In­no­va­ti­ves Be­wah­ren: Um­bau/Er­wei­te­rung Haupt­sitz Zür­cher Kan­to­nal­bank

Zentrales Element im respektvollen Umbau des Hauptsitzes der Zürcher Kantonalbank ist die Schalterhalle. Die Basler Architekten jessenvollenweider haben sie als öffentlichen Stadtraum interpretiert und damit an der Bahnhofstrasse ein urbanes Angebot geschaffen.

Publication
19-05-2017
Revision
14-06-2017

Mit dem Wiederentdecken ursprünglicher Qualitäten verfolgten jessenvollenweider in der Ergänzung und dem Weiterbau des Bankgebäudes eine Strategie, die die Kraft und Eleganz des Altbaus herausarbeitet. Gleichzeitig sind für sie die bestehenden Schwächen der Ausgangspunkt, das Gebäude nach zeitgemässen Ansprüchen an Raum und Nutzung zu interpretieren. So lassen sie ein neues Ganzes entstehen. 

Der Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank an der Bahnhofstrasse in Zürich entstand Ende der 1960er-Jahren nach Plänen des Architekten Ernst Schindler. Die kraftvolle Stützenordnung der Fassade integriert sich gut in die gründerzeitlichen Strassenfronten der angrenzenden Büro- und Verwaltungsbauten und ist bis heute ein selbstverständlicher Teil im Stadtbild. Zentrales Element im Innern war die zweigeschossige Haupthalle, die von schweren, horizontal umlaufenden Brüstungsbändern in der Höhe gegliedert und von einer Lichtdecke begrenzt wurde. Schindler hat dem Gebäude durch den Einsatz von schwedischem Marmor seine ganz eigene Eleganz verliehen, im Innern unterstützt durch die Verwendung von schwarzem Tropenholz für Wände und Möbel. 

Die räumlichen und atmosphärischen Qualitäten, die das Gebäude besass, sind im Zuge von Nutzungsanpassungen und Sanierungsmassnahmen über die Jahre verloren gegangen. Neue Vorstellungen, wie der Hauptsitz zukünftig zu nutzen sei, führten schliesslich 2007 zu einem geladenen Wettbewerb mit Präqualifikation, den jessenvollenweider für sich entscheiden konnten. Die Architekten haben mit ihrem Konzept den Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank – trotz der erforderlichen tiefgreifenden Modernisierung und des dazu notwendigen Rückbaus bis auf die Grundstruktur – im Geiste Schindlers in Wert gesetzt und gleichzeitig die öffentlichen Bereiche im und um das Ge­bäude neu interpretiert. 

Neue Öffentlichkeit

Den Passanten, die heute durch die obere Bahnhofstrasse schlendern, mag zunächst nicht auffallen, dass sich der Hauptsitz der Zürcher Kantonalbank mit der Renovation grundlegend gewandelt hat, zu vertraut ist das Bild, das sich ihnen bietet. Die strenge, klare Fassade des Hauses wurde erhalten, auch die neuen Fenster den Originalen nachgebaut. Lediglich das Kafi Züri und das Büro Züri mit temporären Arbeitsplätzen, die neu den Haupteingang flankieren, verweisen auf die Veränderungen, die das Haus mit dem Umbau erfahren hat.

Die von Schindler als offener Bereich konzipierte Haupthalle öffnet sich heute nicht nur zur Bahnhofstrasse, sondern ist zentraler Bereich eines neu entstandenen, alle angrenzenden Strassenräume verbindenden Wegnetzes. An diesem Wegnetz angegliedert liegt auch das neue Atriumhaus, das aus dem geschlossenen Sicherheitsbereich in einen Neubau in den Hof des Gebäudes verlegt wurde, ebenfalls öffentlich zugänglich ist und im oberen Geschoss Medienräume aufnimmt. Diese stadträumliche Öffnung des Gebäudes spiegelt sich in der Ausgestaltung der Haupthalle. 

Die ehemalige Schalterhalle ist als öffentlicher Stadtraum interpretiert. Sie hält mit Bancomaten im Innenbereich sowie einem öffentlichen Café und kostenfreien Arbeitsplätzen als Schnittstelle zum Aussenraum einerseits ein urbanes Angebot bereit und ist andererseits auf den Kundenservice der Bank zugeschnitten. Die Halle besticht durch ihren gross­zügigen, wohlproportionierten Raum, der auch heute wieder von einer Lichtdecke überspannt wird. Um dies zu erreichen, haben die Architekten die Decke neu konstruiert und um ein halbes Geschoss angehoben, sodass die Schalterhalle heute dreigeschossig ist.

Die Lifte am Eingang und die einst durch den Raum führenden Rolltreppen, die als Einbauten den Raum beschnitten haben, sind verschwunden, dafür ist die skulpturale Wendeltreppe, die die Schalterhalle mit den Besprechungsbereichen verbindet, erhalten und freigespielt. «Wir haben uns vom Gedanken leiten lassen, wie es Schindler gemacht hätte, wenn er unter den heutigen Rahmenbedingungen arbeiten würde», erläutert der Architekt und Projektleiter Sven Kowalewsky eine der  Herangehensweisen von jessenvollenweider. 

Sanfte Wucht und fremde Eleganz

Ist die neue Organisation der Halle mit Infotheke und Service-Desk im Erdgeschoss und Beratungszimmern auf den oberen Ebenen dem modernen Servicekonzept der Bank geschuldet, so ist der Ausbau am ursprünglichen Konzept Schindlers angelehnt, dem für die Schalterhalle mit ihrer Lichtdecke das Büro- und Geschäftshaus Rautatalo in Helsinki (Wettbewerb 1951) Pate stand. Auch bei der Wahl der Materialien referenziert der Ausbau an die ursprüngliche Ausgestaltung. Den Bodenbelag bildet ein Muschelkalk, die Verkleidungen von Stützen und Brüstungen bis ins 2. Obergeschoss sind aus Ekeberger Marmor. Kontrastierend dazu sind die hölzernen Einbauelemente aus geräucherter Elsbeere, einem Schweizer Birnbaum, die entfernt an die von Schindler eingesetzte nordafrikanische, fast schwarze Wenge erinnert. Die wenigen ausgesuchten Materialien unterstreichen die räumliche Wirkung der dreigeschossigen Halle und ihre diskrete Eleganz. 

Licht, transparent und identitätsstiftend

Ihre Grosszügigkeit verdankt sie jedoch massgeblich der Anhebung der Lichtdecke um ein halbes Geschoss. Während Schindler die Decke auf der Brüstung des zweiten Obergeschoss angeordnet hatte und die an den Lichthof angrenzenden Räume damit gefangen waren, ist mit der Anhebung der Lichtdecke eine zweite Galerieebene entstanden, die zudem den zusätzlichen Raumbedarf für Beratungszimmer abdeckt. Im Zuge dessen interpretierten die Architekten auch die innere Lichthoffassade neu zugunsten einer höheren Transparenz und mehr Raumtiefe für die dahinter liegenden Zonen.

Die neue Lichtdecke in der Schalterhalle orientiert sich ebenfalls am historischen Vorgänger. Es sind wie zuvor 64 Oberlichter, die in nach aussen leicht gebogenen Reihen an der Decke angeordnet sind. Jeder Leuchtkörper, eine Eigenentwicklung der Architekten, besteht aus 260 Glaszylindern, von denen jeder einzelne mit einem LED-Leuchtmittel ausgestattet ist. Die Leuchten sorgen für eine gleichmässige, homogene Ausleuchtung der Kundenhalle. Dabei kombinieren sie bei Bedarf das über den darüber liegenden Lichthof einfallende Tageslicht mit Kunstlicht. Unter der Lichtdecke kreuzen sich die Wegeverbindungen, die neu über das Areal und in die Kundenhalle führen.

In das Zentrum geleitet werden Kunden und Besucher von einer eigens konzipierten «leuchtenden Linie», die die Wege von den Eingängen in die Kundenhalle begleiten und von der Decke abgespannt sind. In der Halle verbinden sich so beinahe unmerklich Tages- und Kunstlicht zu einer hellen, angenehmen Lichtstimmung, die den Raum nicht nur als Zentrum des Hauses, sondern auch als öffent­lichen Treffpunkt definieren. 

Im Sinn Schindlers weitergedacht

Was heute so selbstverständlich erscheint, ist Ergebnis einer insgesamt acht Jahre dauernden Planungs- und Umsetzungsphase, wobei Letztere mit dem Rückbau des Gebäudes bis auf die Tragstruktur und der Beseitigung von Altlasten begann. Die vorangegangene Planungsphase war geprägt von einem intensiven Dialog zwischen Architekten, Bauherrschaft, Denkmalpflege und Behörden. Nicht zuletzt musste das Projekt durch die neue Hof- und Dachform, den Neubau eines Medienzentrums im Hof sowie die Neudefinition der Erdgeschossbereiche und -nutzungen vom Zürcher Gemeinderat bewilligt werden. Mit Erteilung der Baubewilligung wurde das Gebäude, das zuvor bereits inventarisiert war, unter Denkmalschutz gestellt.

Die Fassade, die gesamthaft geschützt ist, ist daher bis auf das Erdgeschoss originalgetreu erhalten, die neuen Fensterelemente sind Nachbauten ihrer Vorgänger. Im Innern, vor allem bei der Erneuerung der zentralen Kundenhalle, hat der Denkmalschutz das Konzept der Architekten mitgetragen, die Absichten Schindlers durch die getroffenen Massnahmen zu akzentuieren und die raumgreifenden Kunstwerke der Künstler Christine Streuli (Bodenintarsie) sowie Andres Lutz und Anders Guggisberg (Endlosschleife) zu integrieren. Bei der Haustechnik ist es gelungen, trotz den raumklimatisch hohen Anforderungen mit einem ausgefeilten Konzept und einer Seewassernutzung die Massnahmen auf das Notwendigste zu reduzieren und Minergiestandard zu erreichen. 

Jessenvollenweider haben als «innovative Bewahrer» mit ihrem Konzept einer respektvollen, den Altbau lesenden Erneuerung an der oberen Bahnhofstrasse Bestehendes nicht nur erhalten, sondern im Sinn der ursprünglichen Absichten der Architektur nach­haltig weiterentwickelt.

Am Bau Beteiligte
 

Bauherrschaft
Zürcher Kantonalbank
 

Architektur
jessenvollenweider, Basel
Anna Jessen, Ingemar Vollenweider
 

Projektleitung: Sven Kowalewsky, Jasmin Zarali (Stv.); Team: Esther Bärfuss, Stefan Bopp, Antje Gamert, Clemens Hauptmann, Marc Hemmerich, Franziska Horn, Simon Klösges, Hannah Knittel, Jakob Kortemeier, Anna M. Leischner, Doris Lösel, Irina Backes, Michael Meier, Sindy Meuschke, Christine Pelzer, Florian Reichling, Björn Suchantke, Stefanie Vogel
 

Bauleitung
Proplaning Architekten, Basel / Zürich, Drees & Sommer, Zürich
 

Tragkonstruktion
Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel / Zürich
 

Heizung-Kälte-Planung
Waldhauser + Hermann, Münchenstein
 

Lüftungsplanung
Todt Gmür + Partner, Schlieren
 

Elektroplanung
IBG B. Graf Engineering, St. Gallen
 

Sanitärplanung
neukom engineering, Adliswil
 

MSRL
Boxler MSRL-Engineering, Rapperswil-Jona
 

Landschaftsarchitektur
August + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten, Binningen

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