«Wir sind die Ar­beit mit ei­nem fri­schen Blick an­ge­gan­gen»

Das Basler Münster ist einer der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenbauten am Oberrhein. Zum 1000-Jahr Jubiläum des am 11. Oktober 1019 im Beisein von Kaiser Heinrich II. geweihten Heinrichsmünsters erschien eine Monografie in der Reihe der «Kunstdenkmäler der Schweiz». Die Projektkoordinatorin Anne Nagel beantwortet einige Fragen zu diesem umfassenden Werk.

Date de publication
28-01-2020

TEC21: Frau Nagel, das Heinrichsmünster in Basel feierte 2019 sein 1000-jähriges Jubiläum. Beginnt auch das Buch zu diesem Zeitpunkt?

Anne Nagel: Wir beginnen früher. Das Heinrichsmünster ist 1000 Jahre alt, die Vorgängerbauten sind aber weit älter. Der erste nachweisbare Kirchenbau entstand in karolingischer Zeit und stammt aus dem frühen 9. Jahrhundert. Das Gebäude hat eine sehr bewegte Geschichte. Diese haben wir versucht zu zeigen und aufzuarbeiten. Heute ist das Münster ein Schlüsselwerk der romanisch-gotischen Baukunst.

TEC21: Sie haben das Buchprojekt koordiniert. Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Anne Nagel: Die einzigartige Zusammenarbeit des interdisziplinären Autorenteams – Archäologen, Historiker und Kunsthistorikerinnen mit verschiedenen Forschungsschwerpunkten. Wir haben uns zwischen April 2012 und September 2018 intensiv ausgetauscht. Durch das Zusammenführen des vorhandenen Wissens und die Diskussionen hat jeder Autor und jede Autorin zusätzlich wertvolle Inputs aus den anderen Fachbereichen erhalten.

TEC21: Für wen wurde dieses Buch geschrieben? Die Texte sind doch sehr umfassend und keine leichte Lektüre.

Anne Nagel: Das ist richtig. Es ist auch nicht die Idee, dass man das Buch einfach durchliest, sondern punktuell konsultiert. Geschrieben haben wir für verschiedene Lesergruppen. Zunächst für die Fachleute, wie Denkmalpfleger oder Kunsthistoriker; für Studierende, denen das Buch einen Überblick gibt, sie aber auch Hinweise zu weiterführenden Informationen finden. Aber auch für die Touristenführer, die sich so fundiert über die einzelnen Bereiche informieren können und nicht zuletzt für alle Basler und Baslerinnen, die sich – auch durch ihre Familiengeschichte – dem Münster verbunden fühlen. Überhaupt ist die Basler Bevölkerung sehr kulturinteressiert, die Erwartungen an das Buch waren entsprechend hoch. Das hat auch die Vernissage gezeigt, an der weit über 500 Personen teilgenommen haben.

TEC21: Es wurde schon viel über das Münster veröffentlicht. Warum also nochmal zusätzliche 500 Seiten Lesestoff?

Anne Nagel: Bisher wurden immer nur Teilaspekte beleuchtet. In diesem Band fasst das Autorenteam die Baugeschichte, Architektur und skulpturale Ausstattung zusammen. Erstmals wird auch die gesamte vor- und nachreformatorische Ausstattung und Möblierung des Münsters dargestellt. Ein historischer Überblick, Ausführungen zur Liturgie und Nutzung runden das Inventar ab.

TEC21: Woher hatten Sie Ihre Informationen? Gab es in den letzten Jahren so viele neue Erkenntnisse?

Anne Nagel: Wir haben vorliegendes Forschungsmaterial, zahlreiche Schrift- und Bildquellen sowie neue restauratorischen und bauarchäologische Befunde ausgewertet. Zudem gab es unveröffentlichte Grabungsdokumentationen aus den Jahren 1966 und 1974, die uns allerdings während unserer Arbeit zugänglich gemacht wurden. Auch das umfangreiche Material eines sich viele Jahre mit dem Münster beschäftigten, unterdessen verstorbenen Kunsthistorikers haben wir nur punktuell konsultiert, weil wir die Arbeit mit einem frischen Blick angehen wollten.

TEC21: Jedes Kapitel gibt einen umfassenden Überblick und man findet als Leser viele interessante Details. Sie kennen das Münster. Was hat Sie inhaltlich am meisten überrascht?

Anne Nagel: Die Erkenntnisse aus dem Buch sind grossartig. Ich hatte mich bis anhin vor allem mit den Grabmälern und den Glasmalereien vertieft beschäftigt. Ich finde die Rekonstruktionen der Vorgängerbauten des Archäologen Marco Bernasconi erstaunlich. Auf Basis der Befunde und architektonischer Vergleiche hat er das mögliche Aussehen des Münsters in verschiedenen Epochen modelliert. Natürlich sind das nur Hypothesen, aber so kann man sich doch ein Bild machen. Sehr spannend sind auch die Erkenntnisse von der Kunsthistorikerin Carola Jäggi. Durch den Einsatz von UV-Licht ist es gelungen, Malereireste am Deckengewölbe des Mittelschiffs zu deuten. Hier liessen sich Szenen rekonstruieren, die auf einen Marienzyklus deuten.

TEC21: Gibt es etwas, was das Buch nicht leisten kann?

Anne Nagel: Das Buch vermag die einstige Atmosphäre des Innenraums, den liturgischen Betrieb im Mittelalter an den rund sechzig Altären nur ansatzweise zu vermitteln. Das Münster kommt heute extrem nüchtern daher. Dieses Erscheinungsbild geht auf die radikale Renovation des Innenraums in den Jahren 1852/57 zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt muss das Innere des Münsters wesentlich farbiger gewesen sein, auch wenn bereits im ausgehenden 16. Jahrhundert, als Spätfolge der Reformation, ein Grossteil der figürlichen Wand- und Gewölbemalereien abgeschabt und übertüncht worden sein dürfte. Der Gedanke ist doch faszinierend, wenn es möglich wäre, eine Zeitreise zu machen und einen halben Tag im Spätmittelalter verbringen zu können.


Angaben zur Publikation
 

Hans-Rudolf Meier, Dorothea Schwinn Schürmann, Marco Bernasconi, Stefan Hess, Carola Jäggi, Anne Nagel, Ferdinand Pajor: Das Basler Münster. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, Bern 2019, 550 S., gebunden, ISBN 978-3-03797-573-2, Fr. 120.– (für Mitglieder Fr. 84.–)

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