Re­tro­spek­ti­ve für den Mei­ster

Kann eine Ausstellung einem Ausnahmekönner unter den Ingenieuren wie Pier Luigi Nervi überhaupt gerecht werden? Die aktuelle Schau des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur gta an der ETH Hönggerberg punktet mit exzellenten Modellen und Originalplänen, die wichtige Bauten Nervis fast spielerisch erschliessen.

Data di pubblicazione
02-10-2013
Revision
07-11-2015

In den letzten Jahren hat das Interesse für das Werk und das Wirken von Pier Luigi Nervi eine weltweite Renaissance erlebt. In verschiedenen Ländern gab es dazu bereits Ausstellungen und weitere Veranstaltungen. Auch in der Schweiz fand in diesem Jahr an der EPFL eine erste Ausstellung über Nervis Werk statt. 

Eine führende Rolle in der aktiven Pflege von Nervis Erbe spielt die von Carlo Olmo, Professor am Politecnico di Torino, kuratierte interna­tio­nale Wanderausstellung des Pier Luigi Nervi Project und des Centre International pour la Ville et l’Architecture, Brüssel.

Dank der Zusammenarbeit mit dem Institut gta und der Professur Philippe Block ist diese Schau nun in der ARchENA an der ETH Zürich auf dem Hönggerberg zu Gast. In die aktuelle Ausstellung sind auch Teile der Lausanner Präsentation integriert worden.  

Modell-Meisterwerke

Die übersichtliche Werkschau zeigt in zwei Räumen zwölf wichtige, ausgeführte und mehrheitlich noch existierende Projekte von Pier Luigi Nervi. Jedes der betrachteten Bauwerke wird durch einen kurzen englischen Text vorgestellt; daneben lassen sich auf (leider etwas kleinen) Monitoren die jeweiligen Bauprozesse und die semiindustrielle Vorfabrikation der Bauteile anhand von Filmaufnahmen und Fotos verfolgen. 

Die besten Einblicke in die Bauwerke vermitteln die sorgfältig ausgearbeiteten, in Situations­plänen positionierten Teil- bzw. Schnittmodelle in weissem Kunststoff mit rot eingefärbten Schnittflächen. Allein mit der Betrachtung und Analyse dieser filigranen, rundum zugänglichen Kunstwerke in verschiedenen Mass­stäben zwischen 1:50 und 1:150 könnte ein konstruktiv interessierter Besucher Stunden zubringen. Man wünschte sich die Modelle grösser, am liebsten begehbar ... 

Die ausgestellten Originalpläne und -zeichnungen, Skizzen, Handberechnungen und Listen illustrieren die Bandbreite von Nervis Arbeiten, zwischen intuitiven, impulsiven ersten Skizzen und Visionen einerseits und disziplinierten, architektonisch durchgestalteten und sorgfältig dargestellten Entwürfen und Projekten andererseits.

Neben den kleinmassstäblichen Modellen sind auch einige Holzreplikate typischer Bauteile wie Stützen oder Träger zu sehen – allerdings fehlt diesen lackierten Ersatzbauteilen sowohl die haptische, sinnliche Erfahrbarkeit des Betons als auch die Leichtigkeit des von Nervi für filigrane Betonstrukturen entwickelten Ferrocemento.1 Dafür rücken die eindrücklichen grossformatigen Fotografien von Mario Car­rieri an den Wänden die Ästhetik und die Ausstrahlung von Nervis Bauten buchstäblich ins rechte Licht. 

Ergänzt wird die Ausstellung durch einen BBC-Dokumentarfilm von 1965 über Pier Luigi Nervi, der viel über den Konstrukteur, aber wenig über den Menschen vermittelt. Vielleicht, weil für Nervi gemäss seiner eigenen im Interview gemachten Aussage Beton und Stahlbeton stets im Lebensmittelpunkt standen. 

Der Skelettbau wird aufgelöst

Die Ausstellung spannt einen weiten chronologischen Bogen über sechs Jahrzehnte. Einige der gezeigten Bauten sind besonders erwähnenswert, weil sie entweder wichtige Entwicklungen markieren oder unter Nicht­spezialisten wenig bekannt sind. 

Eines von Nervis Frühwerken ist das zylin­drische, 1924–1929 erstellte Kinotheater Augusteo in Neapel. Bereits mit diesem komplexen Stahlbeton-Skelettbau bewies der 33-Jährige seine Meisterschaft im Entwurf kühner, statisch unbestimmter Tragkonstruk­tionen.2 Ein Entwurf, der seinem Credo folgend «mehr der Intuition und praktischen Erfahrung folgte als strenger Berechnung und Analyse». 

Mit den zwischen 1935 und 1942 erstellten acht Flugzeughangars in Orvieto, Orbetello und Torre del Lago betrat Nervi in mehrfacher Hinsicht Neuland: Seine Tragkonstruktionen weisen weg vom Stahlbeton-Massivbau, hin zu filigranen, bis zu 50m weit gespannten und trotzdem robusten Strukturen.

Hier reichten Intuition und Erfahrung nicht mehr aus, Nervi arbeitete erstmals mit Modellen, um seine Entwürfe zu überprüfen. Ebenso bedeutend war die allmähliche Einführung der Vorfabrikation leichterer, sekundärer Bauteile. Die Hangars wurden 1944 gesprengt, die aktuellen Rekonstruktionen beruhen auf Fotos und Plänen.3  

Ferrocemento, Rippen, Kuppeln

Der Wiederaufbau Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg und das einsetzende Wirtschaftswachstum boten Nervi Gelegenheit, seine innovativen Tragkonstruktionen in Verbindung mit dem von ihm entwickelten Baustoff Ferrocemento und neuen, rationellen Bau­methoden zu realisieren. Ein Bauwerk dieser Wiederaufbauphase ist die Messehalle B in Turin (Palazzo delle Esposizioni), erstellt von 1947 bis 1948 und bereits 1952–1954 ver­grössert. Für das Dach verwendete Nervi erstmals in grossem Umfang seine Erfindung Ferrocemento, und erstmals versteifte er die daraus aufgebaute Kuppel mit den typischen Rippen, die sein Markenzeichen werden sollten. 

Ein Hauptwerk des visionären Ingenieurs markiert seinen internationalen Durchbruch als Konstrukteur und gleichzeitig seine Anerkennung durch die weltweit führenden Architekten: Nervis 1952 eingereichter Entwurf für das neue Unesco-Hauptquartier in Paris wurde von der Crème de la Crème der zeitgenössischen Architekturszene (u. a. Le Corbusier) als gebautes «Manifest der Grundsätze der modernen Architektur» auserkoren.

Nervi brillierte mit dem 1958 fertiggestellten Bauwerk mit seinen filigran gerippten Kuppeln, der zweifach gekrümmten Decke des Plenarsaals, die seine später bevorzugte Flächenform des hyperbolischen Paraboloids antizipierte, und der plastischen Gestaltung der 72 je 5m hohen Pfeiler, die das Hauptgebäude tragen. Letztere brachten ihm in der Presse den Beinamen eines «Michelangelo des Stahlbetons» ein.

Nervis Stern stieg in den 1950er-Jahren noch höher, als die Olympischen Spiele nach Rom geholt werden konnten. Wer ausser ihm, dem Erbauer des Stadions von Florenz, dem Erfinder des Ferrocemento, hätte die dazu erforderlichen Stadien und Sportpaläste in kurzer Zeit und mit moderaten Kosten realisieren können? Die Ausstellung zeigt aus dieser Zeit den wohlproportionierten Palazzetto dello Sport, den kleinen Palast.

Der Palazzetto, der immerhin einen Durchmesser von 60m aufweist, repräsentiert die sublimierte Form des grossen Sportpalasts. Das von 1956 bis 1957 in nur einem Jahr erstellte Stadion ist gewissermassen der Archetypus von Nervis Kuppelbauten. Das international stark beachtete Bauwerk war in konstruktiver, architektonischer und auch finanzieller Hinsicht ein durchschlagender Erfolg – in Italien Nervis Apotheose.  

Säulen und eine Brücke

In den 1950er-Jahren pflegte Nervi auch den Massivbau in Stahlbeton mit derselben Meisterschaft weiter. Hier fesselten ihn insbesondere die Stützen und Säulen grosser Repräsentationsbauten, für die er eine eigenwillige, aus den statischen Anforderungen und der Forderung nach rationeller serieller Herstellung auch in Ortbeton abgeleitete ­Formensprache entwickelte. Das Design dieser Bauteile ist so typisch, dass die angelsächsische Fachpresse dafür den Begriff des «Nervi Style» prägte. 

Der Ponte del Risorgimento in Verona, errichtet von 1963 bis 1968, zeigt Nervi auch als Brückenbauer. Der Querschnitt des eleganten, gevouteten Kastenträgers über drei Felder verändert sich über die Brückenlänge dem Kräfte- und Momentenverlauf folgend, sodass seine Aussenflächen wiederum die Form des von Nervi geschätzten hyperbolischen Paraboloids aufweisen.  

Ein Saal in höherem Auftrag

Im Jahr 1963 erhielt der 72-jährige Nervi als Krönung seines Wirkens in Italien direkt von Papst Paul VI. den Auftrag, eine grosse ­Audienzhalle im Vatikan zu bauen. Der Meister des Stahlbetons errichtete eine gewaltige, 80x100m messende Halle, unter deren doppelt gekrümmtem Ferrocemento-Dach bis zu 10.000 Gläubige dem erhöhten päpstlichen Thron gegenübersitzen können. Die Bauzeit bis zur ersten Audienz 1971 nutzte Nervi für die künstlerische Ausgestaltung des monumentalen, in Beton gefassten Wandfensters hinter dem Thron. Im Volksmund ist der Saal bis heute als «Sala Nervi» bekannt. 

Am Ende von Nervis Schaffensbogen steht die zwischen 1963 und 1971 entstandene St. Mary’s Cathedral in San Francisco. Die fulminante Dernière eines eigenwilligen Genies läutete gleichzeitig den vorläufigen Siegeszug des digitalen Entwerfens ein – bis zur aktuellen Rehabilitation des intuitiven. 

Anmerkungen

  1. Mit Nervis Entwicklung Ferrocemento – der italienische Begriff ist in die deutsche Fachsprache eingegangen – lassen sich extrem dünnwandige (bis rund 2.5cm) Betonstrukturen herstellen. Ein ­Skelett aus mehreren Lagen Maschendrahtgitter wird mit Mörtel und/oder Zementschlämmen umhüllt. Wenige, dünne Bewehrungs­stäbe (Grössenordnung: 5mm) stabilisieren die Bauteile und verstärken Kanten und stark belastete Bereiche. Nervi hat neben zahllosen vorfabrizierten Bauteilen auch zwei durchaus seetüchtige, grosse Segelboote aus Ferrocemento hergestellt. 
  2. Ein System ist statisch unbestimmt, wenn die Anzahl der Lagerreaktionen die Anzahl der möglichen Bewegungsrichtungen übersteigt. Mindestens einer Bewegungsrichtung wirkt mehr als eine Lagerreaktion entgegen (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Statisch_unbestimmt).
  3. Die Liebe zum Detail, mit der die Modelle hergestellt worden sind, widerspiegelt sich auch in der Wahl des Flugzeugmodells im Hangar von Orvieto: Das italienische Flugboot Savoia-Marchetti S55X war bei seinem Erscheinen 1924 ein revolutionäres Konzept, das noch ein Jahrzehnt später seiner Zeit voraus war. Mit Maschinen dieses Typs führte die italienische Luftwaffe in den 1930er-Jahren mehrere spektakuläre Erdumrundungen in Forma­tionen durch; die letzten Exemplare wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg ausgemustert. Revolutionär, elegant und langlebig – diese Flugzeuge hatten viele Gemeinsamkeiten mit Nervis Bauten. 
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