Ei­ne Was­ser­kas­ka­de aus dem Wol­ken­Werk

Praxisbeispiel – Entwässerung

Selbst Hochhäuser finden Halt in einer kühlenden Schwammstadt: Wie das funktioniert, zeigt eine Grossüberbauung in Zürich-Nord.

Publikationsdatum
15-06-2022

Das «WolkenWerk», zehn Gehminuten vom Bahnhof Zürich Oerlikon entfernt, ist ein Hochhaustrio mit gemeinsamem Sockel und weitflächiger, üppig bepflanzter, Umgebung. Den Fuss der 70 m hohen Bauriesen säumt eine urbane Vorzone mit einer Allee aus Blauglockenbäumen entlang der Hauptstrasse und eine abwechslungsreiche Baum- und Strauchvegetation an der Rückseite. Letztere ist Teil des «Inneren Gartens Leutschenbach», der dem dynamischen Quartier einen grünen Faden gibt.

Die Bepflanzung rund um das WolkenWerk ist klimaresistent und trockenheitsliebend gewählt, nicht ohne selbst das Standortklima – dank der Beschattung und der Verdunstung – verbessern zu  können. Demselben Zweck dient auch die Entwässerung auf dieser Parzelle, wobei der vertikale Fluss des Regenwassers einen ungewöhnlichen Verlauf nimmt und gelegentlich sogar davon abweichen darf.

Er beginnt auf den begrünten Dächern der drei Hochhäuser und endet im gemeinsamen Untergeschoss: Hier befindet sich eine Kaverne für die Wasserrückhaltung, die ihrerseits mit der Kanalisation verbunden ist. Zwischen oben und unten ist jedoch eine Wasserkaskade eingebaut, die den Abfluss verzögert und zur Bewässerung der Dachgärten auf den Hochhäusern und dem Sockel beiträgt. Das hydraulische System dosiert den Dachabfluss derart, dass das Wasser nach starkem Regen erst zwei Wochen später unten ankommt.

Ein Stausystem im Dachgarten

Und so funktioniert der regulierte Ablauf: Meteorwasser fliesst von den Hochhausdächern über Fassadenrinnen auf die Sockelbauten. Es bewässert die begehbaren Dachgärten, indem es das bis zu 70 cm mächtige Bodensubstrat tränkt. Mehrere Überläufe ergänzen dieses Stausystem, sodass das Regenwasser auch die letzte Höhenstufe kontrolliert überwinden kann. Rinnen an den Fassaden und in der begrünten Umgebung leiten es in einen schmetterlingsförmigen Teich auf der Rückseite der Grossüberbauung ein. Die bepflanzten Uferzonen sind zum einen ein grosszügiger Aufenthaltsbereich; zum anderen ist das Gelände so trichterförmig modelliert, dass das Teichwasser gefahrlos über die eigenen Ufer treten kann.

Mehrere Überläufe sorgen für zusätzliche Sicherheit: Ein erster leitet das Wasser in die unterirdische Kaverne unter dem WolkenWerk; der zweite kommt ins Spiel, wenn ein 100-jähriges Starkregenereignis eintritt. Dann wird so viel Wasser wie möglich am Rand der Parzelle zum Strassenraum und zu den dortigen Abflüssen in die Kanalisation geführt. Das oberirdische Rückhaltevolumen beträgt 280 m³, was in etwa sechs Tanklastwagen entspricht.

Wildsträucher ohne Humus

Eine Konzession an die Gestaltung haben die Umgebungsplaner – Wasserbauingenieure und Landschaftsarchitekten – verlangt. Der Teich hinter dem WolkenWerk ist ständig mit Wasser gefüllt. Fällt nicht genügend Meteorwasser an, wird er notfalls mit Frischwasser aufgefüllt.

Auch die Bepflanzung der Dachgärten, ganz oben auf den Hochhäusern und der Sockelterrasse, ist ein Sonderfall. Das Blattwerk der ausgewählten Vegetation soll seinerseits für Schatten sorgen, damit das Wurzelsubstrat nicht zu schnell austrocknet. Der Boden enthält jedoch keinen Humus, um die Gebäudestatik nicht zusätzlich zu belasten. Nährstoffe werden dennoch unmittelbar beim Verrotten der abgefallenen Blätter wieder zugeführt.

Das Entwässerungssystem erfüllt die Anforderungen an eine Schwammstadt: Möglichst viel Meteorwasser versickert und verdunstet vor Ort. Das ist unter anderem der Behaglichkeit im Aussenraum förderlich. Dank dem verzögerten Abfluss wird zusätzlich auch die öffentliche Abwasserinfrastruktur geschont. Die Kapazitätsreserven für Spitzenabflüsse lassen sich dadurch langfristig reduzieren.

Das Entwässerungskonzept wurde von den Planenden und der Bauherrschaft freiwillig entwickelt, Jahre bevor hitzemindernde Massnahmen ein städtebauliches Must-Thema wurden. Insofern kann es heute schon veranschaulichen, wie man Klimaanpassung und natürliche Vielfalt in einer Stadt am besten kombiniert.

Projektdaten
Bauherrschaft
Leutschenbach AG / Nyffenegger Immobilien

 

Landschaftsarchitektur
mavo Landschaften, Zürich

 

Wasserbau
Staubli Kurath & Partner, Zürich

 

Beratung Vegetation
Axel Heinrich, Forschungsgruppe Pflanzenverwendung ZHAW

 

Realisierung
Sommer 2017–Herbst 2021

-> Zum Hauptartikel «Weniger Hitze in der Stadt – Ein Paradigmenwechsel für den Städtebau»

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft «Hitzeminderung».

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