Bern er­hält den Bin­ding Preis für Bio­di­ver­si­tät 2022

Stadtgrün Bern rückte die Biodiversität mit dem Aktionsjahr «Natur braucht Stadt» in den öffentlichen Fokus. Nun gewann die Hauptstadt dafür den Binding Preis. Die Jury überzeugte, dass sich so viele Akteure gemeinsam dafür einsetzten, die Naturvielfalt der Stadt nachhaltig zu erhöhen. Mit dem Preisgeld will Bern das Öko-Netzwerk der Stadt verbessern.

Publikationsdatum
07-09-2022

Die Natur in der Stadt hat einen schweren Stand: Viele Menschen und intensive Nutzung, versiegelte Flächen, sommerliche Hitze und Trockenheit – und doch finden sich im städtischen Raum auch besonders viele verschiedene Lebensräume in unmittelbarer Nähe zueinander. Am Waldrand und in Stadtparks, in Hinterhöfen, auf begrünten Dächern, in Efeufassaden und trockenen Mauern finden Gartenrotschwanz, Siebenschläfer, Bergmolch oder der leuchtend gelbe Zitronenfalter, was sie zum Leben brauchen.

Biodiversität umfasst die Vielfalt der Arten, die genetische Vielfalt sowie die Vielfalt der Lebensräume. Will man diese Vielfalt fördern und schützen, muss man anpacken und naturnahe Lebensräume schaffen. Stadtgrün Bern wollte nicht nur die eigenen Grünflächen naturnah bewirtschaften, sondern auch die Bevölkerung für die Biodiversität begeistern. Ein Jahr lang haben sie die Biodiversität zuoberst auf die Prioritätenliste gesetzt. Für das Aktionsjahr «Natur braucht Stadt», das 2021 durchgeführt wurde, hat Bern nun den Binding Preis für Biodiversität gewonnen.

Die treibende Kraft hinter dem gekürten Projekt «Natur braucht Stadt» heisst Sabine Tschäppeler, sie leitet die Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern. Das Aktionsjahr «Natur braucht Stadt» war aber nicht nur das Projekt einer Fachstelle, sondern initiierte ein gemeinsames Engagement von öffentlicher Hand, Museen, Wissenschaft sowie privaten Organisationen und Personen. Die Vielfalt der Massnahmen ist eindrücklich: Aufwertungen im öffentlichen und privaten Raum, Ausstellungen, Spaziergänge, eine Zertifizierung biodiverser Gärten und Balkone, Kunst im öffentlichen Raum, Glacé- und Bierkreationen, über 80 Veranstaltungen – es scheint als habe sich ganz Bern für die Biodiversität engagiert. Die einzelnen Teilprojekte entstanden auf Initiative der zahlreichen Beteiligten. Das übergeordnete Ziel, so Tschäppeler, war aber von Anfang an: «So viel Wissen weitergeben, dass alle selbst aktiv werden können.»

Spaziergänge vermitteln Bilder

«Natur braucht Stadt» sollte die breite Bevölkerung unabhängig des individuellen Wissensstands erreichen. Zu Beginn stand also die Aufgabe, zu vermitteln, was Biodiversität überhaupt ist. Auf sieben Spaziergängen durch die Berner Quartiere weisen 80 Infotafeln und rote Bilderrahmen auf leicht zu übersehende Elemente in der Umgebung hin: Ein Asthaufen dient als Rückzugsort für Igel, in einer Steinmauer leben Echsen, und die braune, ausgetrocknete Pfütze dient Libellen als Brutstätte. Solche naturnahen Lebensräume im Stadtraum können durchaus auch als Unordnung empfunden werden: «Sie sind vielleicht nicht für alle auf Anhieb als wertvolle Nahrungsquellen und Lebensräume erkennbar», so Tschäppeler. Der Blick durch den roten Bilderrahmen rückte Unscheinbares in den Fokus und schuf so wortwörtlich ein Bild dessen, was Biodiversität meint. Ein begleitendes Veranstaltungsprogramm sowie Ausstellungen zu einheimischen Sträuchern, Pflanzen, Wildtieren und Nisthilfen vertieften und ergänzten die Themen der Spaziergänge.

Praxishandbuch als Nachschlagewerk

Für alle, die sich bereits ein Bild der Biodiversität geschaffen haben und den eigenen Grünraum oder Balkon naturnaher gestalten wollen, bietet das Berner Handbuch für Biodiversität «Natur braucht Stadt» die konkrete Anleitung. Immer wieder hätten sich Private mit Fragen zur Umgestaltung und Pflege an die Fachstelle gewandt: «Diese Antworten wollten wir bündeln, thematisch aufarbeiten und allen frei zur Verfügung stellen», so Tschäppeler.

Das Berner Handbuch hält, was der Titel verspricht: Es ist ein dickes Nachschlagewerk, das in verschiedensten Themenbereichen tief ins Detail geht und den heutigen Wissenstand umfassend wiedergibt. Wobei Tschäppeler betont, dass man auch schon mit wenig Aufwand viel erreichen kann: «Die Natur braucht etwas Platz und etwas Zeit, um sich zu entwickeln. Und wenn man schon nur etwas Wildnis zulassen kann, ist das viel wert.»

Anpacken im öffentlichen Raum

Die Stadt Bern ging selbst mit gutem Beispiel voran: Sie entsiegelte öffentliche Plätze, wertete Strassenräume auf und gestaltete Grünräume um. In der Winterhalde in Bümpliz beispielsweise wurde kurz geschnittener Rasen zu einer bunten Blumenwiese aufgewertet, neue Teiche angelegt und eine Hecke mit einheimischen Sträuchern und Kleinstrukturen erweitert. So wird aus Grün lebendigeres und vielfältigeres Grün. Priorität sei aber ein Verhindern von zu viel Grau: «Entsiegelung ist die wichtigste Massnahme überhaupt, denn Natur braucht Boden. Das ist der erste Schritt, damit überhaupt die Möglichkeit besteht, dass sich Biodiversität entwickeln kann», erklärt Sabine Tschäppeler.

Beim Tiefbauamt sei man offene Türen eingerannt, denn auch kleinere entsiegelte Flächen dienen nicht nur der Biodiversität, sondern auch der Klimaanpassung. Unversiegelte Flächen speichern weniger Hitze, und Wasser kann versickern, was lokal sowohl der Hitzeminderung dient als auch die Überschwemmungsgefahr senken kann. Und auch die Kosten für den Unterhalt bleiben überschaubar, wenn man hier den Mut hat, etwas Wildnis zuzulassen. Biodiversität und Klimaanpassung gehen also Hand in Hand: Je mehr unversiegelter Boden, desto besser.

Auszeichnung für naturnahe Gärten

«Für die Biodiversität zählt jeder Quadratmeter Fläche», erklärt Tschäppeler. Jeder Quadratmeter im öffentlichen Raum, aber auch jeder Quadratmeter auf privatem Boden: «Wir wollten das private Engagement für die Biodiversität stärken und auszeichnen, denn es gibt zahlreiche Menschen, die mit viel Herzblut wertvolle Lebensräume schaffen und pflegen.» Die Auszeichnungen «BiodiversitätsGarten» und «Besonders wertvoller BiodiversitätsGarten» werden auf Antrag und nach einem Augenschein der Fachstelle vor Ort verliehen. Mindestanforderungen an Fläche und Beschaffenheit sowie eine bestimmte Punktzahl an definierten Lebensraumtypen wie beispielsweise Obstbäume, Asthaufen oder Wildhecken müssen erreicht werden. Eine kleine Plakette am Gartenzaun informiert Vorbeigehende.

Die Neugier von Passanten wird damit direkt bedient. Sie schafft gleichzeitig noch mal mehr Sichtbarkeit für die Biodiversität, die an der Plakette angebrachten QR-Codes, die auf die Website von Stadtgrün Bern verlinken, werden aktiv genutzt. Tschäppeler freut sich: «Im ersten Jahr hatten wir rund 70 Anmeldungen, von denen wir 52 auszeichnen konnten. 2022 hatten wir nochmals fast 40 Anmeldungen, die Preisverleihung steht noch aus.»

Das Projekt BiodiversitätsGarten wird unabhängig vom Aktionsjahr «Natur braucht Stadt» weitergeführt und soll noch mehr Personen motivieren, ihre privaten Aussenräume naturnah zu gestalten. Das Ziel ist aber ein stadtweites Netzwerk an Lebensräumen, in denen sich die Natur auch spontan ausbreiten kann.

Ein starkes Netzwerk für die Biodiversität

Der Binding Preis soll diesem Vorhaben Schub geben. Der mit 100'000 Franken höchstdotierte Umweltpreis der Schweiz ist nämlich an eine Bedingung geknüpft: 10'000 Franken stehen zur freien Verfügung, 90'000 Franken sind zur Fortführung oder Weiterentwicklung des prämierten Projekts reserviert und können innert fünf Jahren bei der Sophie und Karl Binding Stiftung bezogen werden.

Auch mit dieser grossen Auszeichnung ist für die Verantwortlichen klar: Die Stadt Bern ist auf dem Weg und noch nicht am Ziel. «Aktuell fehlt es uns an Mitteln und Möglichkeiten, um konkrete Massnahmen auf privatem Boden zu fördern», so Tschäppeler. Aber nicht etwa jeder Stein- und Asthaufen soll unterstützt werden, sondern das ökologische Netzwerk der Stadt ganz gezielt ausgebaut werden: «Für die Kreuzkröte ist es wichtig, dass es alle paar hundert Meter einen Teich hat, für kleinere Schmetterlingsarten sind genügend entsiegelte Flächen entscheidend, weil sie Asphalt ab gewissen Dimensionen nicht mehr überqueren können.»

So sollen mit der Förderung der Binding Stiftung entlang der wichtigen Verbindungswege Barrieren abgebaut, Fallen beseitigt und Trittsteine angelegt werden können. Sodass Libellen, Fledermäuse, Kröten, Igel, Käfer, Eidechsen und alles sonst, was kreucht und fleucht, sich in Bern zukünftig noch wohler fühlen können.  

Die Preisverleihung des Binding Preis für Biodiversität findet am 12. September 2022 in der grossen Orangerie der Elfenau in Bern statt.

 

Weitere Informationen: preis-biodiversitaet.ch