«In­ter­dis­zi­pli­na­ri­tät hat mich im­mer be­glei­tet»

Ein Gespräch mit Joris Van Wezemael, ab Sommer 2018 Geschäftsführer des SIA.

Publication
10-12-2017
Revision
11-12-2017

TEC21: Herr Van Wezemael, Sie sind promovierter Wirtschaftsgeograf und habilitierter Architektursoziologe, haben in der Forschung und in der Lehre gearbeitet, gegenwärtig leiten Sie eine Immobilien-Anlagestiftung. Sie haben sich mit verschiedensten Faktoren beschäftigt, die sich auf die Entwicklung des gebauten Raums auswirken – ohne selbst Planer zu sein. Sehen Sie das für Ihre zukünftige Tätigkeit als Vor- oder als Nachteil?
Joris Van Wezemael: Ich habe ein breiteres Planungsverständnis, in dem unterschiedliche professionelle, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure durch ihre Interaktion «den Planer» als ein Kollektiv entstehen lassen. Aber ich verstehe Ihre Frage schon. Ich erachte es als grossen Vorteil, dass ich nicht einem disziplinären Lager zuzuordnen bin. Das gibt mir die Möglichkeit, neutral und integrativ zu handeln. Der SIA vereinigt über 16 000 Expertinnen und Experten. Diese brauchen keinen «Chef-Planer» an der Spitze der Geschäftsstelle. Meinen Hintergrund in Wirtschaft und Wissenschaft sowie mein Flair für Politik werde ich dafür einsetzen, dass der SIA seine Themenführerschaften in strategischen Bereichen weiterentwickelt, diese über seine Mitglieder hinaus als Berufsverband besetzt und damit im Sinn seiner Mitglieder auch politisch Wirkung entfaltet.

TEC21: Bei Ihren bisherigen Tätigkeiten standen gesellschaftliche, technologische, wirtschaftliche und politische Aspekte des Bauens im Vordergrund – lauter Einflussfaktoren, die sich direkt auf den Arbeitsalltag und die Berufsbilder der Planerinnen und Planer auswirken. Inwiefern können Sie diese Erfahrungen in Ihre neue Funktion einbringen?
Joris Van Wezemael: Der SIA steht vor bedeutenden Herausforderungen. Diese betreffen etwa den «perfekten technologischen Sturm», der landläufig mit Digitalisierung bezeichnet wird und in den kommenden fünf bis zehn Jahren seine volle Kraft entfalten wird. Die SIA-Berufe, vor allem aber auch deren Zusammenspiel und die Geschäftsmodelle unserer Mitglieder werden sich in diesem Zusammenhang stark verändern. Mit Blick auf die Kritik der Wettbewerbskommission Weko bezüglich Leistungen und Honorare stellen sich vordringlich juristische Fragen und bilden Risiken ab. Die Frage, wie man im Bereich der Leistungen und Honorare Anreize schaffen könnte für preisgünstiges Bauen, einfache Gebäudetechniksysteme oder eine konsequente Ausrichtung der Planung am Lebenszyklus, verweist dagegen auf Chancen. Die wirtschaftlichen, technologischen, politischen und gesellschaftlichen Aspekte des Bauens bilden damit die Basis und den Kontext für die Arbeit unserer Mitglieder. Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen in diesen Dimensionen in den Dienst des SIA zu stellen.

TEC21: Sie werden Geschäftsführer eines Verbands, der Planerinnen und Planer unterschiedlicher Fachbereiche versammelt. Hat diese Interdisziplinarität Sie besonders gereizt? Haben Sie eine besondere Affinität zu fachübergreifenden Themen und Organisationen?
Joris Van Wezemael: Ja, definitiv. Ich habe selber in verschiedenen Disziplinen gelehrt und geforscht und kenne gelebte Interdisziplinarität aus der Praxis eines professionellen Bauherrn. Interdisziplinarität hat mich somit in meiner gesamten beruflichen Laufbahn begleitet, und ich freue mich darauf, meine Erfahrungen in den SIA einzubringen. Auch in diesem Zusammenhang ist es ein Vorteil, dass ich quasi unbelastet – ich bin weder Architekt noch Ingenieur – zwischen den Planungsdisziplinen vermitteln kann. Ich habe mich zudem über viele Jahre mit Innovationssystemen in der Planung befasst, und ich betrachte den SIA gern als einen netzwerkartig und dezentral organisierten Thinktank. Eine Rolle der Geschäftsstelle in dieser Vision wäre das Wissensmanagement – also das Zusammenführen, Aufbereiten, Übersetzen und Rückführen von Wissen. Damit entstünde aus dem heutigen Wissensnetzwerk SIA ein Wissenssystem.

TEC21: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an Ihre zukünftige Aufgabe denken?
Joris Van Wezemael: Auf die Aussicht aus meinem neuen Büro. Nein, im Ernst – ich freue mich am meisten auf den Austausch mit spannenden Köpfen und darauf, die politischen Aufgaben des SIA mit viel Schwung anzupacken. Zudem freue ich mich darauf, an meiner Fribourg-Zeit anzuknüpfen und wieder intensiven Kontakt mit der lateinischen Schweiz zu pflegen.

TEC21: Und was betrachten Sie als grösste Herausforderung?
Joris Van Wezemael: Der SIA steht derzeit in zentralen Bereichen seines Tätigkeitsfelds vor riesigen Herausforderungen und mit Blick auf die Auseinandersetzung mit der Wettbewerbskommission gar mit dem Rücken zur Wand. Ich blicke daher mit Zuversicht und Freude, aber auch mit gebührendem Respekt auf meine zukünftige Tätigkeit.

Lesen Sie auch: «Es braucht eine neue Sensibilität» (Interview mit Joris Van Wezemael) und TEC21 45/2014 «Prozess Stadt».

 

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