Mehr Bio­di­ver­si­tät dank Ge­bäu­de­sa­nie­rung

Die Aargauer Telli-Siedlung zeigt, dass dichte Bebauung und Freiräume mit grosser natürlicher Vielfalt kein Widerspruch sind. Eine Exkursion der Vernetzungsplattform Natur 2030 führte durch das Telli-Quartier und zeigte Handlungsspielräume auf. 

Data di pubblicazione
02-07-2026

Der jährlich stattfindende Vernetzungsanlass Natur 2030 des Aargauer Departements für Bau, Verkehr und Umwelt widmete sich dieses Jahr dem Thema Innenentwicklung und Biodiversität. Verschiedene Expertinnen und Experten zeigten auf, wie mehr multifunktional genutzte Flächen geschaffen werden können, welche Spielräume in der Umsetzung von Normen vorhanden sind und welche Synergiepotenziale es zwischen Verdichtung, Biodiversität, Aufenthaltsqualität und Klimaanpassung gibt. 

Dass eine hohe bauliche Dichte, Natur, Freizeitnutzung und Gartenkultur sich nicht ausschliessen, zeigte eine Begehung des Telli-Quartiers nordöstlich des Aarauer Stadtzentrums an der Auenlandschaft der Aare. Die Telli ist eine der grössten Überbauungen der Schweiz. Gebäude und Freiräume bilden ein schutzwürdiges Ensemble. 

Energetische Sanierung 

Insgesamt 1258 Wohnungen sind in vier verschieden langen Wohnzeilen mit sechs bis neunzehn Geschossen untergebracht. Gebaut wurden die Blöcke zwischen 1971 und 1980, zwei davon gehören der AXA-Versicherung. Zwischen 2020 und 2023 sanierte sie die 581 Wohnungen in den Wohnzeilen B und C energetisch.

Mehr zur energetischen Sanierung Telli: «Drachenzähmen leicht gemacht»

Im Zuge dieser Sanierung wurde auch der Tellipark wiederhergestellt, der unter den Bauarbeiten gelitten hatte, da Teile der weitläufigen Parklandschaft entlang der sanierten Wohnzeilen als Logistikflächen benutzt wurden. Und weil im Zuge der Sanierung die Erdbedeckung der Tiefgarage entfernt werden musste, ging auch ein Drittel des Baumbestands verloren. 

Freiraum als Übergang zur Auenlandschaft

Das ursprüngliche Gestaltungskonzept der Landschaftsarchitekten Albert Zulauf und Partner verstand den grossen, zusammenhängenden Freiraum der Siedlung als Übergang zur nahen Auenlandschaft der Aare, was wesentlich zur hohen Wohnqualität der Siedlung beiträgt. Müller Illien Landschaftsarchitekten nahmen sich zwischen 2016 und 2023 der Wiederherstellung des Parks gemäss diesem Konzept an, stellenweise nach dem heutigen Wissensstand optimiert.

Ganzheitlich denken, partizipativ vorgehen

Rita Illien, leitende Landschaftsarchitektin und Mitgründerin der Firma, führte am Nachmittag der Vernetzungsplattform Natur 2030 durch die Anlage. «Die Arbeit am Tellipark war ungewöhnlich, denn es handelt sich um eine Wiederherstellung des Werks von Zulauf und Partner nach gartendenkmalpflegerischen Prinzipien», sagt sie. 

Bei der Planung dieser weitläufigen Anlage war es für Rita Illien besonders wichtig, bei aller Liebe zum Detail nie den Blick auf das Ganze zu verlieren. Damit sich die über 2000 Bewohnenden der Telli nach wie vor mit dem Quartier identifizieren können, wurden sie in den Planungsprozess zur Parksanierung miteinbezogen und konnten ihr Lokalwissen an verschiedenen Veranstaltungen einbringen.

So entstand etwa anstelle des Streichelzoos neu der «Telli-Treff». Die dortige Umgebung und das nahe Biotop wurden aufgewertet. Wo früher Tiere ihren Auslauf genossen hatten, befinden sich nun Spielelemente, Hochbeete und Sitzmöglichkeiten. 

Grosse Artenvielfalt bei den Bäumen

«Das wohl wichtigste Kapital der Anlage sind die zahlreichen einheimischen Bäume», sagt Rita Illien an der Führung. Besonders die Schattenplätze unter den grosskronigen Exemplaren seien nicht mehr wegzudenken. Viele solche wertvollen alten Bäume mussten wegen der Sanierung der Tiefgarage gefällt werden. 

Bei der Neubepflanzung mit Bäumen, die als Solitäre oder in Gruppen angepflanzt die Anlage zieren, wurde auf eine möglichst grosse Artenvielfalt geachtet. Die Parklandschaft zählt nach der Sanierung rund 100 Bäume mehr als vorher. 

Quartier mit eigenem Biber

«An einzelnen Standorten musste zwei Mal gepflanzt werden», erinnert sich Rita Illien. Über Nacht habe der Quartierbiber einzelne Jungbäume gleich wieder gefällt. Alle jungen Bäume sind deshalb im unteren Teil mit einem Gitter geschützt. Die Anwesenheit des Bibers in diesem dicht besiedelten Quartier zeigt, dass der Sengelbach als Teil der ökologischen Infrastruktur funktioniert: Der Bach trägt zur Vernetzung der Lebensräume für Flora und Fauna bei und mindert die ökologische Barrierewirkung des Siedlungsraums.

Geschwungene Wege in der Hügellandschaft

Viel Zeit wurde in die Modellierung der Hügel investiert. «Die Topografie ist ein wichtiges Gestaltungselement des ursprünglichen Konzepts und damit auch der wiederhergestellten Anlage», sagt Rita Illien. 

Die Hügel wurden ursprünglich mit Aushubmaterial der Tiefgarage geschaffen und nach deren Sanierung wiederhergestellt. «Die geschwungenen Wege sollen sich in der Hügellandschaft verlieren», erläutert die Landschaftsarchitektin. 

Die Fusswege wurden leicht verbreitert und verbinden die vier Gebäude miteinander. Die Wege führen vorbei an verschiedenen Nutzungselementen wie zeitgemäss aufgewerteten Sitzgruppen, Spielplätzen und -zonen, Holzpergolen sowie einem sanierten Wasserbecken. 

Biologische Vielfalt, wo immer möglich

Während früher die gesamte Grünfläche aus Rasen bestand, kommt dieser heute nur noch auf der zentralen Spielwiese vor. Wo immer möglich, wurde mittels Blumenwiesen, Stauden und gliedernden Sträuchern für eine möglichst hohe Biodiversität gesorgt. 

Obwohl das Quartier in den 70er-Jahren entwickelt wurde, könnte es zeitgemässer nicht sein. «Trotz der hohen Bebauungsdichte – in der Telli leben rund 150 Personen pro Hektar – sind über 70 % des 200 000 m2 grossen Areals Grünflächen», so Rita Illien. Davon profitiert letztlich nicht nur die Natur, sondern auch die Bewohnenden der Siedlung selbst. 

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