La Cit­tà del­la Mu­si­ca

Die Stadt Lugano hat die Liegenschaft der Radiotelevisione Svizzera (RSI) erworben, um dort verschiedene ­Institutionen zu einer «Stadt der Musik» ­zusammenzuführen. Das ­Nachwuchsbüro Architecture Club aus Basel ­entwickelt den ­denkmalgeschützten Bestand stringent weiter.

Publikationsdatum
03-04-2024

Umbau und Erweiterung «La Città della Musica», Lugano
Projektwettbewerb im selektiven Verfahren

Die drei jungen, vielversprechenden Architekten Alberto Camenzind, Augusto Jäggli und Rino Tami erhielten 1951 den Auftrag, in Lugano-Besso ein neues Radiostudio zu planen (Gebäude A). Die Entwicklung des Projekts war anspruchsvoll, da die drei Architekten erst lernen mussten, effizient zusammenzuarbeiten, und die Bauherrschaft immer wieder neue Bedürfnisse anmeldete. Noch während der Bauphase wurde 1959 ein Baugesuch für eine Erweiterung eingereicht, die später unter der Leitung von Alberto Camenzind realisiert wurde (Gebäude DR). Beide Bauten sind im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung eingetragen.

Für die «Stadt der Musik» hat die Stadt Lugano das Gebäude A erworben. Es wird der neue Sitz des Conservatorio della Svizzera italiana (CSI), das sich aus den Ausbildungsbereichen Musikschule, Pre-College und Hochschule für Musik zusammensetzt. Das Angebot der Musikschule richtet sich an alle Personen, die ein Instrument erlernen wollen. Das Pre-College verbindet die Musikschule mit der Hochschule für Musik und bereitet die Jugendlichen auf ein Studium vor. An der Hochschule werden Musikerinnen und Musiker aus 40 Ländern ausgebildet. ­Neben dem Konservatorium sollen auch das Orchester, die Barockmusiker, der Chor und die Musikabteilung des RSI am selben Standort zusammengeführt werden. Das direkt angrenzende Gebäude DR, das für die Schweizerische Nationalphonothek vorgesehen ist, war nicht Teil der Wettbewerbsaufgabe.

Das Raumprogramm des Erweiterungsbaus sieht einen neuen Probesaal vor, der zum Herzstück der «Stadt der Musik» werden soll. Er dient aber nicht nur als Probebühne, sondern bietet auch Platz für Konzerte mit einem Publikum von bis zu 300 Personen. Der Saal wird nach dem Weinberg-Prinzip gestaltet, bei dem sich die Bühne in der Mitte des Konzertsaals befindet und die Zuhörerplätze terrassenförmig darum herum angeordnet sind. Ergänzt wird der Raum durch zwei Säle für Chor, Unterricht und weitere Proben. Im Bestand sind unterschiedliche Musik- und Theorieräume, die Verwaltung, Mediathek und Bibliothek, die Mensa sowie das bestehende «Auditorio Stelio Molo» untergebracht. Um verschiedene Lösungsansätze für die knifflige Aufgabe zu erhalten, hat die Stadt Lugano einen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren ausgeschrieben. Es wurden zwölf interdisziplinäre Teams für die Teilnahme am Wettbewerb ausgewählt, darunter zwei junge Büros.

Konföderation der Volumen

Der Beitrag «Pussar» des Nachwuchsbüros Architecture Club gewann den ersten Preis und wurde von der Jury zur Weiterbearbeitung empfohlen. Er ergänzt die bestehende Anlage mit zwei Neubauten, die den Eingangsbereich flankieren. Durch die einheitliche Materialisierung in Klinker gehen Alt und Neu eine selbstverständliche Verbindung ein.

Im ersten, sechseckigen Volumen sind der Probesaal und die beiden zusätzlichen Säle übereinandergestapelt und werden damit zum neuen Wahrzeichen des gesamten Campus. Im Erdgeschoss ist der monolithische Baukörper aufgeschnitten und verbindet das Foyer mit dem Eingangsbereich sowie dem Park. Durch den horizontalen Schlitz fällt natürliches Licht in den im Erdreich versenkten Probesaal. Im Gegensatz zur äusseren geometrischen und rohen Gestalt wirkt der Innenraum mit den holzverkleideten, organisch geformten Balkonen weich und fliessend. Akustik und Licht können variiert werden – der Probesaal ist musikalisches Laboratorium und Experimentierbühne.

Im zweiten, auf der Form eines flachen Trapezes aufgebauten Gebäudeflügel sind die Unterrichts- und Proberäume untergebracht. Der Teil ist durch das Archiv der Nationalphonothek und eine Autoeinstellhalle unterirdisch mit dem Gebäude DR verbunden. Durch die Verbannung der Autos in den Untergrund entsteht eine grosszügige Grünfläche mit angelegter Blumenwiese, auf die sich die neue Cafeteria ausrichtet. Die lärmintensiven Unterrichtsräume für Schlagzeug oder Musik und Bewegung sind unterirdisch angeordnet, die normalen Proberäume befinden sich im Obergeschoss.

Zum Thema Nachhaltigkeit gibt das Siegerprojekt einige interessante Denkanstösse: Es setzt auf eine Kombination von natürlicher und künstlicher Belichtung und Belüftung. Viele Räume verfügen über Tageslicht, das teilweise über Licht­röhren in die unterirdischen Räume gelangt. Die Frisch­luft wird mit einem Erdregister temperiert. Es kommt eine pulsierende Lüftung mit dezentralen Geräten zum Einsatz, bei der die Luft abwechselnd aus dem Gebäude hinaus- und wieder hineingeführt wird. Über Öffnungen mit akustischen Absorbern können die Räume natürlich belüftet werden. Photo­­voltaik­ele­men­­te und eine Wärmepumpe mit Erdsonde liefern Strom, Wärme und Kälte. Mit der Zeit soll die positive Energiebilanz sogar den CO2-Verbrauch während der Bauphase kompensieren können.

Offene Herzen und geometrische Prinzipien

Das mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Projekt «Cuore» des Teams von Francisco Aires Mateus Arquitectos aus Lissabon versucht die neuen Räume in einem einzigen amorphen Solitär im Osten des Bestands unterzubringen. Dadurch bleibt im Westen ein grosszügiger Bereich für den Park und ein respektvoller Abstand zum Gebäude DR. Doch leider kollidiert dieser Ansatz mit dem komplexen und üppig dimensionierten Raumprogramm: Die Folge sind enge Innenräume und labyrinthische Verkehrswege. Auch eine Vergrösserung des vorgeschlagenen Volumens stellt keine Lösung dar, da dies die Frei­flächen stark beeinträchtigen würde und die unterirdische Anordnung der Unterrichtsräume nicht wünschenswert ist. Die einseitige Ausrichtung auf den Innenhof wirkt sich nachteilig auf die Geometrie und die Funktionalität aus. Der Hauptzugang zum denkmalgeschützten Gebäude und damit zum Konservatorium wird zum Nebeneingang. Zusammen mit den fehlenden Überlegungen zur Nachhaltigkeit reichte es für «Cuore» nicht für den Sieg.

Im drittplatzierten Beitrag «Sinfonia» bringen Christ & Gantenbein das umfangreiche Raumprogramm wie das Siegerteam in zwei getrennten Neubauten unter: im Westen die Unterrichtsräume, im Osten der Probesaal. Der Entwurf minimiert zwar den Aushub mit einem kleinen unterirdischen Volumen, doch der dadurch beengte Aussenraum kann nicht überzeugen. Während die Anordnung das denkmalgeschützte Ge­bäude A respektiert, rückt der Neubau mit dem Probesaal zu nahe an das Gebäude DR heran und degradiert den zukünftigen Standort des Tonarchivs zum Anhängsel. Die geometrische Anlage mit zwei orthogonalen Bauten harmoniert nicht mit dem Bestand und erweist sich als zu starr und raum­greifend.

Der Beitrag «Pussar» löst die schwierige Aufgabe mit den beiden neuen, geschickt abgefasten und präzise eingefügten Baukörpern am besten: Das Amalgam von Alt und Neu wirkt selbstverständlich und die Aussenräume überzeugen. Den Auftakt bildet die «Agora», die dann in einen grosszügigen Park mit einem Amphitheater hinter dem Probesaal und einem Teich im Süden des Areals übergeht. Die grüne Oase bietet der Quartierbevölkerung einen Mehrwert und ermöglicht auch Veranstaltungen und Konzerte unter freiem Himmel.

-> Jurybericht und Pläne auf competitions.espazium.ch.

Teilnehmende

1. Rang, 1. Preis: «Pussar»
Architecture Club, Basel; WMM Inge­nieure, Münchenstein; WSDG, Basel; Amstein + Walthert, Zürich; Tecnopro­getti, Camorino; Chaves Biedermann, Basel; Gruner, Basel
2. Rang, 2. Preis: «Cuore»
Francisco Aires Mateus Arquitectos, Lissabon; Lopes Brenna, Chiasso; Ingegnere civile Proafa – Serviços de Engenharia, Vila Nova Gaia (P); Kahle Acoustics, Brüssel; EcoControl, Locarno; Proap – Est.e proj. De arq. Paisagistica Lda, Lissabon; CISPI, Paradiso
3. Rang, 3. Preis: «Sinfonia»
Christ & Gantenbein, Basel; Lüchinger + Meyer Bau­ingenieure, Zürich; Kuster + Partner, Lachen; IBG Engineering, Winterthur; eicher + pauli, Liestal; Ehrsam Bauphysik, Pratteln; Maurus Schifferli Landschaftsarchitekt, Bern; RISAM / Risk & Safety Management, Basel
4. Rang, 4. Preis: «Eugénie»
Gmp International, Berlin; Studio di architettura e pianificazione Guscetti, Minusio; Ingeni, Zürich; Müller-­BBM Building Solutions, Planegg (D); Tecnoprogetti, Camorino; Erisel, Bellinzona; Officina del Paesaggio, Lugano
5. Rang, 5. Preis: «Risonanze»
Fres Architectes Lab, Thônex; T ingé­niere, Genf; Kahle Acoustics, Brüssel; srg/engineering Ingé­nieurs-Conseils Scherler, Genf; IFEC Ingegneria, Rivera; Altitude 35, Saint-­Denis (F)
6. Rang, 6. Preis: «4'33"»
Studio Carlana Mezzalira Pentimalli, Treviso (I); Monotti Ingegneri Consulenti, Locarno; IFEC Ingegneria, Rivera; Kamber architettura del paesaggio, Maggia

Fachjury

Mia Hägg, Architektin; Martin Boesch, Architekt; Mathias Müller, Architekt; Melanie Stocker, Architektin; Gianfranco Bronzini, Bauingenieur

Sachjury

Ina Piattini Pelloni, Präsi­dentin Fonda­zione CSI; Gino Boila, Architekt, Stadt Lugano; Christoph Brenner, ­Generaldirektor CSI; ­Christophe Patthey, Architekt, Portfoliomanager BBL; Michael Kaufmann, Inge­nieur (Ersatz)

Jean-Pierre Wymann ist Architekt ETH SIA BSA mit eigenem Architekturbüro in Basel. Er ist in den Bereichen Wohnungs­bau, Bildungs- und Gesund­heits­wesen tätig.