Pionierprojekte und Leuchtturmbauten
In den letzten zwölf Jahren hat der Holzbau eine bemerkenswerte Dynamik entwickelt. Von ersten Vorreiterbauten über technische Höchstleistungen bis hin zu neusten Realisationen: Die Vielfalt und Qualität sind ebenso eindrücklich wie die Qualität.
Lang war es still um den Holzbau. Er galt als traditionell und gemütlich, nicht als innovativ. Holz war im nostalgischen Sinn positiv konnotiert, nicht als Baustoff für die hochtechnisierte Welt von morgen. Doch in den letzten zwei Jahrzehnten hat es auch in der Schweiz eine äusserst dynamische Entwicklung hingelegt.
Das gesellschaftliche Ziel der nachhaltigen Entwicklung lenkte den Fokus auf die nachwachsende Ressource Holz. Technische Innovationen eröffneten neue Möglichkeiten in Architektur, Bauingenieurwesen und Ausführung. Die Digitalisierung der Produktionsabläufe wurde im Holzbau, der seit jeher mit Vorfabrikation operiert, effektiver umgesetzt als vielerorts im Bausektor und erlaubte es, Elemente für grosse Projekte und komplexe Geometrien kostengünstig und präzise herzustellen (Abb. 1). Ab 2003 liessen die Brandschutzvorschriften (vgl. Infobox S. 13) das Bauen mit Holz bis maximal sechs Geschossen zu, woraufhin sich der Anteil der neu errichteten Mehrfamilienhäuser mit Holzkonstruktion innert zehn Jahren verdoppelte. Man begann, Grossprojekte nicht nur im ländlich-gewerblichen Kontext, sondern auch in Städten zu realisieren.
Urbane Wohnhäuser
Zu den ersten urbanen Vorreiterbauten gehörten genossenschaftliche Siedlungen in der Stadt Zürich, etwa das Wohn- und Geschäftshaus an der Badenerstrasse (Abb. 2). Den Vorteil von Holz bei Aufstockungen – ein gutes Verhältnis von Gewicht zu Tragfähigkeit – exemplifiziert die Transformation des Gewerbebaus der Sihltal Zürich Uetliberg Bahn (SZU), der um vier Wohngeschosse erhöht wurde (Abb. 3). Allgemein fällt die Reduktion von Bauzeit, Emissionen und Logistikflächen, die sich dank Vorfertigung, Element- oder Modulbau sowie rascher Montage auf der Baustelle erzielen lässt, in dichten Innenstädten besonders vorteilhaft ins Gewicht – nicht nur bei Provisorien (Abb. 4).
Während die ersten grossen Holzhäuser kaum als solche erkennbar waren, weil das Tragwerk hinter anderen Materialen verborgen blieb, folgten bald erste Bauten mit Holzfassade. Ein Beispiel sind die Langhäuser im Zürcher Freilager (Abb. 5), damals die grösste Wohnsiedlung in Holz der Schweiz – ein Rekord, den die Wohnüberbauung sue & til in Winterthur (Abb. 6) bereits drei Jahre später übertraf.
Viele Projekte sind auch in Bezug auf ihre Energieeffizienz und ihre architektonische Qualität herausragend; davon zeugen Zertifizierungen und Auszeichnungen. Auffällig ist auch, dass sie oft noch weitere Nachhaltigkeitsthemen berücksichtigen. Die Wohnüberbauung Maiengasse in Basel (Abb. 7), eine innerstädtische Verdichtung, schafft einen gemeinschaftlichen Hof; das Wohn- und Gewerbehaus La Bistoquette in Lausanne (Abb. 8) wurde partizipativ entwickelt und verbindet Holz mit weiteren regenerativen Materialien.
Holz in allen Kombinationen
Seitdem hat sich nicht nur die Anzahl, sondern auch die Vielfalt der Holzbauten erhöht – in hoher baukultureller Qualität. Es entstanden international beachtete Wohnqui und Gewerbehäuser, Bildungs-, Sport- und Gesundheitsbauten, Büro- und Konzerthäuser, Zoobauten, Manufakturen und Firmensitze und, im Bereich Tiefbau, Passerellen und sogar Wildtierüberführungen (Abb. 9).
Hinzu kamen neue Themen, etwa die Kreislauffähigkeit von Holzbauten und, damit eng verbunden, Design for Disassembly: Die provisorischen Turnhallen für den Kanton Zürich (Abb. 10) sind darauf ausgelegt, mehrmals demontiert, disloziert und in anderen Kombinationen wieder errichtet zu werden. Gleichzeitig zeigte sich, dass grössere Tragwerke sich mit hybriden Konstruktionen optimieren lassen: Davon zeugen die Suurstoffi 22, das erste (Abb. 11), sowie das H1, das aktuell höchste (Abb. 12) Holzhybridhochhaus der Schweiz.
Baustoff mit Zukunft
Bedenken, die vor zehn Jahren gegenüber dem Holzbau geäussert wurden, sind heute kaum noch zu hören. Zentral war die Frage nach den Kosten. 2015 ging man davon aus, dass die Erstellungskosten eines Mehrfamilienhauses in Holzbauweise rund 6 % höher ausfallen als in Massivbauweise; es schien unklar, ob und wie investitionswillige Bauherrschaften diese Mehrkosten wieder einspielen konnten. Hinzu kam bei Holzfassaden der Unterhalt.
Inzwischen hat sich gezeigt, dass Holzbauten – sorgfältige Planung vorausgesetzt – in Bezug auf die Erstellungskosten durchaus konkurrenzfähig sind und dabei höhere Nachhaltigkeitsstandards erreichen. Auch Holzfassaden lassen sich mit materialgerechter Konstruktion langlebig und in Bezug auf die Unterhaltskosten durchaus konkurrenzfähig gestalten. Für institutionelle Bauherrschaften mit langfristig geplanten Immobilienportfolios sind dies wichtige Entscheidungskriterien zugunsten des Holzbaus.1
Hinzu kommen die Vorteile des regenerativen Baustoffs Holz: seine Eigenschaft als temporäre CO2-Senke, sein Beitrag zu lokalen Wertschöpfungsketten und der Mehrwert eines nachhaltig bewirtschafteten Nutzwalds für Naherholung, Biodiversität, Wasserretention und Klimaregulierung. Wer heute die Sonderhefte «Stadt aus Holz» der letzten zwölf Jahre durchblättert, stellt fest: Im Schweizer Holzbau hat sich enorm viel getan. Und das Potenzial ist da, um noch viel mehr zu erreichen. Auf die Zukunft darf man gespannt sein!
Anmerkung
1 «Zwischenbericht – Erfolgskontrolle Institutionelle Bauherrschaft 2024», Berner Fachhochschule BFH, Bienne, 20.1.2025
Schweizerische Brandschutzvorschriften BSV
2003: Die revidierten BSV der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen VKF erlauben das Bauen mit Holz bis maximal sechs Geschossen (bis dahin: zwei
Geschosse plus Dachgeschoss).
2015: Bis zur Hochhausgrenze (Gesamthöhe 30 m) lassen die BSV Holzbauten in allen Gebäudekategorien und Nutzungen zu (Wohn-, Büro- und Schulhäuser, Industrie- und Gewerbebauten, Beherbergungsbetriebe oder Verkaufsgeschäfte). Bei Hochhäusern ist die Anwendung von tragenden und brandabschnittsbildenden Bauteilen mit Holzanteilen unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich.
2026: Schweizerische Brandschutzvorschriften BSV 2026, bsvonline.ch