Fa­cet­ten Is­lers Er­bes

Heinz Isler hinterliess über tausend Schalenbauten aus Beton und Kunststoff. Sie entstanden für unterschiedlichste Nutzungen und spiegeln die Bandbreite seines Schaffens wider. Die folgenden Beispiele erheben deshalb keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr stehen sie exemplarisch für unterschiedliche Fragestellungen, die sich im Umgang mit Islers gebautem Erbe stellen. 

Publikationsdatum
04-08-2026

Der Erhalt dieser Bauwerke stellt Anforderungen an Planung und Ingenieurwesen. Viele Tragwerke wurden spezifisch entwickelt und konstruktiv bis an ihre Grenzen optimiert. Instandsetzungen verlangen deshalb weit mehr als bautechnische Eingriffe – sie setzen ein vertieftes Verständnis des Tragwerks, seiner Entstehung und seiner Tragwirkung voraus.

Manche Bauwerke warten auf eine notwendige Instandsetzung. Dabei zeigt sich, dass konstruktive und kulturelle Werte verloren zu gehen drohen, wenn Unterhalt und Erneuerung zu lange hinausgeschoben werden. Andere Bauten wurden erst spät als bedeutende Zeugnisse der Ingenieurbaukunst erkannt und entgingen nur knapp dem Abbruch. Wieder andere rücken erst heute durch Forschung, Inventarisierung oder Publikationen ins öffentliche Bewusstsein.

Die ausgewählten Projekte zeigen die unterschiedlichen Wege, auf denen Islers Bauwerke weiterleben. Sie verdeutlichen zugleich, dass neben den Ikonen zahlreiche Bauwerke darauf warten, konstruktiv verstanden, erhalten und in ihrem kulturellen Wert neu eingeordnet zu werden. Darin liegt eine der grossen Aufgaben im Umgang mit seinem baulichen Erbe.

Pavillon Sicli, Genf (1968–1970): Gelungene Umnutzung

Der 1970 fertiggestellte Hauptsitz der Sicli SA in Genf gehört zu den aussergewöhnlichsten Bauwerken Heinz Islers. Gemeinsam mit dem Architekten Constantin Hilberer entwickelte er eine frei geformte Betonschale, die Produktion und Verwaltung unter einem einzigen Dach vereint.

Die nur auf sieben Punkten gelagerte asymmetrische Schale aus Stahlbeton zählt zu den anspruchsvollsten und räumlich faszinierendsten Tragwerken Islers – entstanden in einem intensiven Entwurfsprozess mit Gips- und Plexiglasmodellen sowie zahlreichen Formfindungsversuchen. Ihre grosse Spannweite von 58 m, die komplexe Freiform und die minimale Schalenstärke von nur 90 bis 300 mm verleihen dem Gebäude trotz seiner Grösse Leichtigkeit und machen das Werk zu einem Meisterwerk des modellbasierten Entwerfens.

Nachdem das Unternehmen 2011 auszog, wurde das Gebäude sorgfältig restauriert, 2012 unter kantonalen und nationalen Denkmalschutz gestellt und 2017 als Pavillon Sicli wiedereröffnet und unter Schutz gestellt – es gilt als Schlüsselwerk des internationalen Schalenbaus. Heute dient es als Kultur- und Veranstaltungsort sowie als Zentrum für Architektur und Städtebau und ist ein bedeutender Treffpunkt für die Baukultur in der Westschweiz.

Garage Rosetti, Boudevilliers (1959): Zum Forschungsobjekt

Die Autogarage in Boudevilliers wurde 1959 mit einer Buckelschale aus dünnem Stahlbeton nach einem Entwurf von Heinz Isler errichtet. Sie gehört zu einer frühen Serie von 33 Buckelschalen und zeigt eindrücklich, wie Isler seine materialeffizienten Schalentragwerke bereits Ende der 1950er-Jahre entwickelte. 

Obwohl das Bauwerk nicht rechtzeitig unter Schutz gestellt werden konnte und nun einem Neubau weichen muss, erhält die Schale vor ihrem Abbruch eine besondere Bedeutung. Im Rahmen einer vorgängigen Analyse soll sie umfassend dokumentiert und durch Sondierungen, Vermessungen und Fotografien wissenschaftlich untersucht werden. Zudem soll geprüft werden, ob einzelne Bauteile erhalten oder sogar bei anderen Isler-Schalen wiederverwendet werden könnten. So wird die Garage von Boudevilliers zu einem Forschungsobjekt, das wertvolle Erkenntnisse für den Erhalt des Werks von Heinz Isler liefern kann.

Autobahn-Center Mittelland, Deitingen (1968): Denkmal ohne Funktion?

Für die Raststätte Deitingen entwarf Isler zwei markante, flügelartige Betonschalen, die bis heute zu seinen bekanntesten Bauwerken zählen. Die nur 80 bis 100 mm dünnen Schalen überspannen stützenfrei die Tankstellenbereiche mit Spannweiten von 31 m und ruhen jeweils auf lediglich drei Auflagern. Entstanden sind sie im Zuge des Baus der Nationalstrasse N1 als weithin sichtbare Landmarke der ersten BP-Autobahnraststätte der Schweiz. Die charakteristische Form entwickelte Isler aus Hängemodellen und Formfindungsversuchen. 

Inspiriert wurde der Entwurf zudem vom damaligen BP-Logo, dessen umgekehrte Silhouette die beiden «Dachflügel» erkennen lässt. Ursprünglich waren die Schalen als Prototyp für weitere BP-Raststätten vorgesehen. Dazu kam es jedoch nie; die Anlage in Deitingen blieb ein Unikat.

Die beiden identischen Schalen wurden aus Kostengründen nacheinander mit derselben Schalung erstellt. Ihre Geometrie erforderte Vorspannkabel und massive Punktfundamente, welche die Horizontalkräfte aufnehmen. Nach den Modellversuchen musste die Krümmung wegen der erforderlichen Durchfahrtshöhe leicht angepasst und zusätzlich bewehrt werden.

Die eigentliche Herausforderung entstand erst Jahrzehnte später. Als die Raststätte Ende der 1990er-Jahre den veränderten Anforderungen des Tankstellenbetriebs angepasst werden sollte, war der Abbruch der Schalen vorgesehen. Mit der Verlegung der Zapfsäulen hatten sie ihre ursprüngliche Funktion weitgehend verloren. Erst der entschiedene Einsatz der Denkmalpflege, der Fachwelt sowie prominenter Architekten und Heinz Islers selbst führte zu ihrem Erhalt. Seit 2000 stehen die Schalen unter kantonalem Denkmalschutz.

Vor dem 50-jährigen Baujubiläum bestätigten Zustandsuntersuchungen die aussergewöhnliche Qualität von Beton und Tragwerkskonzept. Trotz ihrer geringen Schalendicke wurden nur wenige, statisch unkritische Schäden festgestellt, sodass eine zurückhaltende Instandsetzung genügte. Deitingen zeigt eindrücklich, dass der kulturelle Wert eines Ingenieurbauwerks weit über seine ursprüngliche Funktion hinausreichen kann.

Hallenbad Brugg (1981): Instandsetzung anstehend

Das 35 × 35 m grosse Dach des Hallenbads in Brugg an der Aare hat eine umgestülpte Hängetuchform. Die Betonschale ruht auf vier Füssen, die durch vier Kabelriegel (Zugbänder) miteinander verbunden sind. Im Mittel ist die Schale nur 8 cm dünn; an den Füssen nimmt ihre Stärke auf bis zu 40 cm zu. Diese materialeffiziente Bauweise verlangt jedoch einen sorgfältigen Unterhalt und eine regelmässige Überprüfung der dünnen Betonschale. 

Im Rahmen einer Zustandsuntersuchung im Jahr 2022 wurde die Schale visuell beurteilt und punktuell sondiert. Ergänzend werteten die Ingenieure die Originalpläne im gta Archiv der ETH aus. Die Untersuchungen zeigten, dass sich die Schale trotz ihres Alters insgesamt in einem guten und erhaltenswerten Zustand befindet, mittelfristig jedoch gezielte Instandsetzungsmassnahmen erforderlich sind. 

Da das Bauwerk weiterhin genutzt werden soll, empfahlen die Tragwerksplanenden, die notwendigen Erhaltungs- und Instandsetzungsmassnahmen in die Budgetplanung aufzunehmen. Damit besteht die Chance, die denkmalpflegerisch und ingenieurgeschichtlich bedeutende Isler-Schale für kommende Generationen zu bewahren und den langfristigen Erhalt dieses aussergewöhnlichen Bauwerks zu sichern.

VSK-Zentrallager, Wangen bei Olten (1959–1961): Seit jeher unverändert

Für die Verteilzentrale des VSK bzw. Coop entwickelte Heinz Isler seine bis heute grösste Buckelschale. Die randgestützte, stützenfreie Betonschale überspannt rund 3200 m² bei Abmessungen von 54 × 58 m und einer Scheitelhöhe von 15 m. Siebzehn Oberlichter sorgen für eine gleichmässige Belichtung und folgen dem statischen Kraftfluss. Der flexible Innenraum war für die Logistiknutzung wegweisend. Die Halle wird bis heute genutzt und gilt als bedeutendes Zeugnis des industriellen Schalenbaus.

Steinkirche Cazis (1996–1997) : Das Spätwerk

Die Steinkirche in Cazis gehört zu den letzten Werken Heinz Islers und ist ein aussergewöhnliches Bauwerk. Anders als bei den meisten seiner Schalenbauten entwickelte Isler hier die architektonische Form nicht selbst. Nachdem der Architekt Werner Schmidt den Wettbewerb gewonnen hatte, wurde Isler als beratender Ingenieur beigezogen, um die anspruchsvolle Tragstruktur zu entwickeln. Daraus entstand ein Bauwerk, in dem Architektur und Tragwerk untrennbar miteinander verbunden sind: Die drei aneinander gelehnten «Steine» bilden als Schalen die architektonische Idee und prägen zugleich als Tragwerk die äussere Gestalt sowie den Innenraum.

Die frei geformten, ungedämmten und nur rund 15 cm dünnen Betonschalen wurden im Spritzbetonverfahren hergestellt und überspannen den Kirchenraum stützenfrei. Für ihre komplexe Geometrie entwickelte Isler zunächst ein Polystyrolmodell im Massstab 1:20, dessen Konturen digitalisiert wurden, um daraus 108 räumlich gekrümmte Holzschalungselemente herzustellen. Die Bauausführung war aufwendig. Der Betonauftrag erfolgte schichtweise auf einem feinmaschigen Bewehrungsnetz.

Besondere konstruktive Herausforderungen stellten die mandelförmigen Fensteröffnungen dar. Sie unterbrechen den Kräftefluss der Schalen und wurden deshalb mit zickzackförmig angeordneten Stahlstäben ausgefacht, um den Kräftefluss wieder zu vervollständigen. Modellversuche mit Latexschalen halfen Isler, den Kräfteverlauf zu verstehen und die Anordnung der Zug- und Druckstäbe zu bestimmen. Diese in der Stirnkante der Betonschalen verankerten Fachwerkstäbe bleiben im Innenraum sichtbar, während das Tageslicht die gekrümmten Betonflächen modelliert und die Raumwirkung im Tagesverlauf fortlaufend verändert. Ursprünglich sollten die Betonschalen auch im Inneren sichtbar bleiben; erst nach Fertigstellung erhielten sie einen weissen Verputz. Die bewusst unbehandelte Aussenfläche hingegen sollte mit Moosen und Flechten natürlich altern und eine Patina entwickeln – ein Entwurfsgedanke, der bis heute sichtbar ist.

Die Steinkirche wird weiterhin als Gotteshaus genutzt und gehört bis heute zu einem der weniger bekannten Werke Heinz Islers. Sie zeigt aber ebenso eindrücklich, wie Isler mit experimenteller Formfindung auch diese anspruchsvolle architektonische Aufgabe löste. Mit dem Kunstführer der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, der am 20. September 2026 erscheint, erhält dieses bedeutende Spätwerk eine längst verdiente Würdigung.

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