In­nen­ent­wick­lung – ja, aber wie?

Die Covid-19-Pandemie hat unseren gebauten Lebensraum verändert: Wir nehmen ihn anders wahr, nutzen ihn anders und stellen andere Anforderungen daran. Das gilt ganz besonders für die eigenen vier Wände. Was können Planende daraus lernen?

Publikationsdatum
24-07-2020

Auch mehrere Wochen nach dem Ende des Shutdowns prägt die Bedrohung durch das Coronavirus das Leben in der Schweiz. Das hat Folgen für den öffentlichen Raum. Gerade in der Ferienzeit, wenn viele Menschen ihren Urlaub im eigenen Land verbringen, die Naherholungsgebiete gut bevölkert sind und kulturelle Veranstaltungen aus Gründen der Prävention im Freien durchgeführt werden müssen, wird der öffentliche Raum auf die Probe gestellt. Aber auch das Wohnumfeld – die Wohnungen selbst und deren unmittelbare Umgebung – ist weiterhin einer ungewohnt intensiven, in dieser Vielfalt nicht immer vorgesehenen Nutzung ausgesetzt. Homeoffice ist zwar nicht mehr zwingend, gehört aber für viele dennoch zum Alltag.

So wird es auch längerfristig bleiben: Die Pandemie hat, einem Katalysator ähnlich, die laufende Digitalisierung der Arbeitsprozesse beschleunigt und vorhandene Tendenzen zu dezentralem Arbeiten akzentuiert. Es ist absehbar, dass Wohnungen in Zukunft vermehrt auch als Arbeitsplätze dienen werden. Das heisst: Die Nutzungsdichte in den eigenen vier Wänden nimmt zu.

Diese funktionale Verdichtung überlagert sich mit der zweiten, nämlich der baulichen Verdichtung, die das Schweizer Stimmvolk als Massnahme zur haushälterischen Nutzung des Bodens beschlossen hat. Damit stellen sich eine Reihe von Fragen. Sind unsere Wohnungen, insbesondere die knapp bemessenen, überhaupt in der Lage, unterschiedliche und wechselnde Nutzungen aufzunehmen? Müssten Wohnungen künftig grösser sein – mit finanziellen Folgen, die längst nicht für alle Menschen tragbar wären? Oder sind flexibel nutzbare Grundrisse und kombinierbare In- und Aussenräume die Lösung?

Die Qualität ist entscheidend

Auf diese Fragen fokussierte der ThinkTank «Architektur & Stadtentwicklung: Dichte auf dem Prüfstand #2» vom 10. Juli 2020, veranstaltet vom Bundesamt für Wohnungswesen und vom Institut CCTP der Hochschule Luzern. Ging es beim ersten ThinkTank im Mai vorerst noch darum, sich einen Überblick über die Herausforderungen der Verdichtung zu verschaffen, werden einzelne Themen in einer lockeren Reihe von weiteren Veranstaltungen vertieft – nun also «Verdichten nach innen».

Dabei fällt auf: Heute wird Verdichtung meist auf bauliches Verdichten reduziert; die Diskussion dreht sich hauptsächlich um das Bauen und um eine Dichte, die an bauliches Wachstum geknüpft ist. Die letzten Monate haben aber gezeigt: Bauliche Dichte, die lediglich über Vorgaben wie Zonenordnungen und Bebauungsziffern definiert wird, genügt offensichtlich nicht.

Mindestens ebenso wichtig ist die Qualität des gebauten Lebensraums; diese hängt aber nicht nur von der Baumasse ab, sondern ganz entscheidend auch von der Dichte an Nutzungen, Ereignissen, Möglichkeiten und Atmosphären. Qualitativ hochstehende, lebenswerte Dichte entsteht keineswegs nur durch bauliches Wachstum. Vielmehr geht es darum die Nutzungs- und Kombinationsmöglichkeiten zu intensivieren, räumlich und im zeitlichen Verlauf. Insbesondere die Mischung von Wohnen und Arbeiten gilt es auf verschiedenen Massstabsebenen zu diskutieren. Kann Nachverdichtung in diesem Sinn als Chance genutzt werden, um überkommene Nutzungskonzepte zu aktualisieren?

Sozialräumliche Aufwertung

Die kleine, aber feine internationale Runde des ThinkTank #2 diskutierte intensiv über die Vorteile einer sinnvollen Innenentwicklung. Letzteren Begriff brachte die erste Referentin – Christine Gross, Koordinatorin Wohnbauförderung im Stadtplanungsamt Wien – ein: Im Gegensatz zur eher negativ konnotierten «Verdichtung» betont «Innenentwicklung» die Chance, durch die Mehrung der Möglichkeiten, Beziehungen und Kombinationen auch das Sozialkapital einer Gesellschaft zu stärken. Nach Gross sprachen Philipp Klaus, Wirtschafts- und Sozialgeograf und Vorstandsmitglied der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 in Zürich, sowie Prof. Christa Reicher, Direktorin des Instituts für Städtebau und Europäische Urbanistik an der RWTH Aachen. Anschliessend wurden die drei vorgestellten Thesen in einem erweiterten Kreis diskutiert.

Dabei ging es auch um ökonomische Fragen. Denn Beispiele für lebenswerte, dichte, an räumlichen und funktionalen Bezügen reiche Bebauungsstrukturen gibt es viele, insbesondere einige Wohnbaugenossenschaften haben diesbezüglich erfolgreich Pionierarbeit geleistet. Doch wie lässt sich sozialräumliche Aufwertung auch Bauträgern schmackhaft machen, die keine gemeinnützigen oder gemeinschaftlichen Ziele verfolgen? Kann qualitätvolle Dichte einen messbaren ökonomischen Mehrwert schaffen, der eine allenfalls notwendige Zusatzinvestition attraktiv macht?

Klar ist: In dieser Hinsicht sind die heutigen marktwirtschaftlichen Mechanismen oft hinderlich. Obwohl zum Beispiel auf dem Wohnungsmarkt ein Nachfrageüberhang besteht und es gleichzeitig hohe Leerstände bei Büro- und Gewerbebauten gibt, wäre es für Investoren vielerorts ein Verlustgeschäft, Büros zu Wohnungen umzubauen: Aus steuerrechtlichen Gründen ist es oft attraktiver, den (hohen) Mietzinsausfall leer stehender Büros abzuschreiben als dieselbe Liegenschaft mit Wohnungen zu einem (tieferen) Mietzins zu vermieten.

Eine Auseinandersetzung mit neuen Anreizsystemen für eine qualitätvolle Innenentwicklung drängt sich daher auf; ebenso die Diskussion, inwiefern der Staat und die Politik sich mit regulatorischen Massnahmen einbringen sollen. Was nicht heisst, dass auf städtebaulicher und architektonischer Ebene alle Fragen beantwortet wären…

Hinweis

Die Programme der beiden ThinkTanks finden Sie unten unter «Downloads».

Weitere Beiträge zum Thema:

Bau­en nach Co­ro­na: Wie wei­ter?

Fertig Dichte?

Dichte statt Enge?
(Videointerviews mit Doris Sfar, Leiterin Bereich Grundlagen und Information im BWO und Peter Schwehr, Professor und Leiter Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP) an der Hochschule Luzern)

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