Handwerklich und rentabel

Im Winterthurer Vorort Neu­hegi entsteht ein ganzes Quartier. Zudem wurde hier im Sommer 2018 der grösste ­Holzwohnbau der Schweiz fertiggestellt. Er erfüllt sowohl Kriterien der Wirt­schaftlichkeit als auch der Ökologie.

Charles von Büren Bautechnik/Design, Korrespondent TEC21

Grün und urban, kreativ und erfolgreich, Auto und öV – so wird «Sue & Til» auf der Webseite umschrieben. Demnach ­bietet die Überbauung für alle Vorlieben etwas. Die Gewerberäume und die über 300 Wohnungen wurden diesen Sommer fertiggestellt. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen ein uneingeschränkt ­­mo­dernes Leben in gut gestalteten ­Räumen führen und dabei gleichzeitig die ­na­türlichen Ressourcen schonen. Die ­Anlage ist zudem auf einen durchschnitt­lichen Energieverbrauch von maximal 2000 Watt pro Person ausgerichtet. Dieses energiepolitische Modell berücksichtigt einen möglichst geringen grauen Energieanteil der Konstruktion. Neben der nachhaltigen Lösung waren eine gute Rendite und hohe städtebauliche und architek­tonische Qualitäten gefordert. 

Gespiegelt, gestapelt, gestuft

Der Masterplan des Quartiers Neuhegi regelt Parks, Strassen und Plätze. Auch die Räume für Nutzungen wie Arbeiten, Verkauf oder Dienstleistung in Erdgeschossen wurden angeordnet, um sicherzustellen, dass ein gemischt genutztes, städtisches Quartier entsteht. Das Gebäude folgt den Baulinien und bildet so die im Masterplan definierten Strassenräume und Plätze. Ein Innenhof steht allen Bewohnern zur Verfügung, und in den Erdgeschossen entlang dem öffent­lichen «Pocketpark» sind die publikumsorientierten Nutzungen vorgesehen.

Durch das Übereinanderstapeln von zwei Attikageschossen und den beiden frei ­angeordneten obersten Geschossen entsteht ein modellierter Baukörper. ­Verschieden abgestufte Traufkanten brechen den grossen Massstab auf einzelne Hauseinheiten. Private Terrassen auf ­unterschiedlichen Höhen verhelfen der Anlage zu einem wohnlichen Ausdruck.

Der in drei Felder gegliederte Gebäudeschnitt mit den Attikageschossen bildet das Grundgerüst der Überbauung. Hausweise wird der Schnitt gespiegelt, und die Anzahl Stockwerke variiert. Daraus liessen sich unterschiedliche Wohnungstypen ableiten.

Holzbau ab Studienauftrag

Zwecks Ressourcenschonung und Kos­ten­effizienz galt es, die Rahmenbedingungen der industriellen Holzbauweise zu berücksichtigen. Um die bestmögliche Lösung zu erhalten, hat Implenia einen Studienauftrag unter ­Planerteams ausgeschrieben. Die ARGE weberbrunner/soppelsa konnte das Verfahren für sich entscheiden.

Ein einfacher Holzbau, bestehend aus Stützen, Unterzügen, Decken aus Brettschichtholz und gedämmten Holz­elementen als Fassade, bildet die Basis für  eine industrielle und wirtschaftliche Pro­duktion. Sämtliche Holzbauelemente wurden im Werk in grösseren Bauteilgruppen vorkonfektioniert und auf der Baustelle endmontiert. Die als Raummodule produzierten Bäder wurden parallel mit dem Aufrichten des Holzbaus geschossweise eingebaut. 

Planer und Unternehmer entwickelten die Schichtaufbauten der Leichtbaudecken, und die Empa in Dübendorf ­testete sie bezüglich ihrer akustischen Eigenschaften. So stellte man sicher, dass die erhöhten Anforderungen für ­Eigentumswohnungen bei guter Wirtschaftlichkeit erfüllt wurden.

Innen warm, aussen elegant

Der Holzbau ist durch Verbundplatten mit Kunststoffkernen mit beidseitig dünner Aluminiumbeschichtung verkleidet. Die handwerkliche Machart der Hülle zeigt sich durch die sichtbare Befestigung der Platten mit Nieten. Die Plattenfugen kommen in der Fläche zu liegen, und eine geknickte Platte deckt alle ­Kanten ab. Die dadurch geschlossenen Kanten verstärken die Wirkung des Baukörpers. Die Fenster vergrössern sich nach aussen durch eine abgeschrägte ­Laibung. Dadurch öffnet sich das Haus in seiner ­Wirkung, trotz den aus energe­tischen Gründen optimierten Fenster­flächen. Eine durchlaufende ho­ri­zontale Fuge und verschobene Fenster im Erdgeschoss zeichnen ein Sockelgeschoss aus. 

Warmes Holz im Innern der Häuser und elegantes, kühles Aluminium im Äus­seren kontrastieren sich gegenseitig und verstärken dadurch ihre Wirkung. Die metallene Hülle lässt das Gebäude je nach Tageszeit und Lichtverhältnissen unterschiedlich in Erscheinung treten. «Sue & Til» ist eine Siedlung mit eindeutig urbanem Charakter und gleichzeitig ökologischem Innenleben.
 

Am Bau Beteiligte 
Bauherrschaft: Allianz Suisse, Immobilien, Wallisellen
Entwicklung/TU: Implenia Schweiz, Dietlikon
Architektur: ARGE Sue & Til (weberbrunner Architekten, Zürich/Berlin;
soppelsa architekten, Zürich)
Statik: Dr. J. Grob & Partner, Winterthur
Statik Holz: Timbatec, Zürich
Gebäudetechnik: Implenia Engineering, Gisikon

Gebäude 
Geschossfläche: 53 000 m2 
Gebäudevolumen: 150 000 m3
Label: 2000-Watt-Gesellschaft gemäss SIA-Energieeffizienzpfad

Holz und Konstruktion
Voll- und Brettschichtholz: 6700 m3 Fichte/Tanne, (Schweiz und Süddeutschland)
Holzwerkstoffplatten: 1350 m3
Dreischichtplatten: 210 350 m2
OSB-Platten: 12 000 m2 

Daten 
Bauzeit: 2.5 Jahre (20 Häuser)
Aufrichten der Module: je Haus ca. 4 Wochen 
Produktion Module: Vorbereitung und Material­beschaffung ohne Werkstattplanung 
je Haus 8 Wochen

Kosten 
Marktwert: ca. 170 Mio CHF

Der Artikel ist erschienen im Sonderheft «Stadt aus Holz IV – Megatrends als treibende Kräfte», ein Projekt im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) und in Zusammenarbeit mit Wüest Partner.

Weitere Artikel mit zusätzlichen Bildern und Plänen sowie weitere Beiträge zum Thema Holz haben wir in einem E-Dossier zusammengestellt.

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