Mit Le­go, Mine­craft und KI zum Opern­haus der Zu­kunft

«Zukunft Oper», Zürich

Mit einem Architekturwettbewerb für Jugendliche lud das Opernhaus Zürich Schüler und Schülerinnen dazu ein, Ideen für die Erweiterung des historischen Opernhauses zu entwickeln. Diese Wettbewerbsform bot den Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit Baukultur auseinanderzusetzen, und macht gleichzeitig deren räumliche Wünsche sichtbar. 

Publikationsdatum
09-07-2026

Seit einigen Jahren tüftelt das Opernhaus Zürich an einer baulichen Erweiterung. Es veranstaltete dafür Digital Lectures zu «Kulturbauten der Zukunft», führte ein Dialogverfahren mit Bevölkerung und Personen aus wichtigen Institutionen durch, beauftragte Machbarkeitsstudien1 und realisierte einen temporären Holzbau auf dem Dach des jetzigen Anbaus, um die grösste Raumnot zu überbrücken 

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel zum temporären Holzbau.

Im Herbst 2025 schrieb das Opernhaus Zürich zuletzt einen Architekturwettbewerb für Jugendliche aus. Die Kinder der Zürcher Schulen sollten Visionen für einen neuen Erweiterungsbau neben dem historischen Altbau von Fellner & Helmer aus dem Jahr 1891 entwickeln. Dieser würde den heutigen Anbau – den 1984 von Claude Paillard fertiggestellten «Fleischkäse» – ersetzen. 

Für einen von drei thematischen Schwerpunkten (Dachterrasse, Innen- oder Begegnungsraum und städtebauliche Transformation) sollten die Kinder Ideen entwickeln. Anders als bei professionellen Architekturwettbewerben ging es nicht um eine funktionale Auseinandersetzung mit dem Raumprogramm, sondern um Ideen für neue Funktionen und Bilder für die Erscheinung im Stadtraum. Entstanden sind teils abstrakte, teils konkrete Entwürfe, die die Vorstellungen der Jugendlichen für ein offenes Opernhaus zeigen. Im besten Fall fliessen Teile davon in das Raumprogramm des internationalen Wettbewerbs ein, der für Ende 2026 geplant ist. 

Baukulturelle Bildung

Da Architektur nicht Bestandteil des schulischen Lehrplans ist, war der Wettbewerb eine hervorragende Gelegenheit für Schüler und Schülerinnen der Stadt Zürich, sich mit Baukultur auseinanderzusetzen und die eigenen Vorstellungen von Raum zu schärfen und auszudrücken. Als Grundlage erhielten die Kinder und Lehrpersonen einen Flyer mit den wichtigsten Rahmenbedingungen, wie geschichtlichem Hintergrund, Grundinformationen zum Projekt «Zukunft Oper», also warum das Opernhaus einen neuen Anbau benötigt, und anderen Opernhäusern zur Inspiration.

Bei diesen Referenzen handelte es sich um die grossen, und bekannten westlichen Kultur-Flaggschiffe, wie die Elbphilharmonie, das Opernhaus Oslo, das Oodi in Helsinki oder das Guggenheim-Museum. Zu diesen gesellten sich noch die Sendai Mediatheque in Japan von Toyo Ito, der Hikma Community Complex in Niger von Mariam Issoufou und Yasaman Esmaili sowie das Generationenhaus in Bern von Joseph Abeille. Die Auswahl der Bauten verdeutlicht die gängigen Erwartungen an Kulturbauten: viel Spektakel, ein bisschen Geschichte und eine Prise Soziales. Da sie zur Orientierung für die Wettbewerbsteilnehmenden diente, war die Projektauswahl enorm wichtig. Denn weder Kinder noch Lehrpersonen verfügen in der Regel über ein umfangreiches Hintergrundwissen zum Thema Kulturbauten.

Wer weiss zum Beispiel, dass in Hamburg das Theater- und Produktionshaus Kampnagel aktuell von Lacaton Vassel unter dem Motto «Keep, Repair, Add» umgebaut wird? Mit diesem Projekt hätte man die Kinder auch an das Thema Bestandserhalt heranführen können. Doch der Fokus der ausgewählten Beispiele lag woanders. So erstaunt es auch nicht, dass man die Gestaltungselemente der Referenzen in den KI-generierten Bildern der Jugendlichen wiederfindet. Geschwungene Formen, Glas, Sonnenuntergangsstimmung ahmen die ikonischen Bilder der Bauwerke nach. Doch abgesehen von der oberflächlichen Auswahl der Referenzen war dieser Wettbewerb bereichernd. Die Kinder konnten den Prozess des Entwerfens erlernen, der gleich wie im Architektinnenalltag über Analysen, Skizzen und Modelle führte. 

Ideensammlung 

Die Kinder präsentierten handgefertigte, bunte Modelle aus verschiedensten Materialien. Sie bastelten mit Karton, bedruckten und bemalten Papier, vernähten Stoffe und Pailletten, entfremdeten Dekorationselemente für Bäume, Schirmchen oder Rasen und schöpften das handwerkliche Spektrum vollumfänglich aus. Die Bandbreite der Ideen war riesig. Sie reichte von kleinen, intimen Wohlfühlräumen bis hin zu grossen, öffentlichen Dachterrassen, einige auch mit Verbindung zur Uferpromenade.

Sie begrünten ihren Terrassenentwurf und schufen Inseln zum Aufhalten. So entstanden Räume zum «Chillen», Hausaufgaben machen oder eine öffentliche Kletterhalle als Dritter Ort (= Begegnungsraum). Ein Duo gestaltete mithilfe von Minecraft eine nachhaltige Terrasse bestehend aus CO2-speicherndem Beton und feuerresistentem Holz inklusive Fassadenbegrünung und Hochbeeten.

The winners are…

Am 15. März 2026 überreichte das Opernhaus Zürich feierlich die Preise. Aufgeregte Kinder, stolze Eltern, noch stolzere Lehrpersonen kamen dafür in die baugewerbliche Berufsfachschule, in der die rund 350 eingereichten Entwürfe ausgestellt waren. Die Jury übergab die Preise in einer feierlichen Zeremonie inklusive Arie einer Opernsängerin und viel Trommelwirbel. Pro Preis gab es Fr. 500.–, ausserdem erhielten alle eine Urkunde und eine Einladung zu einer Opernprobe. 

In der Altersgruppe der 10- bis 12-Jährigen gewannen Emma und Claire mit einer abstrakten Raumanordnung, die über und über mit verschiedenen Stoffen und Bordüren bespannt war. Die Jury lobte «die architektonische Umkehrung, also dass das Innere nach aussen gestülpt wurde». In der Altersgruppe der 13- bis 15-Jährigen erhielt eine ganze Klasse der Schule Aemtler B den Preis. Die Kinder der dritten Sekundarklasse kreierten nicht nur einen Raum, sondern auch eine ganze Geschichte dazu, die sie in einem Leporello festhielten. Die Jury würdigte «die spriessende Kreativität und die ästhetische Umsetzung».

Sehen Sie hier alle Arbeiten in der Online-Ausstellung.

Die Gewinner in der Altersklasse 16 bis 18 Jahre entwarfen ein «schwebendes Forum». Es ist ein offener Anbau an den historischen Altbau. Arthur und Oskar, Schüler der Kantonsschule Zürich Nord, begeisterten die Jury mit der architektonischen Formensprache, der Aufenthaltsqualität und der gelungenen Einbeziehung des Sechseläutenplatzes. Der Publikumspreis ging mit 491 Stimmen an Joe, Noel und Marc von der BBZ mit ihrem Entwurf «die Welle». Der amorphe Baukörper schmiegt sich an den Altbau und schlägt eine Brücke über den Utoquai. Visualisiert mit Skizzen, Gipsmodell, Innenraumperspektive und Ansicht zeugt die Präsentation von ausgeprägter Darstellungskompetenz.

Zukunft am Opernhaus

Dass dieser Wettbewerb viel Spass bereitet hat, dürften Schüler und Schülerinnen, Lehrpersonen, aber auch die Jury bestätigen. In diesem Altersspektrum Ideen zu bewerten, ist dennoch eine nicht alltägliche Aufgabe und erfordert eine grosse Offenheit. Denn die Kinder drücken ihre Ideen anders aus als routinierte Architekten und Architektinnen. Aber sie haben eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten verdient, nicht nur weil sie viel Zeit im Unterricht, in Ferienkursen und ihrer Freizeit investiert haben. Sondern auch, weil sie die künftigen Erwachsenen sind, die womöglich diesen Ort in Zukunft nutzen werden. 

Über 700 Kinder nahmen an dem Wettbewerb teil. Zählt man die Eltern und Lehrpersonen dazu, erreichte das Opernhaus mit dieser Veranstaltung einen beachtlichen Teil der Zürcher Stadtbevölkerung und machte sie auf die bevorstehende Transformation und deren Dringlichkeit aufmerksam. Der nächste Schritt wird der für 2026/2027 angekündigte international ausgeschriebene Wettbewerb sein. Spannend wird der Umfang des Raumprogramms, denn die städtebauliche Kubatur an diesem Ort scheidet die Geister.

Aus der Machbarkeitsstudie von BHSF Architekten geht hervor, dass es sich um ein bedeutend grösseres Volumen als der denkmalgeschützte Altbau handeln wird. Die Gebäudegrösse war schon bei der letzten Erweiterung 1984 der zentrale Streitpunkt und zwängte den Anbau letztlich in ein enges Korsett mit grossem unterirdischem Volumen. Ein schwieriges Thema, mit dem sich die Kinder zum Glück nicht auseinandersetzen mussten. Und so wirken die Ideen der Schüler und Schülerinnen fröhlich und unbeschwert und auch die Jury muss für einmal nicht an Quadrat­meter, Kosten und Bilanzen denken. 

"Zukunft Oper", Zürich
Architekturwettbewerb Sechseläutenplatz für Jugendliche 

 

Hauptpreis Kategorie 1 (10–12 Jahre): 091 Emma und Claire
 

Hauptpreis Kategorie 2 (13–15 Jahre): 288 Aemtler B, 3. Sek


Hauptpreis Kategorie 3 (16–18 Jahre): 305 Arthur und Oscar, Schwebendes Forum


Publikumspreis mit 491 Stimmen: 415 Joel, Noe und Marc: Die Welle
 

Jury

Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung Stadt Zürich; Manuela Leonhard, Content Creatorin und Markenbotschafterin; Beat Pahud, Amtschef Hochbauamt Kanton Zürich und Kantonsbaumeister; Heinz Schlegel, Rektor BBZ; Michael Volle, Opernsänger; Sebastian Bogatu, Technischer Direktor Opernhaus Zürich; Peter Wuffli, Präsident Stiftung Zukunft Opernhaus sowie Mitglied des Verwaltungsrats der Opernhaus Zürich AG; Matthias Schulz, Intendant Opernhaus Zürich
 

Veranstalterin

Stiftung Zukunft Opernhaus Zürich 

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