Ei­ne lie­gen­de Bet­ten­sta­ti­on

Bis 2022 ist der Spitalhügel von Frauenfeld eine Grossbaustelle. Vor Kurzem ging das Kernstück der laufenden Erweiterung in Betrieb. Der Neubautrakt setzt einen medizinischen und architektonischen Akzent am öffentlichen Gesundheitsstandort.

Publikationsdatum
20-07-2020

Wo Stadtkörper ausfransen und Grüngürtel beginnen, steht oft ein Haus, das der Gesundung von Kranken dient. Aussicht und Ruhe sollen diesen Prozess fördern, dachten die einen. Andere, die in den Nachkriegsjahren Ausschau nach einem Spitalstandort hielten, fanden nur noch am Siedlungsrand den dafür erforderlichen Platz. So kam es zur städtebaulichen Besonderheit vieler kleiner und grosser Zentren: Eher unvermittelt überragen voluminöse Gesundheitsbauten die organisch gewachsene Stadt.

Auch Frauenfeld erhielt in den 1970er-Jahren sein öffentliches Spital; zwischen Vorstadtquartier und Wald sticht der typische graue Betonblock hervor. Noch steht das zwölfstöckige Bettenhochhaus, weil es als Reserve für die Covid-19-Pandemie benötigt wurde. Doch für den regulären Spitalbetrieb ist der Betonturm, der auf einem Sockelbau thront, obsolet und deshalb zum Abbruch freigegeben. Sein Nachfolger steht schon bereit: Anfang Jahr ging ein neuer Behandlungs- und Pflegetrakt in Betrieb. Dieser verfügt über 300 Bettenplätze und erweitertet somit das stationäre Pflegeangebot.

Etappierte Entwicklung und feiner Ausdruck

Der Spitalausbau ist eingebettet in eine Gesamtentwicklungsstrategie; der Neubau, der sich als liegender Körper präsentiert, wurde für ein Wettbewerbsverfahren entworfen, das die Betriebsgesellschaft der Thurgauer Kantonsspitäler vor 18 Jahren durchführte. Der Vorschlag stammt ebenso wie die früher eröffneten Sockelbauten von Schneider & Schneider Architekten aus Aarau. Die 2008 bezogene, erste Etappe umfasste eine Notfall- und Intensivstation. Der Baukredit für das Gesamtvorhaben lag bei 280 Mio. Franken, wovon 160 Mio. Franken für die Neubauten reserviert waren. Die Ausführung liegt in den Händen eines Generalunternehmens.

Entgegen dem Wettbewerbsprogramm entfiel die Instandsetzung des bestehenden Hochhauses. Tragstruktur, Hülle und Raumprogramm auf einen nachhaltigen Standard zu hieven wäre kostspieliger als ein Ersatzneubau geworden, ergab die detaillierte Analyse. Deshalb wird der Turm diesen Sommer abgebrochen und die Erweiterung gewinnt so architektonischen Raum, dank der freien Sicht auf die neue Marke im Stadtbild des Thurgauer Kantonshauptorts. Zu erkennen ist nun ein Quader mit sechs Etagen, der auf einem zweigeschossigen Sockel ruht.

Im Vergleich zum vertikal aufragenden, massiven Vorgänger präsentiert sich der neue Baukörper in geduckter, schwebender Form und mit verfeinertem Ausdruck. Aluminium und Glas verwandeln das Äussere zu einer offenen, leichtgewichtigen Erscheinung. Neben der ästhetischen Wirkung sorgt das profilierte Fassadenraster auch dafür, dass funktionale Anforderungen wie der sommerliche Hitzeschutz oder Brandschutz auf bauliche Art und Weise erfüllt werden. Das Raumprogramm umfasst von unten nach oben acht Operationssäle und 164 Bettenzimmer mit jeweils eigener Nasszelle.

Kurze Wege und individuelle Energieversorgung

Der Sockel beherbergt einen Komplex, dem mehrere Operationssäle zugeordnet sind. Die Organisation der Behandlungsabläufe profitiert zudem von der Verbreiterung des Gebäudefussabdrucks. So bündelt der Neubau den Eingangsbereich für die zentrale Patientenaufnahme und lässt Raum für eine offene und übersichtliche Grundrissstruktur. Bestehende, zuvor dezentral angeordnete Abteilungen wurden zu interdisziplinären Ambulatorien und Behandlungseinheiten zusammengefasst. Davon verspricht man sich medizinische Vorteile: Das Angebot der einzelnen Kliniken, das Räume für Sprechstunde, Voruntersuchung und Nachbehandlung umfasst, ist übersichtlich geordnet und verkürzt die Wege für ambulante und stationäre Patienten.

Das aufliegende Bettenhaus beherbergt mehrheitlich Doppelzimmer, ergänzt mit Einzelzimmern. Zimmer, Flur und Diensträume sind jeweils mit hellen, warmen Farben gestaltet und mit hochwertigen Materialien ausgestattet. Die Böden sind aus Holzparkett, und die Rahmen um die grossen Fenster sind zugleich einladende Sitznischen. Die Technik zur Regulierung des Raumklimas und -komforts versteckt sich derweil in und hinter abgehängten Decken. Letztere sind Elemente, die der Verteilung von Heizwärme respektive der Raumkühlung dienen. Die Energie dafür liefert ein Geothermiesystem, das aus einer Wärmepumpe und 89 Erdwärmesonden besteht.

Um die Effizienz dieser Anlage nicht zu überstrapazieren, steht ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk zur Verfügung, das die Energieversorgung auf Hochtemperaturniveau ergänzt. Auch die Kälteversorgung ist mit einem bivalenten System organisiert: Das Erdreich wird genügen, um die Bettenzimmer kühl halten zu können. Aber überall dort, wo mehr Kälte für die medizinische Versorgung erforderlich ist, lässt sich ein weiteres, elektrisch betriebenes Kühlsystem zuschalten. Dass man die Energieversorgung für den effizienten Betrieb derart spezifisch nach einzelnen Anforderungen aufsplittet, ist für neue Spitäler inzwischen typisch geworden.

Am Bau Beteiligte

 

Bauherrschaft
thurmed Immobilien, Frauenfeld

 

Architektur und Gesamtleitung
Schneider & Schneider Architekten ETH BSA SIA, Aarau

 

Spitalplanung
Institut für Beratungen im Gesundheitswesen, Aarau, mit VAMED Health Project Schweiz, Zürich

 

Landschaftsarchitektur
Appert Zwahlen Partner, Cham

 

Tragkonstruktion
Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel mit BHAteam Ingenieure, Frauenfeld

 

HLKS-Planung
Vadea, Wallisellen

 

Elektroplanung
IBG B. Graf Engineering, Weinfelden

 

Lichtplanung
TT Licht, Zürich

 

Bauphysik/Akustik
Wichser Akustik & Bauphysik, Zürich

 

Brandschutz
Braun Brandsicherheit, Winterthur

 

Gastroplanung
planbar, Zürich

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