Hoch­was­ser – das un­ter­schätz­te Ri­si­ko

Die Forschungsinitiative Hochwasserrisiko der Universität Bern will anhand von aufbereiteten und attraktiv dargestellten Informationen im Internet sensibilisieren. Eine wichtige Botschaft lautet, dass den gelben Zonen mit geringer Hochwassergefährdung bezüglich der Schadensumme eine hohe Bedeutung zukommt. 

Publikationsdatum
02-08-2022

Mehrere Gemeinden rufen diesen Sommer zum Wassersparen auf. Flüsse und Bäche führen wenig Wasser, die Pegel der Seen sind tief. Wegen der Waldbrandgefahr ist es in mehreren Kantonen verboten, Feuer im Wald oder Waldesnähe zu entfachen. In einigen gilt sogar ein absolutes Feuerverbot im Freien. Das kostbare Nass wird knapp.

Entlädt sich aber ein Gewitter, so kommt es lokal immer wieder zu Schäden. Am 25. Juli unterbrach ein Erdrutsch die Ofenpassstrasse im Unterengadin, am 28. Juli war das Lötschental vom Haupttal abgeschnitten. Am 20. Juli kam es im Baselbiet zu orkanartigen Windböen und Hagel, und am 4. Juli zu Überschwemmungen im Emmental. Im Quellgebiet der Emme ist das Gasthaus Kemmeriboden-Bad überflutet worden. Der Betrieb, berühmt für seine Merengues, bleibt bis auf weiteres geschlossen. Dass die Emme ein launisches Gewässer ist, ist allgemein bekannt und seit dem Werk von Jeremias Gotthelf auch literarisch verewigt. Heftige Gewitter können den Fluss innert kurzer Zeit bedrohlich anschwellen lassen.

Vier von fünf Gemeinden in den letzten 40 Jahren betroffen

Hochwassergefahren betreffen sehr viele Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz. Auswertungen des Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bern ergaben, dass jede siebte Person in der Schweiz in einem hochwassergefährdeten Gebäude wohnt und vier von fünf Gemeinden in der Schweiz in den vergangenen 40 Jahren von Überschwemmungen betroffen waren. Hochwasser verursachen Schäden in Millionenhöhe. Bund, Kantone und Gemeinden investieren deshalb viel Geld, um die Bevölkerung und Sachwerte vor Überschwemmungen zu schützen. Gegenwärtig sind es deutlich mehr als 300 Millionen Franken pro Jahr.

Im Rahmen der Forschungsinitiative Hochwasserrisiko haben die Berner Forschenden eine interaktive Webseite mit verschiedenen Online-Tools erstellt. So zeigt etwa das Modul «Schadenpotenzial» anhand von schweizweiten Übersichten auf, welche Regionen betroffen sind und wo sich die gefährdete Schutzgüter summieren. Gefahrenkarten zeigen mit hoher räumlicher Auflösung, wo, wie häufig und wie intensiv Hochwasserereignisse auftreten können. Werden diese mit sozioökonomischen Daten wie Bevölkerungszahlen und Gebäudewerte räumlich analysiert, so lassen sich Schadensschwerpunkte künftiger Ereignisse abschätzen. Es zeigt sich, dass insbesondere im St. Galler Rheintal, im Wallis, im Berner Oberland und in der Region um Luzern ein hoher Anteil der Gebäude betroffen ist. In absoluten Zahlen treten vor allen die Ballungszentren des Mittellands hervor.

In der Schweiz stehen rund 300'000 Gebäude in hochwassergefährdeten Gebieten. Heute sind 1.75 Millionen Gebäude von insgesamt rund 2.2 Millionen Gebäuden in Gefahrenkarten erfasst. Bei den nicht erfassten Gebäuden handelt es sich zu einem grossen Teil um Gebäude ausserhalb des Siedlungsgebiets respektive der Bauzonen. Hier informieren sogenannte Gefahrenhinweiskarten darüber, wo Hochwasser auftreten könnten.

15'000 Überschwemmungsschäden ausgewertet

Einen Schritt weiter geht der Schadensimulator. Er ergänzt die Gefahrenbetrachtung mit der Schadensicht, indem er auf Basis der Gefahrenkarten und berechneten Gebäudewerten das mögliche Schadenausmass aufzeigt. Wer sich schützen will, muss wissen, was passieren kann. Das Tool veranschaulicht das mögliche Schadenausmass in der ganzen Schweiz. Die Ergebnisse, die auf Daten von rund 15’000 Überschwemmungsschäden basieren, werden pro Gemeinde oder in einem Raster von Sechseck-Flächen à 10 km2 dargestellt. Zudem lässt sich simulieren, wie sich das Schadenausmass bis 2040 ändern könnte je nach Anteil an Gebäuden mit Objektschutz, zusätzlichen Gebäuden in Bauzonenreserven und grossflächigen Hochwasserschutzmassnahmen. 

Eine geringe Gefahr bedeutet nicht automatisch auch einen geringen Schaden. So zeigen die Auswertungen, dass das mögliche Schadenausmass in den gelben Gefahrenzonen gross ist. Der Fokus liegt heute stark auf den blauen und roten Gefahrenzonen mit mittlerer oder erheblicher Gefährdung, auch weil dort Menschenleben gefährdet sind. In den gelben Gefahrenzonen besteht hingegen nur eine geringe Hochwassergefährdung. Dort stehen aber die meisten Gebäude.

«Die gelbe Zone wird bezüglich der Gesamtschadensumme unterschätzt», sagt Markus Mosimann vom Mobiliar Lab für Naturrisiken. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter war er an der Entwicklung verschiedener Tools beteiligt. Kaum im Bewusstsein sei zudem, dass weitere Bautätigkeit und Verdichtung in der gelben Zone zu einer enormen Zunahme des Schadenpotenzials führen würde. Mit konsequent umgesetzten Objektschutzmassnahmen würden die Schäden viel geringer ausfallen. «Die Wahrnehmung und das Bewusstsein für die Hochwasserrisiken zu schärfen, ist ein Hauptziel der Forschungsinitiative», sagt Mosimann. 

Das Unvorstellbare denken

In diese Richtung zielt auch das jüngste Tool «Hochwasserdynamik» des Mobiliar Lab für Naturrisiken zu den Auswirkungen von extremen Hochwasserereignissen. Es zeigt auf, dass in der Schweiz grössere Hochwasser möglich sind als bisher angenommen. Für die Simulationen wurden Niederschlagszenarien verwendet, die so zwar noch nie vorkamen, physikalisch aber plausibel sind. Ein Worst-Case-Szenario könnte Gebäudeschäden von knapp sechs Milliarden Franken zur Folge haben, was die gesamten ökonomischen Schäden von drei Milliarden Franken des Jahrhunderthochwassers 2005 bei weitem übertreffen würde. Innert kurzer Zeit könnte es an verschiedenen Flüssen zu Überschwemmungen kommen, was Krisenstäbe und Rettungsorganisationen vor massive Probleme stellte.

In der Notfallplanung muss die Bewältigung solcher Ereignisse laut den beteiligten Forschenden berücksichtigt werden. Unvorstellbares über den bisherigen Erfahrungsbereich hinaus zu denken, fällt jedoch schwer. Doch gerade ein solches Extremszenario ereignete sich beispielsweise im Sommer 2021 im Westen Deutschlands, als verheerende Unwetter mehr als 180 Menschenleben forderten.

Fotos gegen das Vergessen

Ein Problem besteht darin, dass Hochwasser, vielleicht mit Ausnahme der wirklich sehr grossen Ereignisse, bei den Menschen nur eine beschränkte Zeit in Erinnerung bleiben. Dem Vergessen entgegen wirken soll das Überschwemmungsgedächtnis – ein interaktives Bildarchiv mit über 4000 Überschwemmungsbildern aus den vergangenen 700 Jahren aus der ganzen Schweiz. Nutzerinnen und Nutzer können selber Fotos hochladen. Nach einer Validierung werden sie auf der Webseite definitiv verfügbar gemacht. Zusammen mit den anderen Tools verdeutlicht es, dass Hochwasser und ihre Folgen uns alle angehen.

Weitere Informationen:
www.hochwasserrisiko.ch
www.mobiliarlab.unibe.ch

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken an der Universität Bern

 

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern und der Mobiliar Versicherungsgesellschaft. Untersucht werden in erster Linie die an Hagel, Hochwasser und Sturm beteiligten Prozesse sowie die Schäden, die daraus entstehen. Das Mobiliar Lab arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis und strebt Resultate mit hohem Nutzen für die Allgemeinheit an.