Der Bo­dy-Mass-In­dex des Pla­ne­ten

Die Erdkugel besteht aus fast 100 chemischen Elementen. Nicht einmal zehn bilden 99 % der irdischen Masse, derer sich die Menschheit so bedenkenlos bedient. Aber wie gut kennt sie die Rezeptur? Teil 8 aus der Serie «Chemie des Bauens».

Publikationsdatum
03-06-2019

Atlas war ein griechischer Gott und kraftstrotzender Titan; seine Aufgabe bestand darin, die Erde ohne Murren auf seinen Schultern zu tragen. Dabei wiegt sie sechs Quadrillionen Tonnen oder 5.972 x 1024 kg. Anders als die Götter interessiert sich die Menschheit aber weniger für das Gewicht des Planeten als dafür, was darin steckt: Die oberste Kruste, die knapp 2 km in die Tiefe geht, birgt vermeintlich unerschöpfliche Ressourcen, auf die die Menschheit zum Bauen, Konsumieren und für das tägliche Leben scheinbar ersatzlos angewiesen ist. Ist dies für den globalen Warenkeller nun wirklich ein Problem?

Auf den ersten Blick erscheint die Menge, die die Industrie gewohnheitsmässig entnimmt, mickrig und vernachlässigbar. Doch würde jeder Erdenbürger so viel Material – Erze, Gesteine und weitere Ressourcen – konsumieren wie ein Durchschnittsschweizer – nämlich 15 Tonnen pro Jahr –, wäre die wertvolle Haut der Erde, die Lithosphäre, in 25 Millionen Jahren abgekratzt. Für die Geologie ist das eine kurze Spanne: Vor genau dieser Zeit begann das Miozän und unser prähistorischer Vorfahre, der Hominide, fing an aufrecht zu gehen. Dauert es abermals so lang, bis der Homo sapiens den Zusatz oecologicus erhält und den globalen Metabolismus nachhaltig und generationengerecht organisieren kann?

Dass es dazu ziemlich viel braucht, bestätigt der «Global Resources Outlook 2019» der UNO: In den letzten 50 Jahren hat sich der Konsum von Ton, Steinen und Sand um den Faktor fünf erhöht; bei den Metallen beträgt die Wachstumsrate 350 %. In derselben Zeit nahm der Verbrauch an fossilen Ressourcen «nur» um das 2½-fache zu. Falls niemand etwas dagegen tut, sagt die Umweltabteilung der Vereinten Nationen bis 2050 aber eine nochmalige Verdoppelung des Materialkonsums voraus. 

Zugegeben: Statistiken sagen wenig über die Verfügbarkeit einzelner Substanzen aus. Würde die äusserste Schicht der Erdkruste aufgebrochen und sortiert, käme folgende ungleichmässige Rezeptur ans Licht: Knapp die Hälfte ist gebundener Sauerstoff; fast ebenso viel machen Silizium, Aluminium, Eisen, Magnesium, Kalium, Calcium und Wasserstoff zusammen aus. Die restlichen über 80 Elemente des Periodensystems ergeben dagegen weniger als 1 % des Erdgewichts. Nicht mitgerechnet ist die Biomasse, unter und über der Erdoberfläche.

Bei den anorganischen Stoffen ist es allerdings fast einerlei, ob sie reichlich oder selten vorkommen. Das natürliche, geogene Angebot wird generell knapp, weil die Nachfrage weiter stark wächst. Diesen Heisshunger bezeichnet nicht nur die Wissenschaft als Hauptschuldigen für die bedrohliche Umweltzerstörung. Ob Klimawandel, Rückgang der Biodiversität, Wasserknappheit oder Verlust an fruchtbaren Böden: Die globalen und regionalen Probleme sind eine direkte Folge der Wegwerfmentalität im globalen Stoffhaushalt. Um etwas dagegen zu tun, müsste man mehr darüber wissen. Doch wie macht man darauf aufmerksam, dass die Gesundheit des bewohnten Planeten leidet? 

Beim Menschen würde man den Body-Mass-Index messen und so das Schrumpfen aufzeigen. Das «International Resource Panel» (IRP), ein dem Weltklimarat vergleichbares UNO-Gremium, wählt derweil eine Bilanz, die auf dem Pro-Kopf-Warenumsatz beruht. Gemäss IRP-Bericht 2018 wären 8 t pro Jahr tolerierbar, also die Hälfte dessen, was ein Schweizer heute konsumiert. Auch der «ökologische Fussabdruck» erfasst die natürlichen Stoffflüsse buchhalterisch.

Die Ökoanalyse von industrialisierten Länder wie der Schweiz sieht ernüchternd aus: Die natürlichen Reserven werden derart massiv überbeansprucht, dass nicht einmal drei Planeten genügen. Und noch weiter gehen Umweltorganisationen, die sich mit der «planetaren Belastbarkeitsgrenzen» befassen. Dabei wird die natürliche Toleranz bisweilen um das Zwanzigfache missachtet. Wie man misst, ist weniger wichtig als das bedauerliche Fazit: Eine Erde ist nicht genug. Dass Atlas mehrere Planeten zu schultern vermag, haben ihm aber nicht einmal die Griechen zugetraut.

2019 ist das internationale Jahr des Periodensystems. Die Kolumne «Die Chemie des Bauens» geht wöchentlich den natürlichen Elementen und ihren Eigenschaften auf die Spur und sucht die gebaute Umwelt mitsamt Umgebung nach ihren atomaren Zutaten ab.


Weitere Artikel aus dieser Serie finden Sie hier.

Verwandte Beiträge