La Ra­sude Lau­sanne: Frag­men­tierte Ur­ba­nität

Studienaufträge und Beteiligung der Bevölkerung

Beteiligung statt Monument: Bei den Planungen des künf­tigen Quartiers La Rasude in Lausanne werden neben den Fachleuten auch die Anwohner in die Planung miteinbezogen. Die angewandten Strategien sind der Ursprung der neuen Identität des Bahnhofs – einer Stadt in der Stadt, diegemeinsam mit ihren Bewohnern gestaltet wird. 

Date de publication
11-09-2018
Revision
12-09-2018

Die Geschichte des Bahnhofs ist vielschichtig. Von seiner Erbauung bis heute musste er sich ständig neuen Anforderungen anpassen. Ursprünglich geschlossen, regelten die Wartesäle den Zutritt; die verschiedenen Schwellen überwand man mit seinem Bahnbillett. Erst später wurde der passive Reisende zu einem aktiven Nutzer, der in den Geschäften des Bahnhofs Dinge des täglichen Bedarfs einkaufte. In den 1970er-Jahren kamen dann Nutzungen auf, die über die Deckung reiner Grundbedürfnisse hinausgingen: Blumengeschäfte, Buchläden oder kleine Supermärkte breiteten sich in den Bahnhöfen aus. Nach und nach wurde die Haltestelle von einem Durchgangs- zu einem Zielort. 

Dabei lassen sich drei Phasen identifizieren: Nachdem der Bahnhof zunächst eine Bastion war, die gebieterisch den Strom von Reisenden regelte, wurde er zu einem neuralgischen Punkt für Werbung jeglicher Art und vor allem auch verschiedenster Geschäfte. Heute sucht er ein neues Image. Beispiele wie die Einkaufspassage im Hauptbahnhof Zürich, die den aussagekräf­tigen Beinamen Shopville trägt, lassen vermuten, dass die SBB als Hausherrin sich bemühten, ihre Macht im Retailgeschäft auszubauen. Doch ist ein riesiges Einkaufzentrum zu werden die einzige Bestimmung des Bahnhofs? Kulturelle Entwicklungen, die sich am Rand der Schaffung von Verkaufsflächen vollziehen, wie das Projekt «Plateforme 10» bieten ein interessantes Gegenstück zum Phänomen der Merkantilisierung von öffentlichen Räumen. 

Parallel zu diesen kommerziellen und kulturellen Entwicklungen können auch partizipative Ansätze beobachtet werden. In Lausanne kann man am Standort La Rasude, wo sich insbesondere das alte Sortierzentrum der Post befindet, einen Planungsprozess verfolgen, der auf einem Dialog zwischen Fachleuten und Bewohnern basiert. Sollte der Bahnhof anstreben, zu einer Stadt in der Stadt zu werden, einem Mikrokosmos gleich, der die Funktionen und die Identität einer Kernstadt miteinander vereinen könnte?

Eine Urbanität in Fragmenten 

In Lausanne ist der Bahnhof, auf dessen Perrons täglich bis zu 140 000 Personen verkehren, tief greifenden Veränderungen ausgesetzt; an allen Ecken und Enden befinden sich Baustellen. Im Westen entsteht hinter der Fassade der alten Halle das künftige Museumsquartier «Pôle muséal», das von den spanischen Architekten Barozzi/Veiga entworfen wurde. Im Norden entsteht demnächst der neue Bahnhofplatz, dessen Gestaltungswettbewerb das Pariser Büro TVK gewonnen hat. Der Boden, der heute zum See hinabfällt, wird durch eine Treppenanlage begradigt, die Fussgängern auf der Seite des Bahnhofsgebäudes mehr Freiheit bietet. Unter diesem zukünftigen Platz wird ein grosses Untergeschoss gebaut, das Geschäfte und die Metro m2 beherbergen wird, die später der m3 weichen soll. Im Süden wird die an die Perrons grenzende Fassade neu gestaltet, indem der Parkplatz rückgebaut wird. Dieses neue Gesicht wird auf die Place des Saugettes ­blicken und einen Dialog mit dem öffentlichen Raum von Sous-Gare einleiten – ein Quartier, dem der Bahnhof gegenwärtig noch den Rücken zukehrt.

Im Osten befindet sich schliesslich La Rasude: ein Dreieck, das im Norden von der Avenue de la Gare, im Osten von der Avenue d’Ouchy und im Süden von den Gleisen eingegrenzt wird. Ein geschlossener, administrativer Ort, ein riesiger Gebäudekomplex, der seit Jahren die Post und die SBB beherbergt, zwei historische Akteure, die das Quartier bald verlassen werden. Durch diesen Wegzug hat La Rasude die Möglichkeit, zu einem Standort für Unternehmen von nationaler und ­internationaler Bedeutung zu werden.

Natacha Litzistorf, Gemeinderätin für Wohnung, Umwelt und Architektur in Lausanne, ist bei der Gemeinde für dieses Projekt verantwortlich und spricht die Bedeutung dieser drei Teile an, nämlich der Plateforme 10, des Bahnhofs und des Standorts La Rasude: «Diese drei Komponenten bilden den ersten Eindruck, den Menschen von Lausanne haben, wenn sie in der Hauptstadt des Kantons Waadt ankommen. Deshalb müssen sie eine ausgewogene Dynamik haben».1

Eine abgestimmte Planung 

Der in der Nähe der öffentlichen Verkehrsmittel ideal gelegene Standort bietet eine Aussicht, die den Ruf der waadtländischen Kantonshauptstadt sehr gut veranschaulicht. Das Gebiet verdankt seinen Namen einem alten Gemäuer mit der Bezeichnung «A la Rasudaz», wo waadtländische Patrioten im Jahr 1791 ein Revolutionsbankett abgehalten haben sollen. Durch die Umgestaltung von La Rasude, für die bereits Investitionen in Höhe von 400 Millionen Franken veranschlagt werden, soll nach den Worten von Guillaume Dekkil, dem Gesamtprojektleiter bei SBB Immobilien, ein «inklusives, offenes, zusammengesetztes Quartier mit mehreren Zentren» geschaffen werden. Diese Initiative geht auf die gemeinsamen Bemühungen von Mobimo und SBB Immobilien zurück, die die betreffenden Parzellen besitzen.

Das im Jahr 2015 durch die Vergabe von Stu­dienaufträgen eingeleitete Projekt wird in Partnerschaft mit der Gemeinde Lau­sanne durchgeführt, die für die städtebauliche Entwicklung verantwortlich ist. Im Rahmen des Projekts wird bis 2020 ein Teilnutzungsplan erstellt, auf dessen Grundlage die Modalitäten für einen Architekturwettbewerb ausgearbeitet werden. Um die Planung nicht allein den ­Investoren zu überlassen, wird die Projektentwicklung von Anwohnern und Vertretern der Zivilgesellschaft begleitet, die von dem Projekt betroffen sind. 2017 wurden drei Workshops organisiert, zu denen sich auch Bewohner und interessierte Personen anmelden konnten. Ziel dieser Veranstaltungen war es, die Erwartungen der Lausanner bezüglich der im Quartier anzusiedelnden Dienstleistungen zu definieren, aber auch die Art der öffentlichen Räume, die sie sich wünschen.

So drehten sich die Diskussionen vorwiegend um das Erdgeschossnutzungen von La Rasude und behandelten Fragen zu Bepflanzung, zu den Geschäften und zur allgemeinen Durchlässigkeit der künftigen Lebensräume. Auch wenn nicht alle Ideen berücksichtigt werden können, ist es gemäss Natacha Litzistorf das Ziel, «an einem Programm zu arbeiten, das eine Identität des Quartiers hervorbringt»,2 und für Transparenz bezüglich der getroffenen Entscheidungen zu sorgen.

Auf der Grundlage dieser Diskussionen konnte eine erste Fassung des Teilnutzungsplans erstellt werden, die von Fachleuten für bebaute Umwelt und Landschaft überarbeitet wurde. Das Programm von La Rasude umfasst 65 % Büros, 20 % Wohnungen und 8 % Hotels, während die verbleibenden 7 % mit Geschäften und Restaurants auf den Freizeitbereich entfallen. Der recht geringe Anteil der Wohnungen ist durch Sachzwänge am Standort bedingt, insbesondere durch die Eidgenössischen Verordnungen über den Schutz vor Störfällen und Lärm. Ein Schwerpunkt liegt auf ­der 24-Stunden-Qualität des Quartiers: Die Gemeinde unterstreicht, dass ein Quartier entstehen soll, in dem man gleichermassen gut am Tag und in der Nacht leben kann, wie etwa im Flon. 

Verdichtung: zwischen internationaler und lokaler Ebene

Einerseits will man also durch ein Quartier, das auf Verdichtung setzt, die globale Ebene erreichen, andererseits möchte man einen angenehmen Lebensraum auf lokaler Ebene schaffen. Dazwischen sind die Akteure der Baustelle von La Rasude mit Fragen konfrontiert, die auf den ersten Blick gegensätzlich erscheinen.

Den 2015 durchgeführten Studienauftrag konnte das Genfer Büro Eric Maria architectes associés mit seinem Projekt «Echappées» für sich entscheiden. Es umfasst sechs Gebäude, von denen drei bereits bestehen, nämlich die beiden alten Gebäude in der Avenue de la Gare und der Häuserblock Horizon in der Avenue d’Ouchy. Die künftigen Gebäude setzen allerdings auf eine recht grosse Bauhöhe (wenngleich sie die Höhe des nahe gelegenen Turms Edipresse nicht überschreiten), um grosszügige öffentliche Räume zu schaffen. Nach Gesprächen mit der Gemeinde haben die Eigentümer ihre Ziele jedoch zurückgeschraubt. So wurde das Gebäude gegenüber dem Bahnhof von 17 auf 13 Stockwerke verkleinert. Auch wenn die endgültigen Bauvolumen noch nicht definitiv festgelegt sind, lassen Modelle und Computergrafiken vermuten, dass die Gebäude durch zahlreiche Niveauunterschiede gegliedert sein werden.

Zudem setzt der Studienauftrag auf mehrere strukturierende öffentliche Plätze. Deren Flächen entsprechen in etwa jenen von anderen Plätzen in Lau­sanne – obwohl die Proportionen der umgebenden Gebäude unterschiedlich sind und damit die Florentiner Regel der Projektion der Fassade auf den vor ihr liegenden Platz infrage gestellt ist. So wird beispielweise der frühere interne Weg der Post zur Avenue Rasude. Des Weiteren werden drei kleine Plätze gebaut: der Bahnhofplatz mit einer Fläche, die in etwa jener der Place Arlaud entspricht, die mit der Place de la Palud vergleichbare Place de La Rasude und die Esplanade jardin, die wie der Parc de la Brouette auf einem Gebäudedach liegen wird, was die Gleise weiter weg erscheinen lässt und einen ungehinderten Blick auf die Berge erlaubt.

Wenn die SBB Städte bauen

Isaac Joseph sagte in seinem 1999 veröffentlichten Werk «Villes en gares», dass man «die Verkehrsunternehmen daran erinnern muss, dass sie oft Bahnhöfe ­gebaut und dabei die Stadt vergessen ­haben».3 Die Worte des französischen ­Soziologen sind tief in das kollektive ­Unterbewusstsein eingedrungen und ­haben dort ein Echo erzeugt. Zwischen Einkaufs­zentrum und neuem kulturellen Anziehungspunkt wie La Rasude sucht der Bahnhof über eine zunehmend horizontale Urbanität nach seiner Rolle. 

Die SBB versuchen heute nicht mehr Bahnhöfe zu bauen, sondern Städte. Als fragmentierte Urbanität gestalten sie Lebensräume, die alle menschlichen Aktivitäten beherbergen können: Schlafen, Essen, Arbeiten, Kultur geniessen, Einkaufen.

Anmerkungen

  1. www.la-rasude.ch/#acteurs; abgerufen am 26. März 2018.
  2. www.24heures.ch/vaud-regions/lausannois-consultes-futur-gare/story/21903258; abgerufen am 26. März 2018.
  3. Isaac Joseph, «Villes en gares». Editions de l’Aube, Saint-Etienne 1999, S. 10.

Facts  &  Figures


Planungsverfahren
Studienauftrag und Beteiligung der Bevölkerung


Arealgrösse
20 000 m2 (zwei Parzellen, im Besitz der SBB und der Immobilien-Investmentgesellschaft Mobimo)


Nutzung
± 15 % Wohnungen
± 10 % Retail
± 10 % Hotel
± 65 % Dienstleistungen (Büros)


Ausnutzungsziffer
3.65


Planungsschritte
2015: Studienauftrag
2016: Ergebnisse Studienauftrag
2017: Ausarbeitung Quartierplan und Vernehmlassung
2020: voraussichtlicher Baubeginn
2022: Einzug der ersten Bewohner


Teilnehmer Studienauftrag 
Caruso St John Architects, Zurich / London
EMA architectes associés, Genève
Made in, Genève
Wiel Arets, Amsterdam
Richter • Dahl Rocha & Associés, Lausanne
Graber Pulver, Zürich (2. Runde)
Hosoya Schäfer, Zürich (2. Runde)
MVRDV, Rotterdam (2. Runde)


Weiterbearbeitung
EMA architectes associés, Genève 

Fachjury
Bruno Marchand, Lausanne; 
Kees Christiaanse, Zürich;
Emmanuel Ventura, Lausanne;
Christine Thibaud-Zingg, Yverdon-les-Bains;
Dominique Salathé, Basel


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