Tem­po­rär be­grünt mit Hy­gro­s­kin

Grünräume auch auf versiegelten Flächen verbessern das Stadtklima und erhöhen die Biodiversität. In Luzern werden darum derzeit nach dem flexiblen Prinzip Hygroskin temporäre Grünräume realisiert. Wie das funktioniert, erklären Timur Babacanli von Stadtgrün Luzern und Stadtplaner Ben Pohl. 

Publikationsdatum
18-12-2025

«Hygroskin» ist ein autarkes und skalierbares Schwammstadtmodul. Sie ermöglicht Begrünungen auf urbanen Flächen, die aus technischen oder planungsbedingten Gründen nicht entsiegelt werden können und lässt sich flexibel an örtliche Bedürfnisse anpassen. 

Entwickelt hat die Hygroskin das Basler Institut für angewandte Stadtforschung (B/IAS), um den Effekt städtischer Hitzeinseln durch kostengünstige, temporäre Begrünungsmassnahmen zu reduzieren und die Biodiversität zu fördern. Das aus den Pilotprojekten gewonnene Wissen zu Stadtklima und Biodiversität stellt B/IAS Kommunen und gemeinnützigen Eigentümerinnen und Eigentümern zur Verfügung. Der Verein wurde 2021 gegründet und ist eng mit einem interdisziplinären Netzwerk verbunden.


Ben Pohl, wie kam es zur Entwicklung von Hygroskin?

Ben Pohl: Die Klimaanpassung der Städte ist eine riesige Aufgabe, für die es das Engagement aller braucht – von Fachleuten, der Verwaltung, aber auch der Zivilgesellschaft. Planungsbedingt sind die Vorlaufzeiten zur Umsetzung von Massnahmen zur Hitzeminderung oder Biodiversitätsförderung sehr lang; wir benötigen darum auch schnellereAnsätze. Unser erstes Experimentierfeld war ein LKW-Parkplatz auf dem Basler Dreispitzareal, eine Hitzeinsel, die wir mit einfachen Massnahmen begrünt haben. Im Test haben wir während Hitzeperioden einen Temperaturunterschied zu den angrenzenden Flächen von 18 bis 25 °C gemessen. 


Hygroskin wird auf den Asphalt aufgebaut. Wäre es nicht viel besser, den Boden richtig zu entsiegeln?

Ben Pohl: Klar, eine Bodenentsiegelung bleibt die erste Wahl. Doch das ist aus verschiedenen Gründen nicht immer machbar. Auf dem Dreispitzareal liegen im Boden Leitungen, eine Entsiegelung wäre kurzfristig nicht bewältigbar gewesen. In Planungen gibt es zudem lange Übergangszeiten, in denen noch keine rechtskräftige Entscheidung zur künftigen Nutzung vorliegt und darum auch keine definitiven Massnahmen zur Hitzeminderung möglich sind. Die Hygroskin ist temporär, kann wenige Jahre überbrücken und als Pionier- oder Testfläche einer definitiven Begrünung den Weg ebnen. 


Timur Babacanli, wie wurde die Stadt Luzern auf die Hygroskin aufmerksam?

Timur Babacanli: Ein hiesiges Planungsbüro hat uns auf die Hygroskin aufmerksam gemacht. In Luzern haben wir verschiedene Möglichkeiten, Grünräume auch auf kleinen Flächen auf öffentlichem Grund zu schaffen, wie die Pop-up-Parks, die von Bewohnenden der Stadt Luzern beantragt werden können, oder mobile temporäre Begrünungen. Die Absicht, mehr Grün in die Stadt zu bringen, war mittels Klimaanpassungsstrategie in Luzern also bereits vorhanden. Für die Umsetzung mussten wir als ausführende Dienstabteilung aber ebenso wie private Bauherrschaften ein Bewilligungsverfahren durchlaufen.


Wo überall testet die Stadt Luzern die Hygroskin?

Timur Babacanli: Wir testen aktuell an drei Standorten mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Zwei sind in der Luzerner Neustadt, einer ist neben dem Kulturzentrum Neubad und einer entlang der Winkelriedstrasse. An beiden Standorten umfassen die begrünten Flächen rund 80 m2. Wobei es beim Neubad zwei grosse Beete sind und an der Winkelriedstrasse mehrere kleine Flächen mit geringerer Höhe, damit die Sicht der Verkehrsteilnehmenden gewährleistet bleibt. 

An beiden Standorten haben wir Parkplätze aufgehoben, um Platz für Grün freizumachen. An der Winkelriedstrasse konnten wir die Hygroskin in die einjährige Testphase für ein neues Mobilitätskonzept integrieren, bei der über 40 Parkplätze aufgehoben wurden. Ein dritter Standort ist auf der anderen Seeseite auf dem Schulhausplatz der Schule Mariahilf.


Wie ist die Hygroskin aufgebaut und bepflanzt?

Ben Pohl: Alle verwendeten Materialien sind einfach erhältlich und kostengünstig. Eine Schicht am Boden speichert Wasser und dient so zur Retention, eine fix installierte Bewässerung gibt es nicht. Wenn am Standort möglich, wird das Substrat 25 bis 60 cm hoch aufgeschüttet, so dass auch kleine Bäume oder Sträucher gepflanzt werden können. Die Pflanzen bilden Artengemeinschaften – mit Totholz, Sandlinsen oder Kies werden Lebensräume für Kleinlebewesen geschaffen. Wird eine Hygroskin wieder aufgehoben, lassen sich die Komponenten kompostieren oder wiederverwenden.


Wie sind die Erfahrungen der Stadt Luzern mit der Umsetzung der Hygroskin?

Timur Babacanli: Obwohl wir am Standort Neubad aus verfahrensbedingten Gründen mitten in einer Hitzeperiode anpflanzen mussten, ist alles gut angewachsen. Anfangs mussten wir mehr giessen, was wir aber einfach in die städtischen Abläufe integrieren konnten. An der Winkelriedstrasse haben wir den Holzrand der Beete teilweise als Sitzgelegenheit ausgebildet, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen.

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind positiv. Ich gehe davon aus, dass wir nach dem Abbau der Grünräume noch mehr Rückmeldungen erhalten – weil die Menschen die positiven Effekte vermissen werden.


Wie geht es mit der Hygroskin in Luzern und anderswo weiter?

Ben Pohl: Die Skalierung von Stadtklimaanpassungen gelingt am besten, wenn man Kommunen und ihre Ressourcen miteinbezieht. Mit B/IAS bündeln wir Wissen und Netzwerke, um sie breiter verfügbar zu machen. Das Ko:Lab der Hochschule Luzern begleitet dies mit Studierenden. Luzern leistet mit dem Monitoring und den messbaren Resultaten einen wichtigen Beitrag. Wir laden die Kommunen ein, sich dem Netzwerk anzuschliessen und zu schauen, wie sich Projekte wie die Hygroskin in ihre Strukturen integrieren lassen. Die Hygroskin ist ein Open-Source-Projekt.

Timur Babacanli: Es gibt noch viele urbane Flächen mit dem Potenzial zur Begrünung mit einer Hygroskin. Im Sinne einer SmartCity möchten wir die Feuchtigkeit der Bodenmatten mit Sensoren messen und so noch gezielter nur bei Bedarf giessen. Die Umsetzung von Hygroskin als essbarer Garten ist in Planung. Schön wäre es, künftig auch grössere Flächen nicht nur temporär zu begrünen, sondern sie auch gleichzeitig begehbar zu machen, zum Beispiel auf einem Schulhausplatz.

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