung im Bereich der geringeren bis mittleren Dichten liegt, also jenen Dichtekategorien, die unsere bestehende Siedlungslandschaft prägen. Dabei ist dieses Potenzial beträchtlich, und tatsächlich ist hier auch grosser Handlungsbedarf gegeben. 

Die Stadt ist gebaut – aus ihrer historischen Entwicklung her-aus um ein Vielfaches dichter als ausserhalb ihrer Grenzen in der Peripherie. So bleibt die Nachverdichtung im städtischen Kontext ein grosses Thema, doch in der Regel bieten sich nur mehr wenige Räume an, wo dies überhaupt noch möglich ist. Umso wichtiger erscheint es daher, den Blick darauf zu fokussieren, wo man noch etwas bewegen kann: in der Agglomeration. Die Siedlungsentwicklung des 20. Jahrhunderts brachte es mit sich, dass die Dichten dort deutlich geringer sind als in den Zentren der Städte. Hier braucht es Ideen zur Verdichtung innerhalb der bestehenden Siedlungsstrukturen, und zwar in einem Mass, das im Kontext verträglich ist. Gleichzeitig ergibt sich so die grosse Chance,  diese Räume weiterzuentwickeln und qualitativ aufzuwerten.

Inspiration für den Entwurf

Vor diesem Hintergrund bietet das Buch «verDICHTen» wertvolle An­regungen, indem es das Potenzial der Lowrise-Typologie aufzeigt. Neben einführenden Essays von Martina Desax und Barbara Lenherr zur Thematik – sowohl mit Bezug auf die aktuelle Diskussion als auch einem Exkurs in die Entstehungsgeschichte dieser Typologie – liegt der Schwerpunkt des Buchs auf einer umfangreichen und umfassend aufbereiteten Sammlung an Referenzen, die viel Inspiration bieten: eine überlegte Auswahl von 55 exemplarischen Lowrise-Siedlungen.

Die Beispiele wurden im Rahmen einer Semesterarbeit zum Thema «Siedlung» mit Masterstudierenden an der Fachhochschule Nordwestschweiz am Lehrstuhl von Prof. Reto Pfenninger erarbeitet und analysiert. Dabei galt es, das Potenzial dieser Bebauungsform auszuloten und daraus Erkenntnisse für den eigenen Entwurf zu gewinnen. Es handelt sich um Siedlungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend in Europa entstanden sind. Dokumentiert werden unterschiedliche Formen der Typologien mit jeweils unterschiedlichem Kontext, die in fünf Kategorien eingeordnet sind. So bietet der Band einen breiten Überblick über diese Bebauungsform und mögliche Szenarien der Anwendung. Relevant ist diese Fundgrube an exemplarischen Lowrise-Siedlungen, weil derartige Typologien äusserst leistungsfähig sind: Die zwei- bis viergeschossigen Häuser mit privaten Gärten bieten den Bewohnern ähnliche Qualitäten wie das begehrte Einfamilienhaus – Individualität, Intimität und einen geschützten Freiraum –, sind jedoch im Vergleich dazu um ein Vielfaches dichter.

Die Beispiele überzeugen nicht nur mit ihren interessanten Wohnungstypologien und Schnittprofilen, sondern auch durch die Qualitäten der ungebauten Räume in den Siedlungen: Sie zeichnen sich durch fein differenzierte Übergänge der privaten zu den öffentlichen Bereichen aus und bieten den Bewohnern kollektiv genutzte Aussenräume wie Strassen, Gassen und Plätze an, die sich auch mit bestehenden Strukturen ihrer Umgebung verweben könnten. Damit sind diese Typologien eine interessante Alternative zum klassischen Geschosswohnungsbau.

Die einzelnen Referenzen sind auf jeweils drei Doppelseiten dargestellt: Bilder und ein kurzer Beschrieb charakterisieren die unterschiedlichen Typologien, massstäbliche Pläne zur Siedlung sowie Grundrisse und Schnitte ergänzen die Dokumentation ebenso wie planerisch relevante Kennwerte zu den Flächenverhältnissen und zum Wohnungsschlüssel. Die Materialien sind umfassend in vergleichbarer, grafisch ansprechender Form aufbereitet. Trotz der Fülle an Informationen verliert man nie den Überblick. 

Das Buch ist als gesamtes Format schön gestaltet. Angesichts seines Volumens liegt es angenehm in der Hand, und man kann gut damit arbeiten. Daher ist es nicht nur als Nach­schlagewerk und Inspira­tion beim Entwerfen, sondern auch als Planungsinstrument interessant und empfehlenswert.
 

Martina Desax, Barbara Lenherr, Reto Pfenninger (Hrsg.): ver­DICHTen. Internationale Lowrise-Wohnsiedlungen im Vergleich. Triest Verlag 2016, 380 Seiten, Fr. 78,–, ISBN 978-3-03863-002-9

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