CO2-Zielwerte: «Re-Use ist das Quäntchen, das am Schluss noch gefehlt hat»
Klara Jörg und This Alder arbeiten beim Baubüro in situ. Mit dem Projekt «Werkhof 29» haben sie ein Gewerbegebäude um eineinhalb Geschosse in Holz-Stroh-Lehm-Bauweise erweitert. Im Gespräch erzählen sie, wie Bestandeserhalt und Re-Use helfen, die CO2-Zielwerte zu erreichen.
Können Sie das Projekt kurz beschreiben?
Klara Jörg: Das Projekt ist ein weiteres Puzzlestück im Areal des ehemaligen Industriequartiers Binz, wo wir bereits 2016 den Werkhof Binz planen durften. Am Anfang stand eine Machbarkeitsstudie: Ersatzneubau, Bestandeserhalt oder Aufstockung – das war zunächst offen. Wir hatten verschiedene Varianten durchgerechnet, Kosten und Emissionskennzahlen einander gegenübergestellt. Am Ende entstand eine eineinhalbgeschossige Aufstockung in Holz-Stroh-Elementbauweise mit grossem Re-Use-Anteil.
Wie wirkt sich das Weiterbauen im Bestand konkret auf die CO2-Bilanz aus?
Jörg: Die abschliessend geprüften Zahlen für dieses Gebäude liegen uns noch nicht vor, die CO2-Bilanzierung ist im Prozess. Aber schon während des Entwurfs war klar, wo die grössten Hebel liegen: beim Bestandeserhalt an sich und dem Umsatteln auf erneuerbare Energien beim Heizen, in unserem Fall Erdsonden. Die Re-Use-Elemente haben zahlenmässig einen kleinen Einfluss auf die CO2-Bilanz – aber sie sind am Ende das, was hilft, den Zielwert tatsächlich zu erreichen. Der Zielwert ist ambitioniert, und Re-Use ist das Quäntchen, das am Schluss noch gefehlt hat.
Artikel zum Projekt «Werkhof29» auf espazium
Heisst das, jede einzelne Massnahme zählt, um die Zielwerte zu erreichen?
Jörg: Ja, umso mehr, weil der Zielwert Netto-Null 2040 jedes Jahr strenger wird. Was wir heute nicht einsparen, wird morgen noch schwerer zu erreichen sein.
This Alder: Bestandeserhalt heisst eigentlich nichts anderes, als das grösste Re-Use-Bauteil zu erhalten. Wir haben auch innerhalb des Hauses sehr viele Bauteile wiederverwendet.
Jörg: Da braucht es auch ein gewisses Umdenken. Bei einem anderen Projekt gehen wir zum Beispiel so weit, dass wir sogar den Teppichboden erhalten wollen. Die erste Reaktion ist oft: Weg damit. Aber 6000 Quadratmeter Teppich sind viel Abfall mit hohen Emissionswerten. Bestandeserhalt heisst eben, alles, was schon da ist, als Ressource zu verstehen.
Re-Use bedeutet für die Bauherrschaft auch, eine gewisse Unsicherheit auszuhalten. Wie war das in diesem Projekt?
Jörg: Gerade bei gestalterischen Fragen klärt sich oft erst spät, wie etwas am Ende aussieht. Ein Beispiel: Wir haben lange kein passendes Blech für die Fassade gefunden, und am Ende war es ein knalligeres Blau, als wir aufgrund der Visualisierung erwartet haben.
Alder: Da gab es dann auch die Diskussion: Wäre es schlimm, ein neues Blech zu verwenden, wenn wir kein passendes Re-Use-Blech finden? Geht es darum, Emissionen einzusparen, oder um das Statement?
Re-Use bedeutet auch Mehraufwand in der Planung. Wer trägt diese Kosten?
Alder: Aktuell trägt die eigentlich niemand richtig. Wir haben einen Mehraufwand, um Re-Use-Bauteile zu prüfen, einzuplanen, zu besprechen und dann teilweise doch wieder zurück auf Feld eins zu gehen. Diese Stunden lassen sich nicht wie gewöhnliche Planungsstunden abrechnen.
Der SIA-Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen definiert Rethink, Refuse, Reduce, Re-Use, Repair, Recycle als eines von acht Handlungsfeldern: Im Hoch- und Tiefbau sind Materialien und Bauteile zu wählen, welche eine möglichst geringe Gesamtumweltbelastung auf Bauwerksebene ermöglichen und die Kreislauffähigkeit miteinbeziehen. Mehr zum Aktionsplan.