Einst spü­len, jetzt spie­len

Transformation eines Klärbeckens zum Spielplatz

Welche Eltern würden ihre Kinder in ein verlassenes Betonbauwerk zum Spielen schicken? Jene von Aproz, zum Beispiel. Das Walliser Dorf hat 2023 ein ehemaliges Klärbecken zu einem Spielplatz umgebaut. Dank dem mutigen Projekt des Büros En-Dehors erhält das Infrastrukturbauwerk ein überraschendes zweites Leben.

Date de publication
02-07-2024

Von aussen sieht es aus wie ein kleines Haus ohne Dach. Das oben offene, aus dem Boden ragende Absetzbecken steht flankiert von Technikgebäuden an der Rhone. Es ist das letzte Überbleibsel der ersten Walliser Abwasserreinigungsanlage (ARA), die Mitte der 1960er-Jahre erbaut wurde. Als 1994 die interkommunale ARA Bieudron entstand, wurde die alte Anlage in Aproz ausser Betrieb genommen und teilweise in eine Pumpstation zur Abflussregulierung umgebaut. Für das Becken gab es keine Verwendung und es blieb, als unsichtbare Leere hinter Mauern, ungenutzt stehen. 

In der Zwischenzeit erlebte Aproz dank der idealen Lage zwischen Sion und Martigny und erschwinglicher Immobilienpreise ein rasches Wachstum. Schliesslich wurden auch auf den ehemaligen Feldern in unmittelbarer Nachbarschaft der alten ARA neue Einfamilienhäuser gebaut. Die zuständigen Gemeinden wollten der wachsenden Wohnbevölkerung zusätzlichen öffentlichen Raum zur Verfügung stellen und beauftragten Arnaud Michelet und Romain Legros, die Inhaber des Landschaftsbüros En-Dehors, mit der Erfassung von verfügbaren Flächen.

Die Parzelle mit dem Becken wurde aufgrund der zentrumsnahen Lage und der grossen unbebauten Fläche rasch als interessanter Standort erfasst. Die Gemeinden Sion und Nendaz, auf deren Gebiet die Ortschaft Aproz liegt, zogen das Grundstück gar für einen Schulerweiterungsbau in Betracht.  Die Landschaftsarchitekten von En-Dehors empfahlen jedoch eine andere Strategie. Angesichts des Siedlungsdrucks schlugen sie vor, doch einfach das Volumen des vorhandenen Beckens für die Allgemeinheit zu nutzen und so den Rest der Parzelle für weitere Bauprojekte freizuhalten. Diese Art der Umnutzung mag auf den ersten Blick überraschen, sie entspricht aber einem durch und durch kreislaufgerechten Ansatz.

Schrittweise Annäherung

Die Gemeinden folgten diesem Vorschlag und nachdem die Untersuchungen ergeben hatten, dass der Standort nicht belastet ist, führten die Landschaftsarchitekten von En-Dehors eine eingehende Bauwerksanalyse durch. Dabei interessierten sie sich weniger für landschaftsarchitektonische als vielmehr für architektonische Fragen wie die Statik der Wände und die wiederverwendbaren Bauteile. Es zeigte sich, dass der verfügbare Raum erst nach Öffnen des Beckens vollständig erfasst werden konnte. 

Dennoch konnten die wichtigsten Grundsätze bereits festgelegt werden. Im Zentrum der Projektentwicklung stand die direkte Wiederverwendung der entnommenen Baustoffe vor Ort: Aus dem für die Hauptöffnung der Südfassade entfernten Material wurden die Stufen der Eingangstreppe gefertigt, die Geländer vom Wandkopf wurden für die Zugänge verwendet, eines der imposanten sechskantigen Zugbänder wurde zur Sitzbank umgenutzt usw. Das Projekt wurde unmittelbar vom Standort inspiriert und noch während der Bauarbeiten stetig weiterentwickelt, auch dank des wertvollen Austauschs mit den beauftragten Bauunternehmen. So passte En-Dehors beispielsweise die Form der Bohrungen für die Pflanzgruben an: Als sich zeigte, dass es einfacher war, den Betonboden aufzubohren als aufzufräsen, entschied man sich für runde statt rechteckige Löcher. Die dicken Bohrkerne wurden zu Sitzgelegenheiten. Auf diese Weise wurden alle entnommenen Bauteile vor Ort gewürdigt bzw. miteinbezogen und das Projekt Schritt für Schritt weiterentwickelt.

Das Ergebnis ist weniger ein Spielplatz als ein regelrechtes Spielzimmer. In die Bodenplatte gefräste Wege werden aus zum Teil nicht sichtbaren Brausen und Düsen mit Wasser gespeist. Zwischen diesen Wasserspielen, die entweder von den Kindern selbst betätigt oder zufällig aktiviert werden, bieten Weidengruppen Schatten und Versteckmöglichkeiten. In einer Ecke wurden ausgewählte Steine als Klettergriffe an die Wand montiert. All diese Elemente ergeben eine spontane und freie Möblierung des fantastischen Spielzimmers. 

Das einzige Element, das die ausgeprägte Innerlichkeit des Raums durchbricht, ist eine Rutschbahn, die über einen Aussenturm zugänglich ist und durch eine in die Wand gebohrte Öffnung hindurchführt. Mit der Zeit soll das Projekt aus dem gebauten Rahmen ausbrechen und auf die Umgebung übergreifen. Bereits jetzt ist es in dem stark auf Wohnbauten ausgerichteten und wenig durchlässigen Quartier ein wichtiger Anziehungs- und Begegnungspunkt. Die baulichen Massnahmen beschränkten sich auf den Innenraum. Die Fassaden der Technikgebäude, die noch in Betrieb sind, wurden nicht renoviert und auch der Rest der Parzelle blieb unberührt. 

Dieser Kontext schadet dem Projekt keineswegs, er verstärkt im Gegenteil das Überraschungsmoment und das Gefühl, einen geheimen, fast verbotenen Ort zu betreten. Es wirkt fast so, als hätten die Landschaftsarchitekten dieses Objekt, ähnlich wie Peter Pan sein Nimmerland, auf einer Brache, einem terrain vague, entdeckt und kraft ihrer Phantasie in einen Ort verwandelt, der einzig und allein dem Bedürfnis nach Spiel gerecht wird.

Spielraum im Normengerüst

Für die Zertifizierung dieses aussergewöhnlichen Ortes, der aus jeder Spielplatznorm fällt, war ein wiederholter Austausch nötig, besteht doch heute im Spielplatzbau eher der Trend zu Massivholzkonstruktionen und Holzschnitzelböden.  En-Dehors nutzte die Umsetzung der vorgeschriebenen stossdämpfenden Böden, um der kollektiven Vorstellung von Kindheit gerecht zu werden und Farbe ins Spiel zu bringen, die im Kontrast zum rohen Beton steht. 

Die baulichen Eingriffe wie Ausfräsungen oder Abdichtungen wurden mit den drei Grundfarben markiert. Das Einzige, was die Landschaftsarchitekten zu ihrem Bedauern nicht umsetzen konnten, war die Umgestaltung der grossen schrägen Beckenwand zum Kletterparcours, denn dann hätte die Wand als horizontale Fläche gegolten und mit einem Bodenbelag versehen werden müssen. Die hohen Kosten dafür hätten nicht zum Charakter des Projekts gepasst.  Denn neben der Schaffung eines einzigartigen Ortes liegt die Besonderheit dieses Projekts gerade in seiner Wirtschaftlichkeit, in der Wiederverwendung der Materialien vor Ort, vor allem aber im Grundsatz, Bauland zu erhalten und einen Abbruch zu vermeiden.

Trotz seiner geringen Grösse vereint das Spielplatzprojekt in Aproz mehrere aktuelle Themen in sich: Neben der Ressourcen- und Abfallthematik ist die Frage nach dem Schicksal von veralteten Infrastrukturanlagen aus dem 20. Jahrhundert besonders interessant. Dem Projekt gelingt es, den auf den ersten Blick ungastlichen und unzweckmässigen Standort nicht abzubrechen, sondern ihn in einen attraktiven Ort zu verwandeln, der auch für Kinder geeignet ist. Damit dieses Kunststück gelingen konnte, musste En-Dehors überzeugt handeln, flexibel sein, sich auf Experimente einlassen, sich schrittweise an den Ort annähern und vor allem mit grosser Freude an das Projekt herangehen. Diese Freude gilt es in unserem Berufsfeld dringend wiederzufinden!

Umbau Klärbecken zu Spielplatz, Aproz (VS)

 

Bauherrschaft
Gemeinden Sion und Nendaz

Landschaftsarchitektur
En-Dehors, Lausanne und Sion; Jardin alpin, Haute-Nendaz

Elektrikerarbeiten
Electrochoc, Fey

Sanitärarbeiten
Bornet, Sitten

Bohrungen Beton
Discobeton, Conthey

Abdichtungen
Lourejoints, Veyras

Realisierung
2023

Kosten 
300.000 Franken

 

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