LHO kon­tro­vers: «Schliess­lich geht es um die Ho­no­rie­rung un­se­rer Leis­tun­gen»

An der Delegiertenversammlung des SIA gab es eine Kontroverse zwischen den einzelnen Berufsgruppen beim Thema LHO. Marco Waldhauser, Präsident der SIA-Berufsgruppe Technik, erläutert seine Sicht der Geschehnisse.

Date de publication
23-05-2019

TEC21: Herr Waldhauser, wie haben Sie die Delegiertenversammlung (DV) des SIA vom 12. April 2019 erlebt?
Marco Waldhauser:
Zunächst einmal sehr positiv. Ich war überrascht, wie gut die Grundstimmung war. Die jüngsten Un­ruhen in der Vereinsführung haben offensichtlich kaum Spuren hinterlassen. Eigentlich verlief die DV bis auf die Diskussion zum Thema LHO durchwegs erwartungsgemäss.

Wie gestaltete sich die Diskussion zum Thema LHO?
Die Diskussion hat gezeigt, dass das Thema hochsensibel ist; schliesslich geht es um die Hono­rierung unserer Leistungen. Leider hat sich aber auch herausgestellt, dass die einzelnen Delegierten trotz gleicher Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung sehr unterschiedliche Kenntnis der Sache hatten. So wurden in der Diskussion verschiedene, von einander unabhängige Sachverhalte vermischt, was letztlich eine objektive Entscheidung erschwerte.

Man hatte das Gefühl, dass jegliche Unzufriedenheit mit den LHO in einen Topf geworfen wurde. Um den Beschluss zur Neupub­likation der LHO-Artikel 1 bis 6 herbeizuführen, waren deshalb viel Aufklärungsarbeit und eine Ad-hoc-Beratung innerhalb der Berufsgruppen direkt an der DV nötig.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für die Kontroversen und die teils fehlende Sachkenntnis unter den Delegierten? Hat es an der vorgängigen Information und Kommunikation gefehlt?
Kommuniziert wurde aus meiner Sicht seitens Vorstand und Geschäftsstelle des SIA mit Newslettern sowie den Beiträgen in TEC21 ausreichend. Offenbar haben viele diese Informationen – vielleicht aus Gründen mangelnden Interesses oder der vermeintlich fehlenden Betroffenheit – aber nicht aufgenommen oder unzu­reichend verstanden.

Neben der Abgrenzung zwischen Ordnungs- und Honorarteil war besonders die Unverhandelbarkeit der Weko-­Beanstandung nicht allen gleichermassen klar. So gab es beispielsweise Delegierte, die der Auf­fassung waren, der SIA könne die Situation quasi «aus­sitzen» und vorerst einmal nichts unternehmen respektive die LHO in der Ausgabe 2014 weiterhin uneingeschränkt publizieren.

Sind Sie zufrieden mit dem Delegiertenbeschluss?
Die Sache ist letztendlich zu einem guten Schluss gekommen. Eigentlich hätte ich antragsgemäss den unmittelbaren Rückzug des Artikels 7 aus den LHO befürwortet. Da die Übergangslösung nicht vertragstauglich ist, wäre dies wohl am konsequentesten gewesen. Alles in allem bin ich aber zufrieden, dass mit der Neupublikation der LHO-Artikel 1 bis 6 ab Anfang 2020 die Grundlage für eine Nachfolgeordnung geschaffen wurde.

Welche Bedeutung haben die Delegiertenbeschlüsse für die Zukunft?
In Bezug auf die LHO werden sich nun sowohl die LHO-Kommissionen als auch die Expertengruppe ihren jeweiligen Tätigkeiten widmen können. Für die LHO-Kommissionen ist das die ordentliche Revision mit Themen wie Digitalisierung oder Aktualisierung und Harmonisierung der Leistungskataloge, für die Expertengruppe die Abwägung von möglichen Alternativen zu den bekannten Honorarberechnungsformeln.

Für die Branche bedeuten die Beschlüsse letztlich, dass mit dem Wegfall der Berechnungsformeln ab Anfang 2020 eine gewohnte Orientierungshilfe fehlen wird, was für Einzelne schmerzhaft sein mag. Die Delegiertenversammlung hatte aber noch weitere Bedeutung für die künftige Zusammenkunfts­agenda der SIA-Delegierten.

Welche genau?
Nun, die DV entscheidet massgeblich über die Zukunft des Vereins. Die Delegierten verantworten die getroffenen Entscheidungen und übertragen deren Umsetzung an den Vorstand und die Geschäftsstelle. Solche Entscheidungen erfordern eine vertiefte Auseinandersetzung jedes einzelnen Delegierten mit den anstehenden Themen.

Durch die nun beschlossene Neugestaltung des Vereinsjahrs mit einer Zusammenkunft der Delegierten in ihren jeweiligen Berufsgruppen im Vorfeld zur DV wird diesem Punkt künftig besser Rechnung getragen. Einziger Wermutstropfen dabei bleibt die Stimmenübermacht der Berufsgruppe Architektur. Hier wünsche ich mir für unseren international einzigartigen, interdisziplinären Verein eine Stimmenparität zwischen den vier Berufsgruppen.

Zurück zum Thema LHO. Der Rückzug der Kalkulationshilfen wird wohl hauptsächlich kleinere und mittlere Büros treffen. Wie können sich diese behelfen?
Ich gehe davon aus, dass sich die betroffenen Büros zur Aufwandschätzung weiterhin der bekannten Formeln bedienen ­­wer­den. Auch sind mir einzelne öffentliche Auftraggeber bekannt, die sich in ihren vertraglichen Vereinbarungen aktuell an den LHO Ausgabe 2014 orientieren. Beides ist wohlgemerkt nicht verboten. Verboten ist einzig, dass der SIA als Branchenverband entsprechende Empfehlungen publiziert. In anderen Ländern wie Österreich funktioniert das ähnlich. Somit wird sich wohl hauptsächlich die Art der Honorarargumentation verändern. Dazu muss sich jedes Büro auf seine Weise mit dem Thema auseinandersetzen.

Sie sind auch Mitglied der Expertengruppe, die sich mit möglichen Alternativen zur Honorarberechnungsformel auseinandersetzt. Was können Sie aus dieser Tätigkeit berichten?
Die LHO-Expertengruppe beschäftigt sich ausschliesslich mit dem Punkt der Kalkulationsmöglichkeiten. Wir suchen nach neuen Wegen und ziehen Vergleiche mit Lösungen aus mehrheit­lich benachbarten Ländern. Zum genauen Inhalt kann ich gegenwärtig noch keine konkreteren Angaben machen, da vieles im Fluss ist und die Lösungssuche möglichst breit gehalten wird.

Wie bereits in Ihrem Interview mit Daniela Ziswiler beschrieben, erwägen wir momentan die Möglichkeiten zum Aufbau von Referenzräumen und weniger zur Schaffung einer neuen, wettbewerbskonformen Honorarberechnungsformel. Beschlossen ist derzeit aber noch nichts, und Informationen hinsichtlich des weiteren Vorgehens folgen Ende 2019.

Somit wird es längere Zeit dauern, bis eine Alternative entsteht?
Ja. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang, dass sich das eingesetzte Gremium die erforderliche Zeit nimmt. Bei der Schaffung der Übergangslösung stand ein schnelles Handeln im Vordergrund. Das Entstehen einer zukunftsorientierten Alternative braucht Zeit. Ein Aufbau von Referenzräumen beispielsweise bedingt, dass möglichst viele Firmen zur Datensammlung beitragen.

Welches sind die grossen Herausforderungen für die Branche in den kommenden Jahren?
Neben der vielleicht grössten Herausforderung der Digitalisierung stehen viele weitere Themen wie die Wahrung einer hochwertigen Baukultur, das gemeinsame Einstehen für eine bessere gesellschaftliche Wertschätzung der Leistungen von Ingenieuren und Architekten, die Dekarbonisierung oder die Beschleunigung der Sanierung des Bestands an.

Herausforderungen gibt es also neben der Honorar­berechnung noch genügend, und das ist gut so – sie stellen sicher, dass sich die Branche fit hält. Das Fehlen von Herausforderungen kann innovationstötend sein. So hat sich etwa die Digitalisierung in gewissen Ländern beim Ausweg aus einer Krise als neue Methode entwickelt. Diesem Zwang unterlagen wir hierzulande bislang nicht, deshalb ent­wickelt sich die Digitalisierung bei uns eher zaghaft.

Wie beschäftigen sich die LHO-Kommissionen mit dem Thema der Digitalisierung?
Das Thema beschäftigt die Kommissionen schon länger. Neben der bereits erwähnten Harmonisierung der Leistungs­kataloge wird die Digitalisierung vor allem Auswirkungen auf das Phasenmodell und die Projekt­organisationsformen haben. Diese Themen werden aktuell im Zuge der ordentlichen Revision behandelt. Die Herausforderung bei der Adaption einer Entwicklung wie der Digitalisierung besteht darin, nicht jahrelang dem technologischen Wandel hinterherzurennen, sondern erreichbare Ziele zu setzen.

Veranstaltung sia-kompass, Honorarermittlung für Gebäudetechnikingenieure am 30. September 2019. Weitere Infos finden sich hier

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