Ein Sa­tel­lit mit so­zia­lem Ei­gen­le­ben

Zwei Wohnbauten, Meyrin GE, 2022. Eigentümerschaft: Stadt Meyrin Baurechtsnehmer: Coop ratives d’habitants codha, Coop ratives voisinage Genève. Architektur: labac laboratoire architectures et cultures du bâti, Montreux.

Publikationsdatum
29-06-2023


SITUATION

Meyrin, ein Vorort von Genf, gewann 2022 den Wakkerpreis für die gelungene Reaktivierung des historischen, ländlich geprägten Dorfkerns sowie einen ebenso sorgfältigen Umgang mit der modernen Agglomerationstypologie. Rund um Meyrin wuchsen in den Nachkriegsjahren mehrere Grosssiedlungen aus dem Boden, darunter die erste Satellitenstadt der Schweiz, die «Nouvelle Cité», als Massnahme gegen die damalige Wohnungsnot. Die belebten Sozial- und durchgrünten Siedlungsräume sind bis heute anerkannt. So erlaubt die Gemeinde einzig punktuelle Aufstockungen an den Ensembles. Und für Neuüberbauungen gibt die Behörde vor, sich am landschaftlichen Bezug zu orientieren. Zum Beispiel für das Écoquartier «Les Vergers» mit 1350 Wohnungen und Platz für 3000 Menschen. Neben dem ökologischen Aspekt, Mensch und Natur sowie Baukultur und Biodiversität zusammenzubringen, wird hier besonderen Wert auf eine soziale Aneignung der Wohnstandorte gelegt.


EFFORT

Innenhöfe und Gemeinschaftsgalerien sind offene Räume für die Aktivität der Bewohnerinnen und Bewohner. Diese Innenräume bilden «urbane Brachen», die passiv solar beheizt werden, und als multifunktionale, autonome Orte nutzbar sind. Zudem verändern die Räume selbst den Massstab der Gebäude und unterteilen den Komplex in kleinere Teile, um eine bessere Aneignung der Lebensräume durch die Bewohnerschaft zu ermöglichen. Während der Bauarbeiten wurde der erste «Espace Chantier» der Schweiz realisiert: Den Bauteams und den künftigen Bewohnern wurden Nachhaltigkeitswerte vermittelt. Und eine ökologische Charta und eine partizipative Charta geben dem Engagement der Projektbeteiligten einen verbindlichen Rahmen. Das Neubauquartier versammelt darüber hinaus weitere Bürgerinitiativen, Kunstworkshops oder ein urban farming. Les Vergers vereint insofern individuelle und kollektive Aneignungsprozesse und somit auf Natur und Mensch ausgerichtete Wohnträume.


WERK

Die Hälfte des überbaubaren Grunds gehört der Gemeinde. 2012 veranstaltete sie einen Wettbewerb für gemeinnützige Investoren und wählte acht Bewerbungen aus. Eine Gruppe aus zwei Genossenschaften schlug das Projekt «des lieux et des liens» vor, das sich an der lokalen Baukultur und einem grossformatigen Raster orientiert. Zwei fünf- bis achtgeschossige Riegel schaffen auf einem leicht abfallenden Gelände kollektive Räume gruppieren das Wohnumfeld. Die Wohnbauten sind «Lebensräume» und nicht «Immobilienobjekte»: Statt auf das «fertige Produkt» richtet sich die Architektur auf die Nutzerinnen und Nutzer und ihre Bedürfnisse aus, insbesondere dank vernetzter und differenzierter Übergangsräume, die dem komplexen und sich verändernden Charakter des Lebens und der sozialen Strukturen gerecht werden. Die «rue intérieure» verbindet in jedem der beiden Gebäude auf drei verschiedenen Ebenen die vertikale Erschliessung mit den Gemeinschaftsräumen und den Wohnungen.

SDG-Plakat: Wohnbauten «Les Vergers», Meyrin

SDG-Plakat: Wohnbauten «Les Vergers», Meyrin