Adolf Kri­scha­ni­tz: Hal­tung und Au­stau­sch

Adolf Krischanitz bereicherte nicht nur das Architektur­œuvre in der Schweiz, sondern beeinflusste auch mit seinen dynamischen Netzwerkaktivitäten den Architekturdiskurs. Freunde und Wegbegleiterinnen erzählen im Interview von gemeinsamen Arbeiten.

Data di pubblicazione
01-06-2026

Sie haben bei Adolf Krischanitz zur gleichen Zeit, aber in verschiedenen Städten gearbeitet: Jay Thalmann in Zürich, Marcella Ressegatti in Wien. Mittlerweile führen Sie Ihr eigenes gemeinsames Büro in Zürich. Was haben Sie an Grundsätzen oder Haltungen von Adolf Krischanitz mitgenommen oder sogar übernommen?

Marcella Ressegatti: Mich hat immer fasziniert, in wie vielen Massstäben und mit wie vielen Mitteln Adolf sich mit Architektur beschäftigt, etwas, was auch wir in unserem Büro versuchen. Seien es Entwürfe für Möbel, aber auch Projekte für komplexe Grossprojekte, theoretische Schriften, aber auch künstlerische Herangehensweisen. Sie zeigen die grosse Vielfalt seines Schaffens und sind ein Vorbild für uns. 

Daneben sind es praktische Überlegungen, die wir übernommen haben. Zum Beispiel, dass man sich bei jedem Projekt genau überlegen soll, wofür es sich zu kämpfen lohnt und wo man nachgeben kann. Oder dass man etwas Unschönes nicht immer kaschieren muss, sondern durch eine Betonung veredeln kann. Und zum Schluss ist es sein Umgang mit Farben, der uns sicher beeinflusst hat.

Jay Thalmann: Seine Fähigkeit, bei seinen Entscheidungen stets das grosse Ganze im Blick zu behalten, hat mich sehr beeindruckt. Als Mittel dazu dienten ihm sowohl die schriftliche Reflexion als auch seine Skizzen. Die Flugzeit nutzte Adolf, um Notizen und Skizzen auf einem A4-Blatt festzuhalten, das er gefaltet im Innenfutter seines Jacketts aufbewahrte und jeweils zu den Sitzungen mitbrachte. In der Umsetzung entschied er teilweise sehr pragmatisch und blieb unseren Vorschlägen gegenüber jederzeit offen. 

Der Kontakt zu den Auftraggebern war stets eng, was sich positiv auf die Projekte auswirkte. Intuitiv haben wir sicherlich viele Aspekte seiner Arbeit übernommen. Grundlegend sind dies jedoch vor allem die Freude am Entwickeln, der Dialog zwischen den Disziplinen sowie die Offenheit gegenüber Neuem und Unerwartetem.

«Adolf hat schnell entschieden und präzise Feedbacks gegeben.» 

Marcella Ressegatti

Wie haben Sie den Bezug zwischen den Schaffensorten Berlin, Wien und Zürich von Adolf Krischanitz erlebt?

Marcella Ressegatti: Adolfs Woche war sehr durch das Pendeln zwischen den drei Orten geprägt. Freitag bis Montag war er meist in Wien, um sein Wochenende zuhause zu verbringen, danach flog er für einen Tag nach Zürich und weiter zum Unterrichten nach Berlin. 

Dadurch waren seine Stunden an den jeweiligen Orten knapp bemessen und klar strukturiert. Das hat geholfen. Die Besprechungen mit ihm waren immer fokussiert und von unserer Seite aus gut vorbereitet. Adolf hat schnell entschieden und präzise Feedbacks gegeben.
Die Projekte in Zürich waren gross und wurden über Wettbewerbe akquiriert. Die Beiträge dafür erarbeitete Adolf meist mit seinen Assistenten an der UdK in Berlin. Die Wiener Projekte entstanden primär aus Direktaufträgen, waren nicht ganz so gross und dienten vielleicht auch dazu, Dinge für Zürich auszuprobieren.

Jay Thalmann: Die Kollaboration beim Projekt Museum Rietberg mit dem in Berlin ansässigen Schweizer Architekten Alfred Grazioli kam durch die gemeinsame Lehrtätigkeit der beiden an der UdK in Berlin zustande. Da die Wettbewerbe jeweils in Berlin erarbeitet wurden, lag diese Zusammenarbeit nahe. Auch in Zürich waren die Tage klar strukturiert, seine Energie für die stundenlangen Besprechungen jedoch ungebrochen. 

Die Möglichkeiten, die sich ihm bei den Bauten in Zürich boten, betrachtete er als Privileg und sch ätzte die Zusammenarbeit mit Auftraggebern, Planenden und ausführenden Unternehmen sehr.

«Intuitiv übernommen haben wir die Freude am Entwickeln sowie die Offenheit gegenüber Unerwartetem.» 

Jay Thalmann

Womit hat er den Austausch zwischen den Orten gefördert?

Marcella Ressegatti: Allzu viele Berührungspunkte gab es nicht. Nur zu den Eröffnungen der grösseren Projekte wie zum Beispiel dem Museum Rietberg in Zürich, der Kunsthalle in Berlin oder dem 20er Haus in Wien sind wir in die jeweiligen Städte gefahren. Da haben wir uns auch das erste Mal getroffen. 

Ansonsten gab es einfach immer viele Schweizerinnen und Schweizer, die im Wiener Büro gearbeitet oder in Berlin an der UdK studiert haben, Praktikantinnen und Praktikanten in Wien, die später an der ETH studierten, oder ehemalige Mitarbeiterinnen wie wir, die später in der Lehre tätig waren, Seminarreisen nach Wien organisierten und immer auch Adolf Krischanitz trafen. Zudem pflegte Adolf in Wien ein offenes Büro und seine Schweizer Freunde wie Marcel Meili, Peter Märkli oder Roger Diener kamen des Öfteren zu Besuch.

«Die Möglichkeiten, die sich ihm bei den Bauten in Zürich boten, betrachtete er als Privileg und schätzte die Zusammenarbeit mit Auftraggebern, Planenden und ausführenden Unter­nehmen sehr.» 

Jay Thalmann

Jay Thalmann: Das Zürcher Büro reiste zur Eröffnung der Mustersiedlung Hadersdorf sowie zur Einweihung des 20er Hauses nach Wien und lernte dabei das Wiener Büro kennen. Darüber hinaus fand zwischen den Büros kaum Austausch statt, da die Projekte jeweils einem Büro zugeordnet waren. 

Jedoch war der Austausch zwischen Architektinnen und Architekten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz Adolf ein grosses Anliegen. Dies zeigt sich sinnbildlich in der von ihm initiierten Mustersiedlung Hadersdorf, an der renommierte Architekten aus den drei Ländern beteiligt waren und jeweils ein Haus entwarfen.