Zwei neue Sicht­wei­sen auf die Al­pen

Mehr als Landschaft, Sportstätte, Sehnsuchtsort: Zwei neue Publikationen werfen einen unkonventionellen Blick auf die Alpen und die Gletscher, die sie formten.

Publikationsdatum
06-02-2024


Fest, Flüssig, Biotisch


Die Alpen ein Organismus? So lautet der Titel des Vorworts des Buchs. Seine Organe wären Wasser, Geologie, Eis, Steine und Pflanzen. Aber das wird dem uralten Massiv nicht gerecht – sein Körper umfasst auch Zeit, Geschichte, Kultur und Technik.

Das Buch spannt ein überraschendes und manchmal abstraktes Spektrum auf: So eine Wanderung von Glattfelden zum Tödi, auf der Suche nach den Spuren des vergangenen Gletschers. Ein anderer Aufsatz geht dem Reiseverlauf erratischer Blöcke nach und eröffnet uns ihre verborgenen Geschichten. Ein weiterer Beitrag erzählt von Moränen, und weshalb die Erklärung ihrer Entstehung mit Querelen unter Wissenschaftlern zu tun hat. Oder wir erfahren, wie die Lärche in die Schweiz kam und die Palmen ins Tessin.

Der Reiz des Buchs besteht darin, dass es wissenschaftliche Themen, Kunst oder Geschichte in unterschiedlichen Erzählweisen vereint. Man erfährt viele bereichernde Dinge über die Alpen. Aber vor allem erkennt man, wieviel man nicht weiss.

Thomas Kissling (Hg.), Fest, Flüssig, Biotisch. Alpine Landschaften im Wandel. Essays von Conradin A. Burga, M. Ritter, G. Vogt, R. Weingartner; verlag 2021, Design: Integral Lars Müller; 16.5 × 24 cm, 208 Seiten, 240 Illustrationen, ISBN 978-3-03778-690-1, 35.– Franken


The glacier is a being – eine visuelle Erkundung von Gletscher


Der Bildband des Schweizer Fotografen Julian Stettler untersucht die vielfältigen Ausdrucksformen der Gletscher, die unterschiedlichen Formen und Farben, die sie annehmen, wie sie ihre Umgebung beeinflussen und wie sie mit ihr verschmelzen. Stettlers künstlerische Fotografien zeigen Gletscher zudem in überraschenden Beziehungen zu Poesie und Wissenschaft.

Julian Stettler betrachtet die Gletscher als lebendige Wesen, als aktive Protagonisten im Netz der Realität. Gletscher entstehen aus der ständigen Metamorphose von Schnee zu Eis. Sie sind einzigartig dynamisch, zähflüssig und spröde zugleich. Aus menschlicher Sicht können wir immer nur Ausschnitte von ihnen wahrnehmen, sie existieren in einer anderen Zeitdimension, die so anders ist, dass sie sich dem menschlichen Verständnis entzieht.

In Zeiten der Klimaerwärmung entstehen durch den Rückzug der Gletscher neue Landschaften, vor allem in alpinen und hochalpinen Gebieten. Gletscherseen, alpine Auen, Schotter- und Geröllfelder prägen die neue Landschaft dieser postglazialen Naturräume. Auf diese ökologisch und landschaftlich wertvollen Naturräume richten sich unterschiedliche Interessen wie Wasserkraftnutzung und -speicherung, Erholung und Tourismus, aber auch die Interessen des Natur- und Landschaftsschutzes. Es geht um das Spannungsfeld zwischen Schutz und Nutzung und um den Wertekonflikt verschiedener Interessen. Der faszinierende Bildband ermöglicht einen neuen Zugang zum Thema Gletscher und zum Landschaftsschutz in Gletschergebieten.

Der Hauptteil des Buches enthält 90 abstrakte Gletscherfotos sowie ein 14-seitiges Gedicht der amerikanischen Dichterin, Künstlerin und Schriftstellerin Daniela Naomi Molnar. Darüber hinaus sind drei Texte der Journalistin, Literaturwissenschaftlerin und Dichterin Anne-Sophie Balzer, des Landschaftsarchitekten Gian-Luca Kämpfen und des Mikrobiologen David Touchette Teil des Buchs. Alle Texte sind in englischer Sprache.

Julian Stettler: The Glacier is a being. Eine visuelle Erkundung von Gletschern. Sturm & Drang Publishers, Zürich 2023. 144 Seiten, 90 Fotos, ISBN 978-3-906822-51-8. 48.– Franken

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