«Der Denk­pro­zess ist Teil des Bau­werks»

Bauingenieure hinterlassen Schalungs- und Bewehrungspläne, Berichte und Berechnungen – der Denkprozess geht aber meist verloren. Heinz Islers Nachlass verdeutlicht, warum dieser eine Schlüsselressource sein kann. Das Interview mit Giulia Boller ist ein Plädoyer dafür, die ingenieurspezifischen Denkprozesse als Teil unserer Ingenieurkultur zu bewahren.

Publikationsdatum
05-08-2026

Warum ist Heinz Isler heute noch aktuell?

Weil seine Methode zeitgemäss geblieben ist. Seine Schalen waren Antworten auf die Anforderungen ihrer Zeit: grosse stützenfreie Räume für Industriegebäude, Sport- und Freizeitanlagen oder Kirchen. Heute stehen wir vor anderen Herausforderungen. Wir müssen uns um den heutigen Gebäudebestand kümmern und dabei den Fokus auf kürzere Spannweiten sowie auf Entwurfsstrategien legen, die ressourcenschonender als materialintensive Bauweisen vergangener Jahrzehnte sind. Darin liegt die Aktualität Islers. Auch wenn sich die Herausforderungen unserer Zeit von jenen Islers unterscheiden, können manche Antworten erstaunlich ähnlich sein.

Geht es also um die Art des Entwerfens?

Genau. Und das führte zu einer ganz spezifischen Form. Idee, Konstruktion und Ausführung entstanden im engen Austausch mit dem Bauunternehmen Willi Bösiger AG, während für spezifische Bauteile – wie Oberlichter oder Vorspannkabel – jeweils unterschiedliche Spezialfirmen hinzugezogen wurden. So entstanden Tragwerke, die konstruktiv überzeugten, wirtschaftlich waren und mit einem minimalen Materialeinsatz auskamen. Wir brauchen heute oft keine solchen Spannweiten mehr. Aber wir können wieder stärker vom Material, vom Kräftefluss und von der konstruktiven Logik her denken. Gute Ingenieurbauwerke entstehen nicht aus spektakulären Formen, sondern aus dem präzisen Zusammenspiel von Nutzung, Tragwerk und Material. Und die Bauwerke von Isler waren genau das.

Woran erkennt man diese Entwurfshaltung?

Isler suchte sinnvolle Entwürfe, die konstruktiv möglichst einfach und zugleich möglichst effizient waren. Er entwickelte zahlreiche physische Modelle und experimentierte gemeinsam mit den Ausführenden mithilfe von Prototypen und gebauten Schalen. Ausserdem strebten er und die Bauunternehmer an, die Schalung mehrfach wiederzuverwenden. Heute arbeiten wir mit digitalen Werkzeugen statt mit Hängemodellen. Die zentrale Frage bleibt jedoch dieselbe: Wie entwickeln wir ein Tragwerk, das mit minimalem Materialeinsatz die erforderliche Tragwirkung erreicht? Was früher vor allem eine technische Herausforderung war, ist heute zugleich eine ökologische.

Sie sprechen von sinnvollen Entwürfen – was meinen Sie damit?

Gute Entwürfe entstehen dort, wo – wie gesagt – Nutzung, Tragwerk und Material eine konstruktive Einheit bilden. Islers Industriehallen waren nicht nur technische Leistungen, sondern stifteten Identität. In den siebziger Jahren wollten viele Unternehmen ein Isler-Gebäude, weil diese Bauten Fortschritt und Innovationskraft verkörperten. Die Form war aber nie Selbstzweck. Sie entstand aus der statisch effizienten Tragkonstruktion – nicht umgekehrt. Darin zeigt sich auch eine besondere Qualität der Schweizer Baukultur. Es gibt weltweit vergleichbare Tragwerksentwerfer wie Félix Candela, Pier Luigi Nervi oder Ulrich Müther. Sie entwickelten ähnliche Tragwerksformen, hatten aber gleichzeitig ihre eigene Baufirma, um auf dem Baumarkt erfolgreich zu sein. Isler war kein Bauunternehmer. Er arbeitete mit einem Netzwerk hochspezialisierter Schweizer Firmen für Schalung, Vorspannung, Oberlichter und Betonbau zusammen. Diese Zusammenarbeit machte seine Entwürfe möglich und letztlich auch viele dieser Unternehmen international bekannt. Ich glaube, darin liegt bis heute eine besondere Stärke der Schweizer Ingenieurkultur: Unterschiedliche Spezialisten entwickeln gemeinsam Lösungen, die weit über die Leistung eines Einzelnen hinausgehen. Nicht das Einzelgenie steht im Mittelpunkt, sondern die Qualität der Zusammenarbeit. Das gilt bis heute.

Führte Sie diese Aktualität im Mai nach Japan?

Ich war eingeladen, einen Vortrag im Yoyogi National Gymnasium von Kenzo Tange und Yoshikatsu Tsuboi zu halten – ein Bauwerk, das ebenfalls mit physischen Modellen entwickelt wurde. Dadurch entstand sofort eine Verbindung zu Heinz Isler. Beide Beispiele zeigen, wie eng Konstruktion, Experiment und Formfindung zusammenhängen. Ich legte den Fokus auf die Verbindung von Entwurfsmethode und Archivierung, denn umfangreiche Ingenieurnachlässe sind selten. Oft bleiben nur Schalungspläne, Bewehrungspläne, Berichte oder Berechnungen erhalten. Die eigentliche Entwurfsgeschichte – insbesondere der ingenieurspezifische Denkprozess – geht verloren. Islers Nachlass ist aussergewöhnlich. Er umfasst mehr als 300 physische Modelle, Skizzen, Fotografien, Videos, zahlreiche Notizen, Korrespondenzen, Zeichnungen, alternative Überlegungen, statische Berichte und Berechnungen. Dadurch lässt sich der gesamte Entwurfsprozess zum statischen System von der ersten Idee bis zum gebauten Tragwerk nachvollziehen. Das ist selten, denn Ingenieure archivieren meist das Ergebnis – nicht den Weg dorthin. Genau das hat die Kolleginnen und Kollegen in Japan besonders interessiert.

Weshalb hat sie das besonders interessiert?

Japan steht heute vor einer sehr praktischen Frage: Wie können solche Bauwerke erhalten werden? Dafür reicht es nicht, das fertige Gebäude zu kennen. Man muss verstehen, wie es entstanden ist. Im Nachlass von Heinz Isler ist genau dieser Prozess dokumentiert. Er erlaubt uns, konstruktive Entscheidungen Schritt für Schritt nachzuvollziehen und ihre Logik zu verstehen. Für die Forschung ist das ein Glücksfall. Für den Erhalt des Bestands wird dieses Wissen immer wichtiger.

Archive werden damit zu einem Instrument der Denkmalpflege.

… und vielleicht sogar zu einem Instrument der Nachhaltigkeit. Wenn wir bestehende Bauwerke weiterbauen, instand setzen oder umnutzen wollen, müssen wir ihre konstruktive und statische Logik verstehen. Je mehr wir über Material, Entwurf und Bauprozess wissen, desto gezielter können wir eingreifen. Archive werden damit vom historischen Speicher zum Werkzeug für die nachhaltige Transformation des Gebäudebestands. Wir erhalten mit diesem Vorgehen nicht nur ein Gebäude, sondern auch das Wissen, das in ihm steckt.

Verändert dieses Verständnis auch den Blick auf Ingenieurbauten?

Ich denke schon, denn der Denkprozess ist Teil des Bauwerks. Diese Perspektive ist nicht nur kulturhistorisch, sondern auch ökologisch relevant. Je besser wir Tragwerke verstehen, desto gezielter können wir sie erhalten, weiterentwickeln und an neue Anforderungen anpassen – und so Ressourcen und CO₂ einsparen. Lange stand vor allem die sichtbare architektonische Gestaltung im Mittelpunkt. Heute interessieren uns zunehmend Tragwerk, Materialität, Bausysteme und der dahinterliegende Entwurfsprozess. Wir bauen heute andere Gebäude und arbeiten mit anderen Werkzeugen, doch die grundlegenden Prinzipien bleiben dieselben. Entscheidend ist Islers Haltung: Konstruktionen konsequent aus Nutzung, Tragwerk und Material zu entwickeln – mit Offenheit gegenüber Entwurfsprozess und neuartigen Ansätzen. Gerade weil wir den Gebäudebestand weiterbauen und Ressourcen verantwortungsvoll einsetzen müssen, ist dieses Denken aktueller denn je. Mit Islers Erbe bewahren wir nicht nur Bauwerke, sondern auch eine Ingenieurkultur, die uns helfen kann, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

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