Holz­bau im Wan­del

Gesellschaftliche und politische Forderungen, sowie steigende Energiekosten führen derzeit zu grundlegenden Veränderungen beim Bauen. Der Schweizerische Verband für geprüfte Qualitätshäuser VGQ zeigte im Rahmen des 21. Holzbauforums Mitte März auf, welche Fragen jetzt und in Zukunft die Branche beschäftigen, und wie die entsprechenden Antworten ausfallen können.

Publikationsdatum
28-03-2023

Der Anlass machte klar, dass Kreislaufwirtschaft, Energie- und Ressourceneffizienz sowie die Reduktion von Emissionen nicht mehr als bloss abstrakte Konzepte sind, sondern die Unternehmen längst beschäftigen und zu neuen Lösungen antreiben. In der Immobilienwirtschaft erzeugen neue Ratings wie die EU-Taxonomie ein zunehmendes Interesse an grossen Holzbauprojekten – und in der Umsetzung bestechen Leuchtturmprojekte mit nachhaltigen Konzepten.

Klimawandel

Reto Burkard, Leiter der Abteilung Klima beim Bundesamt für Umwelt BAFU stellte fest: «Der Klimawandel ist nicht im Kommen, er ist bereits da». Das Ziel Netto-Null für 2050 sei lediglich ein realistisches und technisch machbares wie auch finanzierbares Zwischenziel, das weitere Vermeiden von CO2-Reduktionen eine Notwendigkeit.

Der Anteil an Direktemissionen liegt beim Bauwesen hoch. Allein das Wohnen verursache 25 Prozent aller Umweltbelastungen und zähle damit zum wichtigsten Bereich des schweizerischen Endkonsums, gefolgt vom Ernährungssystem (ebenfalls 25 %) und der privaten Mobilität (14 %). Die Belastungen der Umwelt im Bereich Wohnen sind vor allem dem Heizenergie- und dem Stromverbrauch im Haushalt sowie der Gebäudeerstellung zuzuschreiben.1Denn Im Gebäudesektor ist der Anteil der Altbauten mit ineffizienter, fossil betriebener Wärmeerzeugung nach wie vor bedeutend. Es seien zusätzliche Anstrengungen beim Betrieb der Gebäude und bei den Baumaterialien erforderlich, wenn der emissionsfreie Gebäudepark bis 2050 Realität werden soll.

Kreislaufwirtschaft

Weltweit gesehen bestehe vor allem ein CO2-Problem betonte Urs-Thomas Gerber, Dozent für nachhaltiges Bauen an der BFH Biel, Departement AHB, doch der Verbrauch an natürlichen Ressourcen halte sich noch in Grenzen. Im Blick auf die Schweiz stelle sich ebenso ein CO2-Problem und zudem sei unser Verbrauch an Materialien doppelt so hoch wie die von Seite BAFU als unverträglich eingestufte Quote.

Das Bauwesen in der Schweiz sei nach wie vor stark «mineralisch» ausgerichtet (jährlicher Verbrauch von 4.5 t Beton je Einwohner, entsprechend mehr als 1 t CO2 je Person. Der Materialanteil von Holz beläuft sich demgegenüber auf lediglich rund 5 Volumenprozent, ein Wert der deutlich Luft nach oben aufweist. Das jährlich wiederkehrende zusätzliche Nutzungspotenzial in den Wäldern Europas wird auf rund 20 Prozent eingeschätzt, die Holzernte könnte also schadlos merklich vergrössert werden – ein Steigerungspotenzial von 1 bis 2 Mio m3 sei theoretisch möglich. Anhand von Vergleichen unterschiedlicher Bodenaufbauten lässt sich zudem zeigen, dass sich Holz noch weit effizienter nutzen liesse als es derzeit der Fall ist, im genannten Beispiel liesse sich mit gleich viel Holz ohne Qualitätsverlust doppelt soviel bauen.

Als Fazit skizzierte Gerber die folgenden Punkte: Holzernte steigern und das Holz effizienter nutzen, das Holz prioritär als Konstruktionsholz einsetzen, dann lange Zeit im Einsatz halten, erneut zu Konstruktionsholz verarbeiten, weiter als Holzwerkstoff verarbeiten, erneut zu einem Holzwerkstoff verarbeiten und möglichst erst zum Schluss als Energieholz nutzen. Von einer derartigen zirkulären Nutzung und Kaskadennutzung verspricht sich Gerber eine optimierte und damit deutlich verbesserte Holznutzung. Anhand von konkreten Beispielen illustrierte er Möglichkeiten, statt frisch geschnittene wiederverwendete Hölzer einzusetzen.

ESG-Strategie

Stephan Räbsamen von PwC Schweiz erläuterte die drei Säulen der ESG-Strategie als Treiber des nachhaltigen Bauens: E steht für Economy (Umwelt), S für Social (Gesellschaft) und G für Governance (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) Die Holzbaubranche werde von Trends im gesamten Bereich von ESG beeinflusst, aber die Umweltaspekte fallen aufgrund der Art des Tätigkeitsbereichs besonders ins Gewicht, so seine Einschätzung.

Räbsamen umriss die Bedeutung der Baubranche insgesamt und zeigte: Wohnen, Mobilität, Gewerbe, industrielle Produktion, Tourismus, Sicherheit, Gesundheit – in diesen und zahlreichen weiteren Lebensbereichen beeinflusst die Schweizer Baubranche unseren Alltag. Sie konzentriert sich fast ausschliesslich auf unser Land und trägt rund 15 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei. Etwa 330’000 Vollzeitstellen sind im Hoch- und Tiefbau angesiedelt. Das entspricht einem Drittel aller Beschäftigten im industriellen Sektor.

Das Credo: Nur wer differenziere, gewinne. Gefragt seien Kreativität und Pioniergeist. So stehe der Bauindustrie ein Paradigmenwechsel hin zu mehr Differenzierung über vernetztes Zusammenarbeiten bevor. Dazu biete gerade die Digitalisierung interessante Möglichkeiten – mit reduzierten Schnittstellen, erhöhter Qualität der Plan- und Führungsprozesse und reduzierten Fehlerkosten und Leerläufen auf dem Bau.

Zirkulär Planen und Konstruieren für die Zukunft

Wer heute baut, baut nicht mehr für eine wie immer gedachte Ewigkeit. Zur Konzeption von Neubauten und ganzen Quartieren gesellen sich Überlegungen über den vorhandenen Bestand, wie dieser weitergenutzt, angepasst, ausgebaut oder auch wie er zerlegt und neu errichtet seine neue Zweckbestimmung finden kann. Das beginnt mit der Planung, die im Idealfall eine Neu- und Wiederverwendung von Bauteilen, Elementen oder Installationen mitdenkt. Dabei geht es auch darum, dementsprechend deren mögliche Lebensdauer zu erkennen, abzuschätzen oder sogar mit zu planen. Hilfreich erweist es sich dabei, in Systemen zu denken.

Das zirkuläre Bauen, im Idealfall das bereits eingeplante Wiederverwenden von Bauteilen und der Elementbau sind, inklusive dem eingeplanten Rückbau, dabei oft genannte Begriffe, die sich mit dem Bereich Holzbau besonders gut vertragen. Das zeigten Kathrin Merz von Bauart Architekten, Marco Sutter von der Firma Madaster (Schweiz) und Patrick Teuffel von Circular Structural Design (Stuttgart/Berlin) anhand von gebauten Beispielen und von beispielgebenden Materialflüssen eindrücklich.

Denkanstösse statt Rezepte

Nicht einfach Rezepte für das Bauen mit Holz, sondern grundsätzliche Fragen und frische Denkanstösse zum Bauen insgesamt und zum Holzbau standen beim VGQ Holzbauforum 2023 in Baden im Zentrum. Der Tagung in den stimmungsvollen und klug umgenutzten Räumen der ehemaligen Transformatoren-Werkhalle von Brown Boveri war mit 240 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie 30 Ausstellenden ein voller Erfolg beschieden. Wer sich etwas detaillierter mit den Inhalten der Fachtagung auseinandersetzen will, findet die Referate auf der Website des VGQ.

Rohstoffverfügbarkeit beim Holz

Alfred W. Kammerhofer, Sektionschef Holz- und Waldwirtschaft vom BAFU beantwortete die Frage nach der Rohstoffverfügbarkeit für Holz klar: Ja, es hat noch zusätzliches Holz im Schweizer Wald – es findet sich vor allem in den Voralpen. Doch für zusätzliche Mengen aus dem Wald sind auch zusätzliche Verarbeitungskapazitäten in der Wertschöpfungskette notwendig.

Die Schweizer Holzwirtschaft stellt sich darauf ein. Ersatz- und Neuinvestitionen werden getätigt – und im Herbst 2022 hat der Verband Holzindustrie Schweiz HIS angekündigt, bis zum Jahr 2030 einen Anstieg der Stammholzverarbeitung um 300’000 m3 im Jahr anzustreben.

Nachhaltiges Bauen wird an Bedeutung zunehmen und der Schweizer Wald wird sich längerfristig aufgrund klimatischer Veränderungen anders zusammensetzen: Baumarten, die mit Trockenheit besser umgehen können, werden den Wald künftig bestimmen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Anmerkung

1 Umwelt Schweiz 2022, Bericht des Bundesrats